Scholz warnt vor Schein-Frieden in der Ukraine
20.09.2023 - 03:47:50 | dpa.de
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat sich in seiner Rede vor den Vereinten Nationen hinter die internationalen BemĂŒhungen um Frieden in der Ukraine gestellt.
«Zugleich mĂŒssen wir uns vor Schein-Lösungen hĂŒten, die "Frieden" lediglich im Namen tragen», mahnte er am Dienstagabend in der Generaldebatte der UN-Vollversammlung. «Denn: Frieden ohne Freiheit heiĂt UnterdrĂŒckung. Frieden ohne Gerechtigkeit nennt man Diktat. Das muss nun endlich auch Moskau verstehen.»
Den russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin forderte Scholz erneut auf, den Krieg zu beenden. Er warb in seiner Rede auch fĂŒr eine Reform des seit langem blockierten UN-Sicherheitsrats, fĂŒr mehr Einfluss der LĂ€nder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas in der Welt und generell fĂŒr eine stĂ€rkere internationale Zusammenarbeit.
Seit der russischen Invasion in der Ukraine sind 19 Monate vergangen, ohne dass ein Ende in Sicht ist. Es gibt aber FriedensbemĂŒhungen vor allem der LĂ€nder, die sich als neutral verstehen und Russland nicht mit Sanktionen belegen. Dazu gehören Brasilien, Indien und Saudi-Arabien. Im August trafen sich in der saudischen Hafenstadt Dschidda Vertreter aus mehr als 40 LĂ€ndern, um sich ĂŒber Wege zum Frieden auszutauschen - darunter die USA, EU-Staaten und mit China erstmals auch der wichtigste VerbĂŒndete Russlands.
Scholz hat immer wieder vor Diktat-Frieden gewarnt
Scholz sagte zu diesen BemĂŒhungen: «Gerade weil dieser Krieg unertrĂ€gliche Folgen rund um den Globus hat, ist es gut und richtig, dass sich die Welt auch an der Suche nach Frieden beteiligt.» Der Kanzler hat aber von Anfang an vor einem Diktat-Frieden gegen den Willen der Ukraine gewarnt. Kiew fordert den kompletten Abzug der russischen Truppen aus besetztem Territorium inklusive der ukrainischen Halbinsel Krim, die Russland 2014 annektiert hat.
«Vergessen wir nicht: Russland ist fĂŒr diesen Krieg verantwortlich. Und es ist Russlands PrĂ€sident, der ihn mit einem einzigen Befehl jederzeit beenden kann», betonte Scholz. «Doch damit er das tut, muss er verstehen, dass wir â die Staaten der Vereinten Nationen â es ernst meinen mit unseren Prinzipien.» In einer multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts sei kein Platz mehr fĂŒr Revisionismus und Imperialismus.
Scholz' Ehefrau Britta Ernst als Zuschauerin dabei
Scholz hatte bereits im vergangenen Jahr in der UN-Generalversammlung gesprochen - als erster Kanzler seit 15 Jahren. Seine VorgÀngerin Angela Merkel (CDU) war in ihrer 16-jÀhrigen Amtszeit nur einmal - und zwar im Jahr 2007 - in einer Generaldebatte aufgetreten.
Zu spĂ€ter Stunde am Dienstagabend waren die Reihen in der Vollversammlung wĂ€hrend des Scholz-Auftritts nur spĂ€rlich besetzt. Auf den PlĂ€tzen der deutschen Delegation verfolgte aber AuĂenministerin Annalena Baerbock die Rede. Scholz' Ehefrau Britta Ernst nahm als Zuschauerin ebenfalls an der Sitzung teil.
FĂŒr «ergebnisoffene Verhandlungen» ĂŒber UN-Reform
Scholz machte sich wie im vergangenen Jahr fĂŒr eine Reform des UN-Sicherheitsrats stark, setzte sich aber diesmal nicht offensiv fĂŒr einen stĂ€ndigen Sitz Deutschlands ein. Die UN bildeten die RealitĂ€t einer multipolaren Welt nicht ausreichend ab, sagte er. «Nirgendwo ist das so augenfĂ€llig wie bei der Zusammensetzung des Sicherheitsrats.»
Klar sei, dass Afrika, Asien und Lateinamerika mehr Gewicht in dem Gremium gebĂŒhre. «Unter dieser PrĂ€misse lĂ€sst sich ĂŒber einen Text mit verschiedenen Optionen verhandeln. Solche ergebnisoffenen Verhandlungen sollte kein Land mit Maximalforderungen blockieren. Auch wir tun das nicht», betonte der Kanzler.
Der Sicherheitsrat ist das wichtigste Gremium der Vereinten Nationen und fĂŒr Konfliktlösung und Friedenssicherung zustĂ€ndig. Ihm gehören 15 der 193 UN-Mitgliedstaaten an. FĂŒnf AtommĂ€chte sind stĂ€ndig dabei und haben Vetorecht bei allen Entscheidungen: die USA, China, Russland, GroĂbritannien und Frankreich. Einige der anderen 188 Mitgliedstaaten wechseln sich auf den verbleibenden zehn Sitzen alle zwei Jahre ab.
Sicherheitsrat schon lÀnger handlungsunfÀhig
Deutschland bewirbt sich alle acht Jahre fĂŒr einen Sitz, das nĂ€chste Mal fĂŒr 2027/28. Die Bundesregierung erhebt auĂerdem den Anspruch, bei einer Erweiterung der stĂ€ndigen Sitze als gröĂte Wirtschaftsmacht Europas berĂŒcksichtigt zu werden.
Seit Jahren gilt das Gremium wegen gegenseitiger Blockaden der USA, Chinas und Russlands in zentralen Fragen als weitgehend handlungsunfĂ€hig. Ăber eine grundlegende Reform des Sicherheitsrats wird seit Jahrzehnten diskutiert, ohne dass es Fortschritte gibt.
Er freue sich nun, dass immer mehr Partner â darunter drei der fĂŒnf stĂ€ndigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats â erklĂ€rt hĂ€tten, in der Reformfrage vorankommen zu wollen, sagte Scholz. Damit meint er die USA, GroĂbritannien und Frankreich.
Scholz wirbt fĂŒr Ausbau internationaler Zusammenarbeit
Scholz betonte in seiner Rede erneut, wie wichtig ihm der Ausbau internationaler Zusammenarbeit gerade auch mit den LĂ€ndern des sogenannten Globalen SĂŒdens sei. «Unsere Freiheit, unsere Demokratie und unser Wohlstand sind zutiefst mit dem Wohlergehen Europas und der Welt verknĂŒpft», betonte er. Die StĂ€rkung bestehender Allianzen sei genauso wichtig wie die Suche nach neuen Partnern. «Denn nur so lassen sich auch die Risiken allzu einseitiger AbhĂ€ngigkeiten abbauen.»
Warnung vor Risiken KĂŒnstlicher Intelligenz
Kurz ging der Kanzler auf die zunehmende Bedeutung KĂŒnstlicher Intelligenz (KI) ein. Er verwies auf die groĂen Chancen, warnte aber auch vor den Risiken. KI könne «die Spaltung der Welt zementieren, wenn nur einige davon profitieren, wenn Algorithmen nur einen Teil der RealitĂ€t berĂŒcksichtigen, wenn der Zugang auf die reicheren LĂ€nder beschrĂ€nkt ist.» Bei der Suche nach internationalen Regeln fĂŒr KI in einem globalen Abkommen (Global Digital Compact) sollte es auch um den Einsatz KĂŒnstlicher Intelligenz als Waffe gehen, forderte Scholz.
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