EU-BeitrittgesprÀche: Michel dÀmpft Erwartungen in Kiew
21.11.2023 - 13:05:01 | dpa.deEU-RatsprĂ€sident Charles Michel hat bei einem Besuch in der Ukraine davor gewarnt, eine schnelle Entscheidung ĂŒber den Start von EU-Beitrittsverhandlungen mit dem Land als SelbstlĂ€ufer zu sehen.
Ein Teil der EU-Mitgliedstaaten habe deutlich gemacht, dass sie gerne genau nachdenken wĂŒrden, bevor im Beitrittsprozess der nĂ€chste Schritt beschlossen werde, erklĂ€rte der Belgier vor Journalisten im Zug bei der Einfahrt nach Kiew. Man arbeite hart daran, bis zum EU-Gipfel im Dezember zu einer einheitlichen Position zu kommen. Die politischen Schwierigkeiten seien allerdings nicht zu unterschĂ€tzen - auch weil zugleich schwierige Haushaltsentscheidungen zu treffen seien.
Michel sagte nicht, welche EU-Staaten den Beginn von Beitrittsverhandlungen fĂŒr das Land blockieren könnten, das sich seit Februar 2022 gegen den russischen Angriffskrieg wehrt. Er verwies lediglich allgemein darauf, dass es neben grundsĂ€tzlich zurĂŒckhaltenden Staaten auch noch eine andere schwierige Gruppe gebe. Diese sei der Ansicht, dass derzeit die Westbalkanstaaten im Beitrittsprozess priorisiert werden sollten, weil diesen bereits vor mehr als 20 Jahren die Aufnahme in die EU versprochen worden sei. Diese LĂ€nder seien nicht gegen neue Schritte fĂŒr die Ukraine, wollten aber die Zusicherung, dass es auch fĂŒr Westbalkanstaaten wie Bosnien-Herzegowina vorangehe, erklĂ€rte Michel.
Ungarn lehnt Beginn von Beitrittsverhandlungen entschieden ab
Bekannt ist derzeit, dass der ungarische MinisterprĂ€sident Viktor Orban den von der EU-Kommission empfohlenen Beginn von Beitrittsverhandlungen mit Kiew entschieden ablehnt. «Die Ukraine ist in keinerlei Hinsicht in einer Verfassung, um ĂŒber ihre Beitrittsambitionen zu verhandeln», sagte Orban vor eineinhalb Wochen. Als Staaten, die auf Fortschritte im EU-Beitrittsprozess mit Balkanstaaten drĂ€ngen, gelten insbesondere Ăsterreich und Slowenien.
Michel hatte in den vergangenen Tagen informelle GesprĂ€che mit zahlreichen EU-Staats- und Regierungschefs gefĂŒhrt und wollte bei seinem Besuch in Kiew nun mit dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj ĂŒber die Lage reden.
Der Belgier hatte zuletzt mit der Aussage fĂŒr Aufsehen gesorgt, dass die Ukraine aus seiner Sicht bereits 2030 zur EU gehören könnte, wenn das Land notwendige Reformen umsetzt, die Korruption bekĂ€mpft und die rechtlichen Voraussetzungen erfĂŒllt. Zugleich muss es seiner Meinung nach aber auch EU-interne Reformen geben - zum Beispiel um Entscheidungsprozesse zu beschleunigen.
Noch nicht vollstĂ€ndig erfĂŒllte Reformauflagen
Derzeit wartet die Ukraine auf eine Entscheidung ĂŒber den Start von Beitrittsverhandlungen. Die EU-Kommission hatte diesen Schritt vor zwei Wochen grundsĂ€tzlich empfohlen, die Regierungen der EU-LĂ€nder mĂŒssen diesem allerdings noch zustimmen. Eine Entscheidung soll beim letzten regulĂ€ren Gipfeltreffen der EU-Staats- und Regierungschefs des Jahres am 14. und 15. Dezember fallen.
Ein Hindernis könnten vor allem von der Ukraine noch nicht vollstĂ€ndig erfĂŒllte Reformauflagen sein. Die EU-Kommission vertritt die Meinung, dass diese nur noch Bedingung fĂŒr das Ansetzen der ersten Verhandlungsrunde, aber nicht mehr fĂŒr die Grundsatzentscheidung sein sollten. Die noch nicht abgeschlossenen Reformen betreffen die KorruptionsbekĂ€mpfung, den Minderheitenschutz und den Einfluss von Oligarchen im Land. Die EU-Kommission erwartet, dass sie bis zum nĂ€chsten MĂ€rz umgesetzt werden können.
Michel wollte mit seinem Besuch in der Ukraine am Dienstag auch den Jahrestag der als Euromaidan bezeichneten prowestlichen Demonstrationen fĂŒr die Unterzeichnung eines AnnĂ€herungsabkommens mit der EU wĂŒrdigen. Die dreimonatigen teils gewaltsamen Dauerproteste in der ukrainischen Hauptstadt Kiew begannen vor genau zehn Jahren und fĂŒhrten zum Sturz des damaligen russlandfreundlichen PrĂ€sidenten Viktor Janukowitsch.
Als Folge besetzte Russland die Schwarzmeer-Halbinsel Krim und annektierte diese wenig spĂ€ter. AnschlieĂend unterstĂŒtzte Moskau jahrelang ostukrainische Separatisten in den Gebieten Donezk und Luhansk und startete im Februar 2022 die bis heute andauernde Invasion in die Ukraine.
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