Zwei-Staaten-Lösung: Warum hat es bisher nie geklappt?
20.11.2023 - 13:25:06Der Konflikt zwischen Israel und den PalÀstinensern hat in diesem Jahr schon mehr Opfer gefordert als je zuvor in seiner Jahrzehnte alten Geschichte.
Israel hat das schlimmste Massaker an Juden seit dem Holocaust zu beklagen, im darauffolgenden Gaza-Krieg wurden bisher nach Angaben der Hamas-Gesundheitsbehörde mehr als 12.300 PalÀstinenser getötet. Das sind mit Abstand mehr als in allen bisherigen Kriegen in dem Konflikt. Angesichts dieses katastrophalen Ausbruchs der Gewalt und des unbeschreiblichen Leids treten wieder Forderungen nach einer friedlichen Lösung des Konflikts in den Vordergrund.
Rufe nach einer Zwei-Staaten-Lösung
Das Modell, das wieder verstĂ€rkt ins Spiel gebracht wird, ist die sogenannte Zwei-Staaten-Lösung. Damit ist ein unabhĂ€ngiger palĂ€stinensischer Staat gemeint, der friedlich Seite an Seite mit Israel lebt. Bundeskanzler Olaf Scholz verwies am Wochenende erneut auf diese Regelung und Ă€uĂerte die Hoffnung, dass nach einem Sieg ĂŒber die terroristische Hamas die Chancen auf eine friedliche Koexistenz zweier Staaten realistischer sein könnte als in den letzten Jahren.
Auch US-PrĂ€sident Joe Biden schrieb in einem MeinungsstĂŒck in der «Washington Post»: «Soviel ist klar: Eine Zwei-Staaten-Lösung ist der einzige Weg, um die langfristige Sicherheit sowohl des israelischen als auch des palĂ€stinensischen Volkes zu gewĂ€hrleisten». Auch wenn es im Moment den Anschein habe, als sei diese Zukunft nie weiter entfernt gewesen, «ist sie durch die Krise dringender denn je geworden».
Warum herrscht in Nahost immer noch kein Frieden?
Es gab immer wieder intensive BemĂŒhungen um eine friedliche Einigung zwischen Israel und den PalĂ€stinensern, vor allem von Seiten der USA. US-PrĂ€sidenten wie George W. Bush, Bill Clinton und Barack Obama, und selbst Donald Trump, investierten zwar viel, scheiterten aber letztlich an einer dauerhaften Kompromissfindung. Störmanöver gab es immer wieder von beiden Seiten.
Clinton sagte rĂŒckblickend, er habe sich wahrhaft «umgebracht» im Versuch, den PalĂ€stinensern zu einem eigenen Staat zu verhelfen. «Ich hatte einen Deal, den sie abgelehnt haben», erzĂ€hlte er 2016. «Er hĂ€tte ihnen den ganzen Gazastreifen, 96 bis 97 Prozent des Westjordanlands mit Landkompensation in Israel gegeben.»
Das letzte bekannte Angebot an PalĂ€stinenserprĂ€sident Mahmud Abbas kam 2008 von dem damaligen israelischen MinisterprĂ€sidenten Ehud Olmert. Auch er bot Abbas nach Medienberichten fast das ganze Westjordanland sowie die arabischen Viertel Ost-Jerusalems sowie die Altstadt unter internationaler Kontrolle an. Abbas sagte spĂ€ter, Olmert habe ihn gedrĂ€ngt zu unterzeichnen, ohne ihm die gezeigte Landkarte zum genaueren Studium zu ĂŒberlassen. Kurz darauf musste Olmert sein Amt wegen KorruptionsvorwĂŒrfen abgeben.
Letztlich scheiterten die Verhandlungen daran, dass beide Seiten sich nicht in den Knackpunkten des Konflikts einigen konnten: der kĂŒnftige Grenzverlauf, die palĂ€stinensische FlĂŒchtlingsfrage, der Status von Jerusalem, die Siedlungen sowie die Verteilung von Ressourcen, besonders Wasser.
Hoffnungsfroher Anfang
Als hoffnungsfroheste Zeit der FriedensbemĂŒhungen galt die Unterzeichnung der Osloer Friedensabkommen 1993. Die gemeinsame PrinzipienerklĂ€rung fĂŒhrte zur Einrichtung der PalĂ€stinensischen Autonomiebehörde. Sie ist zustĂ€ndig fĂŒr die Versorgung der Bevölkerung in den von ihr verwalteten Gebieten. Diese Regelung war allerdings ursprĂŒnglich nur auf einen Zeitraum von fĂŒnf Jahren angelegt - langfristige Hoffnungen auf einen eigenen Staat fĂŒr die PalĂ€stinenser blieben bis heute unerfĂŒllt. Seit 2014 hat es keine ernsthaften Verhandlungen zwischen Israel und den PalĂ€stinensern mehr gegeben. Die UnterstĂŒtzung fĂŒr eine Zwei-Staaten-Lösung sank danach - auf beiden Seiten.
Siedlungsausbau als Hindernis fĂŒr Friedensregelung
Israel hat seit der Eroberung des Westjordanlands im Sechstagekrieg 1967 seine umstrittenen Siedlungen dort systematisch immer weiter ausgebaut. 1993 lebten rund 110.000 israelische Siedler im Westjordanland. Heute ist die Zahl auf etwa eine halbe Million gestiegen, einschlieĂlich Ost-Jerusalems sind es sogar 700.000. Die Siedler leben inmitten von drei Millionen PalĂ€stinensern. Die Vereinten Nationen haben diese Siedlungen als groĂes Hindernis fĂŒr eine Friedensregelung eingestuft, weil sie kaum noch ein zusammenhĂ€ngendes Territorium fĂŒr die PalĂ€stinenser zulassen.
GewalttĂ€tige Attacken von Siedlern auf PalĂ€stinenser haben sich wĂ€hrend des nun sechswöchigen Gaza-Kriegs noch deutlich verschĂ€rft. PalĂ€stinenser klagen auch immer wieder ĂŒber massive EinschrĂ€nkungen ihres tĂ€glichen Lebens durch die seit 56 Jahren andauernde israelishe Besatzung.
Hamas torpediert Friedensprozess immer wieder mit Gewalt
Die islamistische Terrororganisation Hamas hat seit Beginn des Friedensprozesses immer wieder darauf abgezielt, diesen mit blutigen AnschlÀgen auf Israelis zu torpedieren. Sie hat kein Interesse an einer friedlichen Koexistenz, sondern will vielmehr den Konflikt anheizen. Ihr Endziel ist die Einrichtung eines islamisch geprÀgten Staates auf dem Gebiet des gesamten historischen PalÀstina; den Staat Israel will die Hamas zerstören.
Vor dem Hintergrund einer Welle blutiger AnschlĂ€ge der Hamas wurde der israelische MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu 1996 zum ersten Mal gewĂ€hlt. Sein AmtsvorgĂ€nger Izchak Rabin war von einem jĂŒdischen Fanatiker ermordet worden, der weitere Gebietskonzessionen an die PalĂ€stinenser verhindern wollte.
Es wird Netanjahu von Kritikern immer wieder vorgeworfen, er habe das Erstarken der Hamas im Gazastreifen geduldet oder sogar gefördert. Als Rivale der gemĂ€Ăigteren Fatah von PrĂ€sident Mahmud Abbas habe sie der Spaltung des palĂ€stinensischen Volkes gedient, um so einen Staat PalĂ€stina zu verhindern. Viele rechtsorientierte Israelis halten einen palĂ€stinensischen Staat fĂŒr ein untragbares Sicherheitsrisiko fĂŒr Israel.
Die «Jerusalem Post» berichtete 2019 unter Berufung auf eine Quelle in Netanjahus Likud-Partei, Netanjahu habe die Bewilligung des Transfers katarischer Millionengelder an die Hamas mit dieser Strategie gerechtfertigt. Wer gegen einen palĂ€stinensischen Staat ist, sollte fĂŒr den Geldtransfer sein, sagte er demnach. Diese Gelder halfen der Hamas jedoch letztlich dabei, den Gazastreifen in eine waffenstrotzende Festung zu verwandeln.
Kann die Autonomiebehörde nach dem Krieg Gaza regieren?
Biden macht sich nun dafĂŒr stark, dass eine «revitalisierte» PalĂ€stinensische Autonomiebehörde nach dem Krieg auch im Gazastreifen wieder die Kontrolle ĂŒbernimmt. Die Hamas hatte sie 2007 gewaltsam von dort vertrieben. Netanjahu lehnt dies jedoch vehement ab. In ihrer gegenwĂ€rtigen Form sei die Autonomiebehörde nicht in der Lage, die Kontrolle im Gazastreifen zu ĂŒbernehmen, argumentiert er.
Umfragen zeigten noch vor dem Krieg, dass mehr als die HĂ€lfte der PalĂ€stinenser fĂŒr die RĂŒckkehr zu einem bewaffneten Aufstand sind. AttentĂ€ter werden von groĂen Teilen der palĂ€stinensischen Gesellschaft als Helden im Kampf gegen die israelischen UnterdrĂŒcker gefeiert.
Es sei Aufgabe Israels, «nach einem Sieg sicherzustellen, dass Gaza die BĂŒrger Israels nie wieder bedrohen kann», sagte Netanjahu. Man werde keiner neuen FĂŒhrung zustimmen, «die Terrorismus unterstĂŒtzt, Terroristen und ihre Familie bezahlt, und ihre Kinder dazu erzieht, Juden zu ermorden und den Staat Israel auszulöschen.»
Ob Netanjahu angesichts des kolossalen Versagens am 7. Oktober sich nach dem Krieg als Regierungschef halten kann, ist allerdings ungewiss. Laut jĂŒngsten Umfragen wĂŒrde gegenwĂ€rtig die Partei von Benny Gantz, Minister im Kriegskabinett, mit Abstand stĂ€rkste Fraktion vor Netanjahus Likud. Gantz hatte sich letztes Jahr fĂŒr eine unabhĂ€ngige palĂ€stinensische «Einheit» ausgesprochen - allerdings keinen vollstĂ€ndigen Staat.









