Super-GAU im US-Wahljahr: Bidens dramatischer RĂŒckzug
21.07.2024 - 21:35:24 | dpa.de
 Joe Biden wĂ€hlt einen ungewöhnlichen Abgang. Keine förmliche Ansprache im WeiĂen Haus, kein groĂer Auftritt, sondern eine schnöde schriftliche ErklĂ€rung, die der US-PrĂ€sident zeitgleich ĂŒber mehrere soziale Medien verbreiten lĂ€sst, wĂ€hrend er selbst in Corona-Isolation in seinem Privathaus im Bundesstaat Delaware sitzt.Â
«Liebe MitbĂŒrger», schreibt er da - und kommt erst vier AbsĂ€tze spĂ€ter zum Punkt: «Obwohl es meine Absicht war, mich um eine Wiederwahl zu bemĂŒhen, glaube ich, dass es im besten Interesse meiner Partei und des Landes ist, wenn ich mich zurĂŒckziehe und mich fĂŒr den Rest meiner Amtszeit ausschlieĂlich auf die ErfĂŒllung meiner Pflichten als PrĂ€sident konzentriere.»
In den kommenden Tagen werde er der Nation Genaueres zu seiner Entscheidung sagen, schiebt der 81-JĂ€hrige nach. In einem weiteren Social-Media-Post spricht er sich dafĂŒr aus, dass seine Vize Kamala Harris an seine Stelle rĂŒcken und als PrĂ€sidentschaftskandidatin der Demokraten bei der Wahl im November antreten möge. Dann ist wieder Stille.Â
Chaos - und eine Chance
Der dramatische Schritt ist so etwas wie der Super-GAU in einem US-Wahljahr, das ohnehin schon seinesgleichen sucht â und in dem so viel auf dem Spiel steht wie nie zuvor.Â
Dass ein US-PrĂ€sidentschaftsanwĂ€rter so kurz vor der Wahl aussteigt, das gab es laut amerikanischen Medien noch nie. Und dass eine Partei ihren eigenen Amtsinhaber im WeiĂen Haus etwa dreieinhalb Monate vor der Wahl öffentlich aus dem Rennen jagt, ist selbst fĂŒr US-VerhĂ€ltnisse ein unglaublicher Akt.Â
Bidens Demokraten und dem Land stehen nun chaotische Wochen bevor. FĂŒr die Partei ist es aber auch eine Chance: Um endlich eine lĂ€hmende und schmerzhafte Debatte hinter sich zu lassen, der bislang wenig begeisterten Basis Enthusiasmus einzuhauchen und kurz vor Schluss doch noch Schwung in den eigenen Wahlkampf zu bringen.
Denn Euphorie kam im bisherigen Wahlkampf mit Biden bei den Demokraten nie auf. Von Anfang an gab es in der Partei Bedenken wegen seines Alters. Doch es fehlte an Alternativen. Eher pflichtschuldig versammelten sich die Demokraten hinter dem Amtsinhaber. Ihre Sorgen, ob er mit ĂŒber 80 der richtige Mann fĂŒr vier weitere Jahre in einem der hĂ€rtesten Jobs der Welt ist, Ă€uĂerten sie lange nur hinter vorgehaltener Hand.
Ein unwĂŒrdiges Schauspiel zum Schluss
Bidens Komplett-Ausfall im TV-Duell gegen den republikanischen PrĂ€sidentschaftsanwĂ€rter Donald Trump Ende Juni war jedoch eine ZĂ€sur: Angesichts seiner desaströsen Performance vor den Augen von Millionen Zuschauern wollten viele in der Partei nicht mehr schweigen. Es kam zur öffentlichen Rebellion. Mehrere Dutzend Demokraten forderten ihren Parteikollegen öffentlich auf, sich aus dem Rennen zurĂŒckzuziehen.
Ein trotziger Biden wehrte sich dreieinhalb quĂ€lende Wochen lang mit aller Kraft gegen einen vorzeitigen Abgang und erklĂ€rte unter anderem, nur Gott könne ihn dazu bringen, aus dem Rennen auszusteigen. Bei seinen verzweifelten BemĂŒhungen, die Revolte abzuwehren, passierten ihm weitere peinliche Fehler, Aussetzer, Patzer â einer schlimmer als der andere.
Und mit jedem Tag, den Biden weiter gegen das Unvermeidbare ankĂ€mpfte, sahen sich weitere Demokraten bemĂŒĂigt, öffentlich gegen ihn Position zu beziehen und dabei auch schmerzhafte Einblicke zu seinem Zustand nach auĂen zu tragen: etwa dazu, dass er einzelne von ihnen bei Begegnungen zuletzt nicht mehr erkannt habe. Sein Kampf ums politische Ăberleben wurde zu einem unwĂŒrdigen Schauspiel. Daran ist auch Biden selbst nicht unschuldig.
Ein angekratztes politisches VermÀchtnis
Dass Bidens lange politische Karriere nun auf diese Weise endet, ist bitter. Er hĂ€tte als jener PrĂ€sident in die Geschichte eingehen können, der Trump aus dem WeiĂen Haus vertrieb und das Land so stabilisierte, der die USA aus der Coronakrise fĂŒhrte, die Wirtschaft wieder ankurbelte, der beispiellose Investitionen in Klimaschutz und Infrastruktur anstieĂ. Doch sein unehrenhafter Abgang fĂŒgte seinem politischen VermĂ€chtnis bleibenden Schaden zu. Nun geht er auch in die Geschichte ein als einer, der zum Schluss schwer strauchelte und trotzdem nicht loslassen wollte. Aus Stolz? Aus Eitelkeit?
Biden schaffte erst im dritten Anlauf den Einzug ins WeiĂe Haus - als Ă€ltester US-PrĂ€sident aller Zeiten. Vielleicht machte die Tatsache, dass es fĂŒr ihn so schwierig war, dorthin zu kommen, das Loslassen schwerer. Der Demokrat selbst beteuert, er habe sich damals nur aus Verantwortungsbewusstsein dazu entschieden, zur Wiederwahl anzutreten. Bis zuletzt behauptete er, es gebe im ganzen Land niemanden, der besser fĂŒr den Job geeignet sei â und nur er könne Trump noch einmal besiegen.
Das stellte sich als vermessen heraus. Eigentlich hĂ€tte er als Amtsinhaber mit inhaltlich sehr ansehnlicher Bilanz leichtes Spiel haben mĂŒssen gegen einen inzwischen verurteilten StraftĂ€ter, der vor vier Jahren versuchte, den Wahlausgang zu sabotieren und seine AnhĂ€nger zu einer gewaltsamen Attacke auf das US-Kapitol aufhetzte. Doch ĂŒber Monate lag Trump in Umfragen vor ihm. Bidens Ă€uĂerer Zustand ĂŒberschattete seit langem seine inhaltlichen Erfolge.
Die Notlösung
Dass die Partei keinen alternativen Kandidaten parat hatte, ist allen voran auch Biden selbst vorzuwerfen. 2020 trat er als Kandidat des Ăbergangs an, um Trump zu schlagen und dann an die nĂ€chste Generation weiterzugeben.Â
Doch er gab die Macht nicht ab und versÀumte es, systematisch jemanden als Nachfolger aufzubauen.
Ja, seine Stellvertreterin Harris blieb selbst hinter den groĂen Erwartungen und Hoffnungen an sie zurĂŒck. Sie war in den vergangenen dreieinhalb Jahren unsichtbar, wirkte teils unsouverĂ€n, unauthentisch, leistete sich selbst Patzer. Biden ĂŒbertrug ihr aber auch unlösbare Aufgaben, wie die «EindĂ€mmung von Fluchtursachen». Erst zuletzt konnte sie beim Thema Abtreibung etwas an Profil gewinnen.
In ihrer verzweifelten Lage schauen die Demokraten nun trotzdem vor allem auf Harris als Biden-Nachfolgerin und sehen groĂzĂŒgig ĂŒber ihre bisherige SchwĂ€che hinweg, vor allem aus pragmatischen GrĂŒnden. Als Bidens Vize und vor allem als erste Frau und erste Schwarze in den Job wĂ€re es schwer, sie zu ĂŒbergehen. AuĂerdem hat sie nationale Bekanntheit und sie könnte wohl auf den Wahlkampfapparat und vermutlich auch auf gesammelte Spenden der bisherigen Biden-Harris-Kampagne zugreifen. Ob die Partei Bidens Vorschlag folgt und sie als Nummer eins in die Wahl schickt, muss sich zeigen.Â
Ob sie eine Chance hat, Trump zu schlagen, erst recht.
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