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Israels Armee beginnt grĂ¶ĂŸeren Einsatz im Westjordanland

28.08.2024 - 04:52:18

Das israelische MilitÀr geht im Westjordanland erneut gegen militante PalÀstinenser vor. Diesmal soll es gleich eine ganze Stadt und mehrere KrankenhÀuser abgeriegelt haben.

  • Als Gefanger im Tunnelsystem der Hamas soll er nur selten Tageslicht gesehen haben. - Foto: -/The Hostages Families Forum/AP/dpa

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  • Israels Armee hat mehrere Kontrollposten im Westjordanland. (Archivbild) - Foto: Ilia Yefimovich/dpa

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  • Kaid Farhan Alkadi war 326 Tage als Geisel im Gazastreifen gefangen. - Foto: IDF Spokesperson/ZUMA Press Wire/dpa

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  • Angehörige des Beduinen beschrieben ihn nach seiner Freilassung als abgemagert. - Foto: -/Israel Prime Minister Office/AP/dpa

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Als Gefanger im Tunnelsystem der Hamas soll er nur selten Tageslicht gesehen haben. - Foto: -/The Hostages Families Forum/AP/dpaIsraels Armee hat mehrere Kontrollposten im Westjordanland. (Archivbild) - Foto: Ilia Yefimovich/dpaKaid Farhan Alkadi war 326 Tage als Geisel im Gazastreifen gefangen. - Foto: IDF Spokesperson/ZUMA Press Wire/dpaAngehörige des Beduinen beschrieben ihn nach seiner Freilassung als abgemagert. - Foto: -/Israel Prime Minister Office/AP/dpa

Israels Armee hat in der Nacht eine grĂ¶ĂŸere Operation im besetzten Westjordanland begonnen. Nach Angaben des MilitĂ€rs laufen Anti-Terror-EinsĂ€tze in den nördlichen StĂ€dten Dschenin und Tulkarem, die als Hochburgen militanter PalĂ€stinenser gelten. Medienberichten zufolge setzte die Armee neben zahlreichen Infanteristen auch Drohnen und ScharfschĂŒtzen ein, zerstörte Infrastruktur mit Bulldozern und sperrte sĂ€mtliche Zufahrtswege nach Dschenin.

In Dschenin seien zwei Menschen erschossen und mehrere weitere verletzt worden, teilte das Gesundheitsministerium in Ramallah mit. SpĂ€ter meldete die palĂ€stinensische Nachrichtenagentur Wafa zwei weitere Tote bei einem Drohnenangriff des israelischen MilitĂ€rs auf ein FlĂŒchtlingslager nahe der Ortschaft Tubas - und dann nochmals drei Tote bei einem anderen Drohnenangriff auf ein Fahrzeug sĂŒdlich von Dschenin. Ob es sich bei den Getöteten um militante PalĂ€stinenser handelt, blieb unklar. Die Armee machte zunĂ€chst keine detaillierten Angaben zu ihrem Einsatz.

Den Berichten zufolge handelt es sich um eine großangelegte MilitĂ€roperation, «Al-Dschasira» sprach gar vom grĂ¶ĂŸten derartigen Einsatz der israelischen Armee im Norden des Westjordanlands seit mehr als 20 Jahren. Dem arabischen Sender zufolge sollen PalĂ€stinenser die Soldaten unter anderem im FlĂŒchtlingsviertel Nur Schams in Tulkarem mit Schusswaffen und SprengsĂ€tzen attackiert haben. ZusammenstĂ¶ĂŸe gab es demnach auch in anderen Ortschaften im Westjordanland.

 

Armee soll KrankenhÀuser umstellt haben

Die Agentur Wafa meldete, eine große Anzahl an MilitĂ€rfahrzeugen sei nach Dschenin reingefahren. «Al-Dschasira» zufolge wurde die Stadt komplett abgeriegelt. Laut der israelischen Nachrichtenseite «ynet» sollten von den SicherheitskrĂ€ften gesuchte Personen in FlĂŒchtlingsvierteln in Dschenin und Tulkarem festgenommen werden.

Israelischen und palÀstinensischen Medien zufolge umstellten die EinsatzkrÀfte auch KrankenhÀuser in beiden StÀdten und blockierten Krankenwagen. Die Armee kontrolliere den Zutritt zu den KlinikgebÀuden, um zu verhindern, dass sich Militante dort verschanzen, meldete «ynet».

Die ohnehin gespannte Lage im Westjordanland hat sich seit dem Hamas-Massaker mit 1.200 Toten am 7. Oktober 2023 und dem dadurch ausgelösten Beginn des Gaza-Kriegs deutlich verschĂ€rft. Seitdem wurden dort nach unabhĂ€ngig kaum ĂŒberprĂŒfbaren Angaben des Gesundheitsministeriums in Ramallah bei israelischen MilitĂ€reinsĂ€tzen, bewaffneten Auseinandersetzungen und AnschlĂ€gen von Extremisten mehr als 620 PalĂ€stinenser getötet.

Vor allem in Dschenin und Tulkarem gibt es immer wieder Razzien der israelischen Armee. Erst am Montag kamen nach Angaben des Gesundheitsministeriums bei einem israelischen Luftangriff in dem FlĂŒchtlingsviertel Nur Schams in Tulkarem fĂŒnf Menschen ums Leben. Das Bombardement hatte nach Angaben der israelischen Armee militante PalĂ€stinenser zum Ziel.

Amnesty International fordert EU-Sanktionen gegen Israel

Auch Gewalttaten israelischer Siedler gegen PalĂ€stinenser haben seit dem Oktober-Massaker zugenommen. Amnesty International sieht die israelische Siedlungspolitik Ă€ußerst kritisch und fordert kurz vor neuen EU-Beratungen zum Nahost-Konflikt scharfe europĂ€ische Sanktionen.

In einem Brief an die Außenminister der 27 Mitgliedstaaten und den EU-Außenbeauftragten Josep Borrell spricht sich die Menschenrechtsorganisation fĂŒr ein umfassendes Waffenembargo und ein Verbot von Investitionen in bestimmte israelische Unternehmen und Banken aus. Zudem gehöre der Handel mit GĂŒtern aus israelischen Siedlungen in besetzten Gebieten EU-weit verboten. Die Besatzung der palĂ€stinensischen Gebiete sei illegal und mĂŒsse schnellstmöglich beendet werden - so stehe es in einem im Juli veröffentlichten Gutachten des Internationalen Gerichtshofs.

Berichte ĂŒber israelischen Drohnenangriff im Libanon

WĂ€hrend es im Westjordanland immer wieder ZusammenstĂ¶ĂŸe zwischen Israels Armee und militanten PalĂ€stinensern gibt, kommt es im Grenzgebiet zum Libanon nahezu tĂ€glich zu Konfrontationen mit der Hisbollah-Miliz und anderen Gruppierungen - mit Toten auf beiden Seiten. Nun berichteten libanesische Sicherheitsquellen und der Hisbollah-nahe Fernsehsender Al-Manar von einem mutmaßlich israelischen Drohnenangriff auf einen Lastwagen im Nordosten des Libanon, rund 100 Kilometer von der Grenze entfernt.

Augenzeugen zufolge kam es nach dem Angriff zu Explosionen, möglicherweise habe der Lkw Waffen fĂŒr die Hisbollah transportiert, hieß es. Ein Mensch wurde nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums verletzt. Die Gegend gilt als Hochburg der schiitischen Hisbollah-Miliz. Aus Israel gab es zunĂ€chst keine Reaktion auf den Vorfall.

Geisel nach offenbar tagelanger Suche aus Tunnel befreit

FĂŒr einen Hoffnungsschimmer inmitten der anhaltenden Gewalt im Nahen Osten sorgte die Befreiung einer Geisel der islamistischen Hamas durch israelische Spezialeinheiten am Dienstag. Die Soldaten fanden Kaid Farhan Alkadi nach Armeeangaben unbewacht in einem der vielen Tunnel der Hamas unter dem Gazastreifen. Zuvor hĂ€tten sie das unterirdische Tunnelsystem tagelang durchkĂ€mmt, berichtete das «Wall Street Journal» unter Berufung auf einen MilitĂ€rvertreter. Die Zeitung «Haaretz» berichtete unter Berufung auf die Armee, Alkadi habe die Soldaten wĂ€hrend des Einsatzes gehört und ihnen zugerufen.

Es ist das erste Mal, dass israelische Einheiten eine Geisel lebend aus einem Tunnel der Hamas retten konnten. Die sieben zuvor befreiten EntfĂŒhrten waren von EinsatzkrĂ€ften unter hohem Blutzoll aus HĂ€usern im Gazastreifen geholt worden. 

Die nun befreite Geisel, ein 52 Jahre alter Beduine, wird derzeit im Krankenhaus behandelt und ist israelischen Angaben zufolge bei guter Gesundheit. Angehörige beschrieben ihn nach ihrem Wiedersehen als abgemagert. Er soll im Tunnel kaum Tageslicht gesehen und auch miterlebt haben, wie eine Geisel neben ihm starb.

Israelische Politiker sowie Angehörige Ă€ußerten große Freude ĂŒber seine RĂŒckkehr nach 326 Tagen Geiselhaft. Regierungschef Benjamin Netanjahu und PrĂ€sident Izchak Herzog telefonierten mit Alkadi, der den Politikern laut Herzogs BĂŒro mit auf den Weg gab: «Tun Sie alles, was Sie können, um die Menschen nach Hause zu bringen. Arbeiten Sie 24 Stunden am Tag und schlafen Sie nicht, bis sie zurĂŒckkommen.» Die Geiseln litten sehr, «das können Sie sich nicht vorstellen». 

Israelischen Angaben zufolge war Alkadi am 7. Oktober aus einem Kibbuz an der Grenze zum Gazastreifen entfĂŒhrt worden, wo er als Wachmann arbeitete. Israelischen Medien zufolge hat er elf Kinder.

BemĂŒhungen um Waffenruhe gehen weiter

Insgesamt verschleppten palĂ€stinensische Terroristen am 7. Oktober vergangenen Jahres mehr als 250 Menschen aus Israel in das KĂŒstengebiet. Nach der zwischenzeitlich erreichten Freilassung dutzender Geiseln dĂŒrfte die Hamas nach israelischer ZĂ€hlung noch 108 EntfĂŒhrte in ihrer Gewalt haben. Wie viele davon noch am Leben sind, ist unklar.

Unterdessen gehen die KĂ€mpfe im Gazastreifen ebenso weiter wie die BemĂŒhungen um eine Waffenruhe und Freilassung der verbliebenen Geiseln. Israelischen Medienberichten zufolge ist geplant, dass eine israelische Delegation zu weiteren GesprĂ€chen ĂŒber ein Abkommen mit der Hamas nach Doha reist. Die indirekten Verhandlungen, bei denen Katar sowie Ägypten und die USA zwischen den Konfliktparteien vermitteln, treten seit Monaten auf der Stelle.

@ dpa.de