UN: Zahl der in Gaza getöteten Zivilisten «nimmt rapide zu»
05.12.2023 - 09:08:18Die Ausweitung der israelischen Angriffe im SĂŒden des Gazastreifens fĂŒhrt nach Angaben der Vereinten Nationen zu immer mehr Todesopfern unter der Zivilbevölkerung. «Die Zahl der getöteten Zivilisten nimmt rapide zu», schrieb der Generalkommissar des PalĂ€stinenserhilfswerks UNRWA, Philippe Lazzarini, in einer Mitteilung. Zivilisten, darunter Frauen, Kinder, Ăltere, Kranke und Menschen mit Behinderungen, seien die Hauptleidtragenden des Krieges. Mit der Wiederaufnahme der MilitĂ€roperation und ihrer Ausweitung im SĂŒden «wiederholen sich die Schrecken der vergangenen Wochen», beklagte Lazzarini.
Das Bombardement der israelischen StreitkrĂ€fte dauere an, nachdem ein weiterer Evakuierungsbefehl zur Verlegung von Menschen aus der Stadt Chan Junis nach Rafah erlassen worden sei. «Dieser Befehl löste Panik, Angst und Unruhe aus», hieĂ es. Mindestens 60.000 weitere Menschen seien gezwungen worden, in bereits ĂŒberfĂŒllte UNRWA-UnterkĂŒnfte umzuziehen, weitere wĂŒrden um Schutz bitten, schrieb Lazzarini weiter. Viele der Menschen seien bereits mehrmals vor dem Krieg in andere Teilen des abgeriegelten Gebiets geflohen.
Lazzarini: Kein Ort in Gaza sicher
Der Evakuierungsbefehl drĂ€nge die Menschen auf weniger als ein Drittel des Gazastreifens zusammen. «Sie brauchen alles: Nahrung, Wasser, Unterkunft und vor allem Sicherheit. Die StraĂen in den SĂŒden sind verstopft», hieĂ es. Behauptungen, die Vereinten Nationen verfĂŒgten ĂŒber Tausende von Zelten und planten die Eröffnung neuer FlĂŒchtlingslager in Rafah, seien falsch, erklĂ€rte der UN-Vertreter. Kein Ort in Gaza sei sicher, weder im SĂŒden noch im SĂŒdwesten, weder in Rafah noch in irgendeiner ausgewiesenen «sicheren Zone».
Die israelische Armee hat eine Evakuierungskarte aktiviert, die den Gazastreifen in Hunderte kleine Zonen unterteilt, um die Zivilisten ĂŒber Kampfzonen zu informieren. Kritiker beklagen jedoch, dass die Menschen vielfach weder Strom noch Internet hĂ€tten, um sich die Karte anzusehen. Viele wĂŒssten auch nicht, wie sie mit ihr umgehen sollten. Im SĂŒden Gazas drĂ€ngen sich Hunderttausende PalĂ€stinenser, die auf Israels Anweisung aus dem Norden des Gebiets dorthin geflohen waren.
Auslöser des Kriegs war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, das Terroristen der Hamas sowie anderer extremistischer Gruppen am 7. Oktober in Israel nahe der Grenze zum Gazastreifen verĂŒbt haben. Auf israelischer Seite sind in der Folge mehr als 1200 Menschen getötet worden, darunter mindestens 850 Zivilisten.
Die Zahl der im Gazastreifen getöteten PalĂ€stinenser ist seit Beginn des Gaza-Kriegs nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums auf 16.248 gestiegen. Mehr als 42.000 Menschen seien verletzt worden, teilte das Ministerium mit. Tausende Menschen wĂŒrden zudem weiter vermisst.
Die Opferzahlen lassen sich gegenwĂ€rtig nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen, die Vereinten Nationen und andere Beobachter weisen aber darauf hin, dass sich die Zahlen der Behörde in der Vergangenheit als insgesamt glaubwĂŒrdig herausgestellt hĂ€tten.
WHO: Alle zehn Minuten wird Kind oder Jugendlicher getötet
Wegen der permanenten israelischen Angriffe im Gazastreifen wird die Lage dort nach Angaben des ReprĂ€sentanten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in dem KĂŒstengebiet, Richard Peeperkorn, immer unertrĂ€glicher. «Die Situation verschlechtert sich von Stunde zu Stunde», berichtete er aus Rafah an der Grenze des Gazastreifens zu Ăgypten. Er sprach ĂŒber eine Videoverbindung mit Reportern in Genf. «Alle zehn Minuten wird ein Kind oder Jugendlicher in Gaza getötet», sagte Peeperkorn.
Statt medizinisches Material auszuliefern, habe die WHO zudem noch Hals ĂŒber Kopf zwei LagerhĂ€user in der sĂŒdlichen Stadt Chan Junis rĂ€umen mĂŒssen. Das sei ihr von der israelischen Armee nahegelegt worden, mit dem Hinweis, dass die Lager in einem Stadtteil lĂ€gen, in dem es KĂ€mpfe geben dĂŒrfte. Die WHO habe ein kleineres Lager in der NĂ€he von Rafah gefunden und bereits 90 Prozent des Materials umgerĂ€umt, sagte Peeperkorn. Die israelische Armee hatte am Montag bestritten, zur RĂ€umung der Lager aufgefordert zu haben.
Peeperkorn sprach von «Horrorszenen» in den wenigen verbliebenen KrankenhÀusern. Sie hÀtten oft mehr als doppelt so viele Patienten wie Betten. Patienten lÀgen am Boden mit teils schweren Verletzungen und könnten nicht behandelt werden. Von den 3500 Krankenhausbetten, die es bis vor Kriegsbeginn am 7. Oktober gegeben habe, seien nur noch weniger als 1500 in Betrieb.


