UNICEF, Ukraine

Unicef: «Viele Kinder kennen nur das Leben im Schutzkeller»

22.11.2025 - 05:30:08

Armut, Depressionen, Stress durch Luftangriffe und StromausfĂ€lle, LernrĂŒckstĂ€nde: Der Krieg in der Ukraine dauert fast vier Jahre und hat auch die Millionen im Land gebliebenen Kinder gezeichnet.

Nach fast vier Jahren russischem Angriffskrieg sind nach Angaben von Unicef sieben von zehn Kindern in der Ukraine von Armut betroffen. «Es fehlt ihnen an grundlegenden Dingen fĂŒr das tĂ€gliche Leben», sagte der GeschĂ€ftsfĂŒhrer von Unicef Deutschland, Christian Schneider, der Deutschen Presse-Agentur nach einem Besuch im ostukrainischen Gebiet Charkiw. Dennoch seien viele Menschen weiter gewillt, selbst in frontnahen Gebieten zu bleiben. Von ursprĂŒnglich etwa siebeneinhalb Millionen Kindern seien weiter etwa fĂŒnf Millionen in dem osteuropĂ€ischen Kriegsland geblieben.

Vor dem kommenden Winter versorge die UN-Organisation gerade Schulen und KindergĂ€rten angesichts der stĂ€ndigen StromausfĂ€lle mit Generatoren, geholfen werde beim Abdichten und Erneuern von Fenstern. «Damit diese Einrichtungen fĂŒr die Kinder warme Orte sein können inmitten des einbrechenden Winters», sagte Schneider. In frontnahen Gebieten gehe es auch um die Ausstattung von Schutzkellern in Bildungseinrichtungen.

«Ein Leben voller Ängste, AlptrĂ€ume und Attacken» 

Ziel sei es, den Kindern etwas StabilitĂ€t zu geben und PrĂ€senzunterricht zu ermöglichen. Dabei habe er auch vierjĂ€hrige MĂ€dchen und Jungen in einem Kindergarten getroffen. «Sie haben in ihrer kurzen Lebensspanne nie etwas anderes kennengelernt als ein Leben im Luftschutzkeller, ein Leben voller Ängste, AlptrĂ€ume und stĂ€ndig neuer Attacken», so Schneider. Inzwischen gebe es durch Unterbrechungen des Unterrichts wegen der Luftangriffe und StromausfĂ€lle immer hĂ€ufiger LernrĂŒckstĂ€nde. «Wir gehen davon aus, dass zum Beispiel bei 15-JĂ€hrigen ein BildungsrĂŒckstand mittlerweile von durchschnittlich zwei Jahren im Lesen zu sehen ist», konstatierte der Unicef-Vertreter.

Nach Ansicht der örtlichen Mitarbeiter des Kinderhilfswerks zeigen ĂŒber 80 Prozent der Kleinkinder Anzeichen emotionaler Belastung. «Teilweise Entwicklungsverzögerungen, was durch die KriegserschĂŒtterungen bedingt ist.» Jedes zweite Kind habe die Vorschulzeit komplett verpasst, weil es kaum sichere KindergĂ€rten gebe. Und auch bei Ă€lteren Kindern seien Kriegsfolgen sichtbar. «Etwa ein Drittel der Jugendlichen ist so sehr von einer Traurigkeit und von depressiven ZustĂ€nden erfasst, dass sie nur schwer noch den alltĂ€glichen Dingen nachgehen können», stellt Schneider fest.

Auch die Eltern sind zermĂŒrbt 

Die Kriegsbelastungen zehren auch an den MĂŒttern und VĂ€tern. «Viele Eltern sind durch die lange Kriegsdauer gerade in der Region Charkiw in den frontnahen Gemeinden wirklich zermĂŒrbt», sagt Schneider. Gerade deshalb seien geöffnete KindergĂ€rten und Schulen mit Schutzkellern wichtig. FĂŒr die MĂŒtter sei es eine Erleichterung, ihre Kinder wenigstens ein paar Stunden am Tag an einem sicheren Ort zu wissen, sagte der Unicef-GeschĂ€ftsfĂŒhrer.

Im Februar 2022 marschierte die russische Armee in die Ukraine ein. Der Angriff verursachte unter anderem die grĂ¶ĂŸte Fluchtbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Unicef ist das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen.

@ dpa.de