Nervenprobe, US-Wahlergebnis

Nervenprobe? Warum es bis zum US-Wahlergebnis dauern könnte

31.10.2024 - 06:00:39

Der Countdown zur US-PrĂ€sidentschaftswahl lĂ€uft. Doch dass am Wahlabend schon Klarheit ĂŒber den Ausgang herrscht, wagen viele zu bezweifeln. DafĂŒr sorgen ein komplexes Wahlsystem - und Donald Trump.

Im Neonlicht einer nĂŒchternen Lagerhalle zeigt sich die US-PrĂ€sidentschaftswahl in ihrer bĂŒrokratischen Reinform: öffnen. PrĂŒfen. Sortieren. WĂ€hrend draußen Menschen Schlange stehen, um frĂŒhzeitig ihre Stimme abzugeben, arbeiten die Wahlhelfer in Gwinnett County im Bundesstaat Georgia an den bereits per Post eingegangenen Stimmzetteln. 

Die eigentliche AuszĂ€hlung beginnt erst am 5. November, doch bestimmte Schritte sind schon vorab erlaubt, erklĂ€rt Wahlleiter Zach Manifold. Am Wahlabend dĂŒrften die meisten Stimmen in seinem Wahlbezirk deshalb ausgezĂ€hlt sein, sagt er. Doch das heißt lĂ€ngst nicht, dass ĂŒberall schnell Ergebnisse vorliegen.

In der US-Geschichte gab es hĂ€ufiger Wahlen, bei denen der Sieger erst nach Tagen feststand. Im Jahr 2000 dauerte es wegen einer umstrittenen NachzĂ€hlung und einer Klage vor dem Obersten Gerichtshof sogar ĂŒber einen Monat. 

Doch die Erinnerung an die jĂŒngste Wahl ist besonders frisch - und steckt vielen in den Knochen: Vor vier Jahren schĂŒrte Donald Trump tagelang Falschbehauptungen ĂŒber Wahlbetrug, wĂ€hrend sich die AuszĂ€hlung in mehreren Staaten hinzog. In Georgia war der Kampf damals besonders erbittert. Weniger als 12.000 Stimmen entschieden ĂŒber den Sieg in dem Bundesstaat. Trump versuchte mit allen Mitteln, sogar mit einem berĂŒchtigten Anruf beim obersten Wahlaufseher im Bundesstaat, das Ergebnis noch umzukehren. 

Jetzt, da der Republikaner erneut antritt - gegen die Demokratin Kamala Harris - könnte es Àhnliche Szenarien geben. Im Fokus stehen besonders die «Swing States», also Staaten wie Georgia, die keiner Partei fest zugerechnet werden können.

Was erwartet die USA am Wahlabend und möglicherweise danach? Die komplexen AblÀufe machen eine Prognose schwer. Starke Nerven sind deshalb unbedingt empfohlen - und es gibt ein paar Orientierungshilfen.

Wie lÀuft die Stimmabgabe ab?

Es gibt mehrere Möglichkeiten:

  • frĂŒhzeitig an bestimmten Orten,
  • per Briefwahl,
  • am 5. November direkt im Wahllokal.

Jeder Bundesstaat hat dabei eigene Regeln fĂŒr Fristen und IdentitĂ€tsnachweise. Auch die Technik variiert: von klassischen handschriftlichen Stimmzetteln bis zu Wahlcomputern. 

Warum ist WĂ€hlen in den USA so kompliziert?

Das dezentral organisierte US-Wahlsystem erlaubt den einzelnen Staaten viel Freiraum in der Gestaltung des Wahlablaufs. Wahlleiter Manifold sieht darin eine StĂ€rke: «Die Wahlen können nicht wirklich in großem Stil beeinflusst werden.» Doch die organisatorische Bandbreite der insgesamt rund 10.000 Wahlbezirke birgt auch Unsicherheiten. Zur Transparenz sind vielerorts Wahlbeobachter beider Parteien zugelassen.

Warum dauert die AuszÀhlung so lange?

Zuerst einmal wegen der schieren GrĂ¶ĂŸe der USA: Die AuszĂ€hlung von voraussichtlich rund 160 Millionen Stimmen in verschiedenen Zeitzonen erfordert erhebliche Ressourcen. Besonders die Briefwahlstimmen verzögern in einigen Staaten den Prozess, weil sie dort erst am Wahltag geöffnet und bearbeitet werden dĂŒrfen. 

WĂ€hrend die meisten Staaten – wie Georgia – bestimmte Schritte vorziehen, geht das etwa im bevölkerungsreichsten Staat unter den sieben «Swing States», in Pennsylvania, und auch in Wisconsin nicht. Allerdings nutzten 2020 viele Amerikaner pandemiebedingt die Briefwahl, was diesmal weniger erwartet wird. Ein weiteres Hindernis können komplizierte Stimmzettel oder Anforderungen fĂŒr den IdentitĂ€tsnachweis sein, die in einigen Staaten vorgeschrieben sind.

Können die ersten Ergebnisse tÀuschen?

Absolut. Einige Staaten beginnen mit der AuszĂ€hlung der am Wahltag abgegebenen Stimmen. Diese kommen dann oft eher den Republikanern zugute, weil Demokraten tendenziell stĂ€rker die Briefwahl nutzen. Dies kann dann zunĂ€chst einen Vorsprung fĂŒr Trump suggerieren, der sich durch die spĂ€ter ausgezĂ€hlten Briefwahlstimmen zugunsten der Demokraten verschieben könnte – ein PhĂ€nomen, das Raum fĂŒr Falschbehauptungen bietet, wie der Republikaner sie schon 2020 schĂŒrte.

Wird Trump wieder BetrugsvorwĂŒrfe erheben?

Falls die Zahlen gegen ihn sprechen: höchstwahrscheinlich. «Er hat den Leuten so oft gesagt, dass die Wahl (2020) gestohlen wurde, dass die meisten Republikaner das auch glauben», erklÀrt Charles Bullock, Wahlexperte an der UniversitÀt von Georgia.

Schon jetzt streut Trump wieder Zweifel und bereitet seine AnhĂ€nger darauf vor, das Ergebnis infrage zu stellen. Diese Rhetorik könnte Bezirke unter Druck setzen, ihre Ergebnisse akribisch zu prĂŒfen. 

Wahlleiter Manifold betont, dass US-Wahlen heute prĂ€ziser ablaufen als je zuvor. «Doch wer sich nur ĂŒber soziale Medien informiert und all die Falschinformationen konsumiert, bekommt ein verzerrtes Bild davon, wie Wahlen tatsĂ€chlich funktionieren.» 

Könnte ein knappes Ergebnis eine NachzÀhlung auslösen?

Ja - in einigen Staaten wird dann automatisch nachgezĂ€hlt. Bei grĂ¶ĂŸeren AbstĂ€nden können die Kandidaten in manchen Staaten eine NachzĂ€hlung beantragen. Das Ergebnis Ă€ndert sich dadurch allerdings fast nie, sagt Wahlexperte Bullock.

Wann steht fest, wer gewonnen hat?

Da es in den USA keine zentrale Wahlleitung gibt, sind alle Blicke auf die «Decision Desks» der MedienhÀuser gerichtet - sie rufen auf Basis von WÀhlerbefragungen und ersten StimmauszÀhlungen einen Sieger oder eine Siegerin in den einzelnen Bundesstaaten aus. Ob noch in der Wahlnacht feststehen wird, wer insgesamt gewonnen hat, ist unklar. 2020 dauerte das mehrere Tage. 

Bis es ein hochoffizielles Ergebnis gibt, braucht es ohnehin deutlich mehr Zeit. Die Resultate aus allen Bundesstaaten mĂŒssen offiziell zertifiziert werden: auf lokaler Ebene, von den Bundesstaaten und schließlich vom US-Parlament. Bei diesem komplizierten Prozedere, dass sich bis in den Januar zieht, kann es quasi an jeder Stelle Verzögerungen geben – etwa durch politischen Druck. 

Können Zweifler dieses Prozedere juristisch beeinflussen?

Es ist zu erwarten, dass Trump-UnterstĂŒtzer auch diesmal auf juristischem Weg gegen die Ergebnisse vorgehen werden. Bei der Wahl 2020 fĂŒhrten solche Klagen in einigen Bundesstaaten zu kurzen AuszĂ€hlungsstopps. Bereits jetzt laufen Dutzende Klagen, die hauptsĂ€chlich in «Swing States» und von republikanischer Seite eingebracht wurden.

@ dpa.de