USA, Russland

GefĂ€hrlich und geĂ€chtet: Streubomben fĂŒr die Ukraine?

07.07.2023 - 15:44:28 | dpa.de

Abgerissene HĂ€nde, verstĂŒmmelte Beine: Fotos von Streubomben-Opfern zeigen das Leid, das diese Waffen anrichten. Jetzt soll die ukrainische Armee von den USA damit versorgt werden.

Überreste von Streumunition liegen in Ayii im SĂŒdsudan an einer RĂ€umungsstelle. - Foto: Sam Mednick/AP/dpa

Die Aufregung war groß, als der ukrainische Vizeregierungschef Olexander Kubrakow Mitte Februar auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz von den westlichen VerbĂŒndeten die Lieferung von Streumunition forderte. Wie Russland wolle auch sein Land diese Art von Kampfmitteln nutzen, also Waffengleichheit schaffen. «Es ist unser Staatsgebiet», betonte er. Die Munition könne dazu beitragen, den Angreifern standzuhalten.

Damals waren die VerbĂŒndeten noch sehr zurĂŒckhaltend. Das lag vor allem daran, dass einige Nato-Staaten - darunter Deutschland - den Einsatz dieser gefĂ€hrlichen Waffen per internationalem Abkommen geĂ€chtet haben. Jetzt gibt es die Kehrtwende. Die USA haben sich entschieden, Streumunition an die Ukraine zu liefern. «Wir werden die Ukraine in dieser Konfliktphase zu keinem Zeitpunkt schutzlos zurĂŒcklassen. Punkt», sagte der Sicherheitsberater von US-PrĂ€sident Joe Biden, Jake Sullivan, am Freitag zur BegrĂŒndung. Es ist wieder mal ein qualitativ neuer Schritt bei der militĂ€rischen UnterstĂŒtzung der Ukraine.

Was ist Streumunition und wie funktioniert sie?

Eine Streubombe ist ein BehĂ€lter aus Metall, der Hunderte kleiner SprengsĂ€tze (Bomblets) enthĂ€lt. Oft sehen sie aus wie bunte GetrĂ€nkedosen oder TennisbĂ€lle. Streubomben werden entweder von einem Flugzeug abgeworfen oder vom Boden aus abgefeuert. Sie öffnen sich in der Luft und setzen ihre Mini-SprengsĂ€tze auf einem Gebiet frei, das von der GrĂ¶ĂŸe her mehreren Fußballfeldern entspricht. Die Bomblets sollen beim Aufprall explodieren. Ihre Metallteile können Fahrzeuge durchschlagen, Menschen und Tiere töten oder schwer verletzen. Streubomben werden eingesetzt, um feindliche BodenkrĂ€fte und Fahrzeuge großflĂ€chig anzugreifen, sie zurĂŒckzudrĂ€ngen oder ihr VorrĂŒcken zu verlangsamen oder zu stoppen.

Wie kann die Munition bei der Gegenoffensive helfen?

Vor Beginn der seit wenigen Wochen laufenden Gegenoffensive der Ukraine haben die russischen Truppen Verteidigungslinien mit kilometerlangen GrĂ€ben, Panzerfallen und Minen aufgebaut. Das KalkĂŒl der US-Regierung ist nach einem Bericht der «New York Times», diese Verteidigungslinien nun mit Hilfe der Streumunition schwĂ€chen oder durchbrechen zu können. Aus dem Pentagon hatte es am Donnerstag geheißen, man wĂŒrde Geschosse mit einer geringeren Rate an BlindgĂ€ngern auswĂ€hlen.

Was macht Streumunition so gefÀhrlich?

Ein Teil der Mini-Bomben explodiert oft nicht und bleibt als BlindgĂ€nger im Boden stecken. Ähnlich wie Landminen werden sie jahrzehntelang zur Bedrohung, weil sie auch nach Kriegsende durch ErschĂŒtterung explodieren können. Oft trifft es Kinder, die Streubomben mit Spielzeug verwechseln können. Zu den Opfern gehören auch Bauern, die bei der Feldarbeit auf BlindgĂ€nger stoßen. Wenn Menschen ĂŒberleben, erleiden sie oft VerstĂŒmmelungen, Verbrennungen und können erblinden.

Wo wurde Streumunition schon eingesetzt?

Streubomben wurden schon im Zweiten Weltkrieg von deutschen und sowjetischen StreitkrĂ€ften benutzt. Die Nothilfeorganisation Handicap International berichtet in ihrem jĂŒngsten Streubomben-Monitor fĂŒr 2022, dass seitdem mindestens 23 Staaten darauf zurĂŒckgegriffen haben. Seit 2010 registrierte die Organisation den Einsatz von Streubomben in der Ukraine, in Kambodscha, Libyen, Sudan, SĂŒdsudan und im Jemen. Im Ukraine-Krieg seien sie von beiden Seiten eingesetzt worden. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat immer wieder kritisiert, dass dabei Zivilisten verletzt und getötet wurden.

Was steht in dem Abkommen gegen Streumunition?

Das Übereinkommen ĂŒber Streumunition (Convention on Cluster Munition oder Oslo-Übereinkommen) trat 2010 in Kraft. In dem Vertrag verpflichten sich Staaten, «unter keinen UmstĂ€nden jemals Streumunition einzusetzen, zu entwickeln, herzustellen, auf andere Weise zu erwerben, zu lagern, zurĂŒckzubehalten oder an irgendjemanden unmittelbar oder mittelbar weiterzugeben».

Wer ist dem Vertrag beigetreten und wer nicht?

Bislang haben 111 Staaten diesen Vertrag ratifiziert, darunter auch Deutschland. 74 LĂ€nder haben das bisher nicht getan. Dazu zĂ€hlen neben der Ukraine, Russland und Belarus auch die Nato-Staaten USA, Estland, Lettland, Finnland, TĂŒrkei, Griechenland, Polen und RumĂ€nien.

Wie verhĂ€lt sich die Bundesregierung zu den US-Überlegungen?

Sie verweist zwar darauf, dass Deutschland dem Abkommen zur Ächtung von Streumunition beigetreten ist, Ă€ußert aber gleichzeitig VerstĂ€ndnis fĂŒr die US-Entscheidung. In der Ukraine bestehe eine «besondere Konstellation», sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Freitag. «Die Ukraine setzt eine Munition zum Schutz der eigenen Zivilbevölkerung ein. Es geht um einen Einsatz durch die eigene Regierung zur Befreiung des eigenen Territoriums.» Außerdem verwies Hebestreit - wie schon im Februar der ukrainische Vizeregierungschef - darauf, dass Russland «in einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine bereits in großem Umfang Streumunition eingesetzt» habe.

VerfĂŒgt die Bundeswehr denn noch ĂŒber solche Munition?

Nein. Bereits 2001 hat die Bundeswehr mit der Entsorgung ihrer BestĂ€nde begonnen und sie im November 2015 abgeschlossen. Auch eine Weitergabe von in Deutschland produzierter Streumunition durch andere LĂ€nder wĂŒrde die Bundesregierung nicht genehmigen, weil sie dem Abkommen zur Ächtung beigetreten ist.

Wie hat Russland auf die US-Medienberichte reagiert?

Russland warnt vor einer Zunahme der Gewalt im Krieg, sollten die USA Streumunition an die Ukraine liefern. «Das ist ein neuer Schritt in Richtung einer Eskalation des Konflikts», sagte der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, wirft den USA ein Ablenkungsmanöver vor, wenn sie von angeblich «weniger gefĂ€hrlicher» Streumunition fĂŒr die Ukraine sprĂ€chen.

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