Russen-Geld fĂŒr die Ukraine? EU will Beschluss im Dezember
24.10.2025 - 02:43:54Die EU ist mit den PlĂ€nen fĂŒr die Nutzung von eingefrorenem russischen Staatsvermögen fĂŒr die Ukraine einen Schritt vorangekommen. Angesichts erheblicher Bedenken des zentralen Akteurs Belgien bleibt allerdings vorerst unklar, ob sie am Ende wirklich umgesetzt werden können. Eine Entscheidung soll kurz vor Weihnachten fallen, wie EU-RatsprĂ€sident AntĂłnio Costa nach einem EU-Gipfel in BrĂŒssel mitteilte, bei dem auch der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj dabei war. Heute Nachmittag will sich zudem die sogenannte Koalition der Willigen in London treffen, um ĂŒber die weitere UnterstĂŒtzung fĂŒr Kiew vor dem Winter zu beraten.
Bei dem Treffen in BrĂŒssel beauftragten die Staats- und Regierungschefs die EU-Kommission damit, so bald wie möglich einen Vorschlag zur Verwendung russischer Vermögenswerte vorzulegen. Auf DrĂ€ngen Belgiens hin soll die Kommission allerdings auch andere Optionen zur Deckung des Finanzbedarfs der Ukraine fĂŒr die Jahre 2026 bis 2027 erarbeiten, wie aus einer am Abend veröffentlichten ErklĂ€rung hervorgeht.
Von einer Einigung auf eine Nutzung des eingefrorenen Vermögens bleibt die EU damit ein ganzes StĂŒck entfernt. Bundeskanzler Merz (CDU) Ă€uĂerte vor drei Wochen noch die Erwartung, es werde beim Gipfel «aller Voraussicht nach dazu eine konkrete Entscheidung geben». Die jetzige ErklĂ€rung ist aber nur ein erster Schritt in diese Richtung und nicht das erwartete starke Signal an Russland. Dazu trug auch bei, dass Ungarns Regierung - die einen vergleichsweise guten Draht nach Moskau hat - sich weigerte, den Text mitzutragen.
Merz sagte mit Blick auf Haftungsfragen und andere Bedenken von belgischer Seite, es gebe wirklich ernsthafte Themen, die man lösen mĂŒsse. Man habe aber verabredet, gemeinsam vorzugehen und einen Weg zu suchen, das russische Geld zu nutzen.
Showdown beim Dezember-Gipfel?
EU-RatsprĂ€sident AntĂłnio Costa zeigte sich nach dem Gipfel dennoch optimistisch. Niemand habe ein Veto eingelegt, sagte er. Man habe die EU-Kommission gebeten, die Arbeit fortzusetzen und technische Fragen zu klĂ€ren. Beim EU-Gipfel am 18. Dezember solle dann eine finale Entscheidung getroffen werden. Ăhnlich Ă€uĂerte sich Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron, nach dessen Empfinden der Wille zu dem Projekt «sehr deutlich» bekrĂ€ftigt wurde.
Beim Thema Entscheidungsdruck widersprach auch der belgische Premierminister Bart De Wever nicht. Er sagte: «Ich denke, wir brauchen vor Ende des Jahres eine Lösung, um die Ukraine im Krieg zu halten und ihre finanziellen Probleme zu lösen.» Als mögliche Alternative zur Nutzung des russischen Staatsvermögens nannte er neue EU-Schulden.
Belgien steht den PlĂ€nen bislang sehr kritisch gegenĂŒber, weil es erhebliche Rechtsrisiken sieht und negative Konsequenzen fĂŒr noch in Russland tĂ€tige europĂ€ische Unternehmen befĂŒrchtet. Das Land ist ein zentraler Akteur, da das russische Geld dort derzeit vom Finanzinstitut Euroclear verwaltet wird. Und mit seinen Bedenken steht Belgien nicht allein.Â
Merz und von der Leyen treiben PlÀne voran
Die vor allem von Merz und EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen vorangetriebenen PlĂ€ne sehen vor, in der EU festgesetztes Geld der russischen Zentralbank zu verwenden, um der Ukraine Darlehen in Höhe von bis zu 140 Milliarden Euro zu geben. Russland soll das Geld nur dann zurĂŒckbekommen, wenn es nach einem Ende des Angriffskriegs gegen die Ukraine Reparationszahlungen leistet. FĂŒr den Fall, dass das eingefrorene russische Geld unerwartet wieder freigegeben werden mĂŒsste, sollen die EU-Staaten Garantien leisten.
Deutsche Unternehmen befĂŒrchten Milliardenverluste
Der belgische Premierminister De Wever will nur dann eine Umsetzung der PlĂ€ne ermöglichen, wenn es eine vollstĂ€ndige Vergemeinschaftung des Risikos gibt. Ferner verlange sein Land Garantien, dass «alle Mitgliedstaaten sich beteiligen», falls das Geld zurĂŒckgezahlt werden muss, sagte der Belgier. AuĂerdem fordert er Transparenz und gemeinsames Handeln von allen anderen LĂ€ndern, die Vermögenswerte blockieren. Er warnte zudem, dass Vermögenswerte europĂ€ischer Unternehmen in Russland beschlagnahmt werden könnten.
Auch in deutschen Unternehmerkreisen gibt es deswegen starke Vorbehalte gegen das Projekt. «Deutschland hat wie kein anderes Land in Russland investiert. Es hat deshalb bei der geplanten Nutzbarmachung russischer Zentralbankgelder fĂŒr WaffenkĂ€ufe zugunsten der Ukraine am meisten zu verlieren», sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, Matthias Schepp, der Deutschen Presse-Agentur. Zusammengerechnet sei Vermögen von ĂŒber 100 Milliarden Euro in Gefahr.
Ukraine braucht viel Geld
Hintergrund der PlĂ€ne zur Nutzung des russischen Vermögens ist vor allem der riesige Finanzbedarf der Ukraine. FĂŒr die militĂ€rische und finanzielle UnterstĂŒtzung Kiews wird in den kommenden zwei Jahren voraussichtlich ein dreistelliger Milliardenbetrag benötigt.
Der Internationale WĂ€hrungsfonds (IWF) schĂ€tzt den Bedarf an Haushaltshilfen fĂŒr das Funktionieren des Staates 2026 und 2027 auf 60 Milliarden US-Dollar (52 Mrd. Euro). Hinzu kĂ€men vermutlich mindestens 80 Milliarden Euro fĂŒr Waffen und Munition fĂŒr den Abwehrkampf gegen Russland - und dabei ist schon einkalkuliert, dass der Krieg möglicherweise nicht mehr volle zwei Jahre in der derzeitigen Form weitergeht.
Wenn nicht das russische Vermögen genutzt werden kann, mĂŒssten die EU-Staaten das Geld fĂŒr die UnterstĂŒtzung der Ukraine anderweitig aufbringen - was angesichts der hohen Verschuldung von LĂ€ndern wie Frankreich und Italien als schwierig gilt.
Der ukrainische PrĂ€sident Selenskyj sagte beim Gipfel in BrĂŒssel, sein Land benötige das Geld bereits im kommenden Jahr. «Wir brauchen es im Jahr 2026 und es wĂ€re besser, es gleich zu Beginn des Jahres zu haben», sagte er. Er wisse jedoch nicht, ob dies möglich sei, fĂŒgte er hinzu. «Nicht alles hĂ€ngt von uns ab.»
Treffen der Ukraine-UnterstĂŒtzer in London
Der britische Premierminister Keir Starmer will die VerbĂŒndeten der Ukraine heute aufrufen, ihre militĂ€rische UnterstĂŒtzung fĂŒr Kiew auszubauen. Das Land mĂŒsse vor dem Winter in eine möglichst starke Position gebracht werden, hieĂ es in einer Mitteilung der britischen Regierung vor dem Treffen der «Koalition der Willigen» in London. Dazu gehöre neben der Nutzung russischer Vermögenswerte auch, russisches Ăl und Gas von den globalen MĂ€rkten zu verbannen und mehr Waffen mit groĂer Reichweite bereitzustellen.
Zu dem Treffen am Nachmittag im britischen AuĂenministerium werden neben Starmer auch Selenskyj, Nato-GeneralsekretĂ€r Mark Rutte sowie die dĂ€nische MinisterprĂ€sidentin Mette Frederiksen und der niederlĂ€ndische Regierungschef Dick Schoof erwartet. Etwa 20 weitere Staats- und Regierungschefs wollen sich aus der Ferne zuschalten lassen. Bundeskanzler Merz lĂ€sst sich von AuĂenminister Johann Wadephul vertreten.









