ZurĂŒckhaltung, Israel

Das Ende der großen ZurĂŒckhaltung: EU mahnt Israel

26.10.2023 - 17:50:27 | dpa.de

Das Vorgehen Israels gegen die islamistische Hamas im Gazastreifen entzweit die EU. Beim Gipfeltreffen in BrĂŒssel gibt es nun dennoch eine gemeinsame ErklĂ€rung.

  • EU-RatsprĂ€sident Charles Michel: «Zivilisten mĂŒssen immer und ĂŒberall geschĂŒtzt werden.» - Foto: Virginia Mayo/AP/dpa
    EU-RatsprĂ€sident Charles Michel: «Zivilisten mĂŒssen immer und ĂŒberall geschĂŒtzt werden.» - Foto: Virginia Mayo/AP/dpa
  • Ursula von der Leyen, PrĂ€sidentin der EuropĂ€ischen Kommission, trifft zu einem EU-Gipfel im GebĂ€ude des EuropĂ€ischen Rates ein. - Foto: Virginia Mayo/AP/dpa
    Ursula von der Leyen, PrÀsidentin der EuropÀischen Kommission, trifft zu einem EU-Gipfel im GebÀude des EuropÀischen Rates ein. - Foto: Virginia Mayo/AP/dpa
  • Bundeskanzler  Olaf Scholz trifft zum EU-Gipfel ein. - Foto: Virginia Mayo/AP/dpa
    Bundeskanzler Olaf Scholz trifft zum EU-Gipfel ein. - Foto: Virginia Mayo/AP/dpa
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Die EuropĂ€ische Union verschĂ€rft angesichts der katastrophalen humanitĂ€ren Situation im Gazastreifen ihren Ton gegenĂŒber Israel. Die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten forderten am Donnerstagabend bei einem Gipfeltreffen in BrĂŒssel Feuerpausen und geschĂŒtzte Korridore fĂŒr sichere Hilfslieferungen in den Gazastreifen.

Die sich verschlechternde humanitĂ€re Lage in Gaza gebe Anlass zu grĂ¶ĂŸter Besorgnis, heißt es in einer GipfelerklĂ€rung zum Nahostkonflikt. Man unterstĂŒtze BemĂŒhungen fĂŒr eine internationale Friedenskonferenz.

«Zivilisten mĂŒssen immer und ĂŒberall geschĂŒtzt werden», sagte EU-RatsprĂ€sident Charles Michel mit Blick auf die Lage im Gazastreifen. Noch deutlicher wurde Belgiens Premierminister Alexander De Croo. Zwar verurteilte er den Hamas-Terror scharf, sagte dann aber an Israel gerichtet: «Das ist niemals eine Entschuldigung dafĂŒr, eine ganze Region zu blockieren. Es kann niemals eine Entschuldigung fĂŒr die Blockierung humanitĂ€rer Hilfe sein. Es kann niemals eine Entschuldigung dafĂŒr sein, eine Bevölkerung auszuhungern.»

Israels Außenministerium wollte sich zunĂ€chst nicht Ă€ußern. Ein Sprecher teilte am spĂ€ten Donnerstagabend auf Anfrage mit, man werde sich eventuell am Freitag dazu Ă€ußern.

Streit um Forderungen nach Waffenstillstand

Um Forderungen nach einem sofortigen humanitĂ€ren Waffenstillstand fĂŒr den Gazastreifen hatte es bereits vor dem Gipfel heftigen Streit in der EU gegeben. LĂ€nder wie Deutschland, Österreich und Ungarn sprachen sich klar dagegen aus, dass sich die EU solchen Aufrufen öffentlich anschließt. Sie argumentieren, ein solcher Vorstoß sei angesichts des anhaltenden Terrors der islamistischen PalĂ€stinenserorganisation Hamas unangemessen.

LĂ€nder wie Spanien oder Irland setzten sich hingegen wegen der vielen zivilen Opfer bei israelischen Angriffen auf Ziele im Gazastreifen fĂŒr einen solchen Aufruf ein. Sie argumentieren, dass die von Israel ausgehende Abriegelung des Gazastreifens klar gegen das Völkerrecht verstĂ¶ĂŸt. Vor allem Deutschland wird hinter vorgehaltener Hand vorgeworfen, nur vor dem Hintergrund seiner Nazi-Vergangenheit keine Aufrufe an Israel richten zu wollen.

Vorwurf der Doppelmoral

Als Gefahr wird von LĂ€ndern, die das Anliegen der PalĂ€stinenser stĂ€rker unterstĂŒtzen, gesehen, dass sich die EU auf internationaler Ebene unglaubwĂŒrdig macht, wenn sie mögliche VölkerrechtsbrĂŒche von Israel nicht adressiert. Dies gilt vor allem vor dem Hintergrund der BemĂŒhungen der EU, LĂ€nder Lateinamerikas, Afrikas und Asiens zu einer stĂ€rkeren Zusammenarbeit gegen den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu bewegen.

Spitzenbeamte der EU vertreten hinter verschlossenen TĂŒren sogar die Auffassung, dass Israel im Gazastreifen wahllos und ohne grĂ¶ĂŸere RĂŒcksicht auf Zivilisten zivile Infrastruktur bombardiert. Nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums kamen bisher 7028 Menschen ums Leben, mehr als 18.000 sollen verletzt worden sein. In Israel sind seit dem blutigen Überfall der Hamas am 7. Oktober bisher mehr als 1400 Tote und rund 4000 Verletzte zu beklagen.

Der Kompromiss in der Gipfel-ErklĂ€rung besteht nun darin, nicht zu einem weitgehenden Waffenstillstand aufzurufen, aber «humanitĂ€re Korridore und Pausen fĂŒr humanitĂ€re Zwecke» zu fordern. Die Verwendung des Wortes «Pausen» im Plural soll demnach deutlich machen, dass die EU Israel nicht auffordert, den Kampf gegen die Hamas mit sofortiger Wirkung und dauerhaft einzustellen. Diesen Eindruck wollen LĂ€nder wie Deutschland und Ungarn unbedingt vermeiden.

Selbstverteidigungsrecht mit Grenzen

Israel dĂŒrfe alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, damit sich das, was passiert sei, nicht wiederhole, sagte Ungarns MinisterprĂ€sident Viktor Orban in BrĂŒssel. Er zĂ€hlt mit Deutschland, Österreich und Tschechien zu den kompromisslosesten Israel-UnterstĂŒtzern in der EU.

Dies wird allerdings von etlichen EU-Partnern anders gesehen und kann auch aus dem Text fĂŒr die AbschlusserklĂ€rung herausgelesen werden. Dort wird zwar nachdrĂŒcklich das Recht Israels betont, sich zu verteidigen - allerdings mit der EinschrĂ€nkung, dass dies «im Einklang mit dem Völkerrecht und dem humanitĂ€ren Völkerrecht» geschieht. Demnach ist der Einsatz von Zivilisten als menschliche Schutzschilde zwar eine «besonders beklagenswerte Grausamkeit», aber keine Entschuldigung, die Strom- und Wasserversorgung des Gazastreifens zu kappen.

Deutlich wird die zunehmende Kritik an der Gegenoffensive Israels auch mit der Zusage der EU, eng mit den Partnern in der Region zusammenarbeiten, um auch den Zugang zu Treibstoff zu erleichtern. Sie stellt sich damit klar gegen die israelische Regierung, die aus Angst vor Missbrauch bislang nicht zulassen will, dass der Gazastreifen weiter mit Treibstoff beliefert wird. In der EU-ErklĂ€rung heißt es dazu, die EU werde sicherstellen, dass diese Hilfe nicht von terroristischen Organisationen missbraucht werde.

Achtung des Völkerrechts: Scholz vertraut Israel

Sorgen bereiten europĂ€ischen Staats- und Regierungschefs vor allem die möglichen Folgen einer zu drastischen Reaktion Israels auf den Terror der Hamas. Die Art und Weise der Antwort sei wichtig fĂŒr die zukĂŒnftige Sicherheit der ganzen Region - eingeschlossen der in der EuropĂ€ischen Union, mahnte der irische Regierungschef Leo Varadkar.

Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) warnte erneut vor einer Ausweitung des Konflikts, richtete sich aber dabei vor allem an die Nachbarn Israels: «Das sollte nicht passieren, dass im Norden etwa Hisbollah in den Krieg auch noch mit eigenen AktivitĂ€ten eintritt oder der Iran und seine Proxies versuchen, hier gewissermaßen zu intervenieren.»

BefĂŒrchtungen, dass Israel bei seinem Vorgehen gegen die Hamas das Völkerrecht aushebeln könnte, trat Scholz mit sehr klaren Worten entgegen. «Israel ist ein demokratischer Staat mit sehr humanitĂ€ren Prinzipien, die ihn leiten», sagte er. «Und deshalb kann man sicher sein, dass die israelische Armee auch bei dem, was sie macht, die Regeln beachten wird, die sich aus dem Völkerrecht ergeben. Da habe ich keinen Zweifel.»

Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj warnte beim Gipfel vor den Gefahren eines FlĂ€chenbrands im Nahen Osten fĂŒr Europa. «Die Feinde der Freiheit sind sehr daran interessiert, die freie Welt an eine zweite Front zu bringen», sagte er in einer Videoansprache. «Je eher im Nahen Osten Sicherheit herrscht, desto eher werden wir hier - in Europa - Sicherheit wiederherstellen.»

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