Brasilien-Wahl: Lula gewinnt mit 51,8 Prozent gegen Bolsonaro
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 05:24 Uhr | dpa, AD HOC NEWSBrasiliens Wahlbehörde bestätigt Lula
- Das Oberste Wahlgericht erklärte Luiz Inácio Lula da Silva mit 51,8 Prozent zum Sieger.
- Flávio Bolsonaro lag in der ersten Wahlrunde mit rund 47 Prozent vor Lula.
- Lula kann im Januar 2027 seine vierte demokratische Amtszeit antreten.
Lula gewinnt Brasiliens Präsidentenwahl mit 51,8 Prozent
Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva ist zum Sieger der Präsidentenwahl in Brasilien erklärt worden. Sein rechter Herausforderer Flávio Bolsonaro will das Ergebnis wegen einer kurzfristig um zwei Stunden verlängerten Öffnungszeit der Wahllokale juristisch anfechten.
Oberstes Wahlgericht erklärt Lula zum Sieger
Das Oberste Wahlgericht erklärte den 80 Jahre alten Linkspolitiker mit 51,8 zu 48,2 Prozent der Stimmen zum Wahlsieger. Rund 159 Millionen Brasilianer waren zur Wahl aufgerufen.
Flávio Bolsonaro sagte, er könne das Resultat unmöglich anerkennen. Die Verlängerung sei ein Verstoß gegen die Chancengleichheit.
Streit um verlängerte Wahlzeit
Richter Cristiano Zanin vom Obersten Gerichtshof hatte die Stimmabgabe landesweit bis 19.00 Uhr verlängert. Als Gründe wurden Probleme mit dem öffentlichen Nahverkehr und Schwierigkeiten für Wähler genannt.
Auch Bolsonaros Lager hatte mehr Zeit gefordert, allerdings nur in bestimmten Bundesstaaten. Dort hatten starke Regenfälle, Überschwemmungen und Stromausfälle den Wahlablauf beeinträchtigt.
Lula holt RĂĽckstand aus erster Runde auf
In der ersten Wahlrunde hatte Lula mit rund 45 Prozent hinter Flávio Bolsonaro gelegen, der rund 47 Prozent erreicht hatte. Nun gelang es Lula erstmals seit der Wiedereinführung direkter Präsidentschaftswahlen 1989, einen Rückstand aus der ersten Runde in der Stichwahl aufzuholen.
Bei seinem Amtsantritt im Januar 2027 wird Lula 81 Jahre alt sein. Er kann damit zum ersten brasilianischen Präsidenten werden, der viermal demokratisch ins Amt gewählt wurde, sofern der Widerstand seines Herausforderers erfolglos bleibt.
Rechte gewinnt im Parlament an Stärke
Die Wahl findet in einem politisch tief gespaltenen Land statt. 2023 hatten Anhänger des abgewählten Präsidenten Jair Bolsonaro das Regierungsviertel in BrasĂlia gestĂĽrmt; später wurde der Ex-Militär wegen eines versuchten Staatsstreichs zu 27 Jahren Haft und einem Ă„mterverbot verurteilt.
Bei der Parlamentswahl vor drei Wochen gewann die Rechte deutlich hinzu. Bolsonaros Liberale Partei stellt 121 der 513 Abgeordneten und 28 der 81 Senatoren. Lula wird deshalb Mehrheiten mit anderen Parteien schmieden mĂĽssen.
Soziale Erfolge treffen auf wirtschaftlichen Unmut
Unter Lula sanken die Arbeitslosigkeit und die Armut, der Mindestlohn stieg. Zugleich belasten gestiegene Lebenshaltungskosten, hohe Staatsverschuldung, ausgabenfreudige Politik und ein Skandal um mutmaĂźlichen Betrug bei der Rentenversicherung die Regierung.
Auch die öffentliche Sicherheit war ein zentrales Wahlkampfthema. Lula will ein Ministerium für öffentliche Sicherheit einrichten, während Flávio Bolsonaro mit einer harten Sicherheitspolitik und Hochsicherheitsgefängnissen nach dem Vorbild El Salvadors warb.
Konflikte reichen ĂĽber die Wahl hinaus
Lulas Sieg löst die Spannungen zwischen Regierung, Kongress und Oberstem Gerichtshof nicht auf. Flávio Bolsonaro hatte im Fall eines Wahlsiegs eine Amnestie für seinen unter Hausarrest stehenden Vater angekündigt.
Außenpolitisch bleibt Brasilien unter Lula ein Gegenpol zum Rechtsruck in Teilen Lateinamerikas. Beim Amazonas will der Präsident seinen bisherigen Kurs fortsetzen, nachdem die Entwaldung zurückgegangen ist, das Ziel eines Stopps bis 2030 aber noch nicht erreicht wurde.
Der Wahlausgang fällt in ein politisch polarisiertes Brasilien. Lula kann auf soziale Verbesserungen, sinkende Arbeitslosigkeit und Fortschritte beim Schutz des Amazonas verweisen, zugleich belasten hohe Lebenshaltungskosten, Staatsverschuldung und Vorwürfe rund um die Rentenversicherung seine Regierung.
Die knappe Differenz von 3,6 Prozentpunkten macht deutlich, wie eng das Rennen war. Lulas Rückstand aus der ersten Runde und sein späterer Sieg markieren zugleich eine außergewöhnliche politische Leistung: Er mobilisierte zusätzliche Wähler, ohne dass die starke Stellung des rechten Lagers im Kongress verschwunden wäre.
Mehrheiten bleiben schwierig
Für die kommende Amtszeit wird deshalb nicht allein der Wahlsieg entscheidend sein. Lula muss im Parlament, in dem Bolsonaros Liberale Partei stärkste Kraft ist, erneut wechselnde Bündnisse organisieren. Das kann Reformen verlangsamen und den politischen Streit verschärfen.
Flávio Bolsonaros angekündigte Klage erhöht zunächst den Druck auf Wahlgericht und Obersten Gerichtshof. Eine erfolgreiche Anfechtung würde das Wahlergebnis grundsätzlich verändern; politisch dürfte der Konflikt aber auch dann fortwirken, wenn die Institutionen die Wahl bestätigen. Für Brasilien, seine Wirtschaftspartner und die internationale Klimapolitik steht damit neben der Regierungsbildung auch die Stabilität demokratischer Verfahren im Mittelpunkt.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau: „Lula gewinnt Präsidentschaftswahl in Brasilien“ (26.10.2026)
Der Beitrag bestätigt Lulas Sieg gegen Flávio Bolsonaro und ordnet ihn als Mitteilung der Wahlbehörde ein. Im Unterschied zum ausführlicheren dpa-Bericht nennt die Eilmeldung zunächst keine Einzelheiten zum angekündigten juristischen Vorgehen.
STERN: „Lulas Rivale protestiert: Flávio Bolsonaro fordert Annullierung der Wahl in Brasilien“ (26.10.2026)
Der Artikel bestätigt den Protest und beschreibt die Verlängerung der Öffnungszeit als zentralen Streitpunkt. Anders als die knappe Eilmeldung der tagesschau stellt er heraus, dass auch Bolsonaros Lager eine Verlängerung beantragt habe, allerdings nur für bestimmte Regionen.
Einigkeit besteht über Lulas Wahlsieg und Bolsonaros angekündigte Anfechtung. Unterschiede liegen vor allem in der Detailtiefe zur Verlängerung der Wahlzeit; offen bleibt, wie die zuständigen Gerichte mit dem Einspruch umgehen.
