Israel: Knesset berÀt Justizumbau, Herzog hofft auf Einigung
23.07.2023 - 22:09:16In Israel geht der von der rechts-religiösen Regierung geplante Umbau der Justiz in eine entscheidende Phase. PrÀsident Izchak Herzog versuchte derweil im letzten Moment noch einen Kompromiss zwischen Regierung und Opposition zu erreichen.
Herzog traf am Abend Regierungschef Benjamin Netanjahu sowie OppositionsfĂŒhrer Jair Lapid, um einen Kompromiss zwischen Regierung und Opposition zu erreichen, teilte das BĂŒro des PrĂ€sidenten mit. Herzog sollte anschlieĂend zudem Oppositionspolitiker Benny Gantz treffen. Das Parlament in Jerusalem begann am Sonntag eine Marathonsitzung, um ĂŒber ein Kernelement der umstrittenen PlĂ€ne abschlieĂend zu beraten. Möglicherweise wird schon an diesem Montag darĂŒber abgestimmt.
Gegner und BefĂŒrworter demonstrieren
Sowohl Gegner als auch BefĂŒrworter der Justizreform demonstrierten: WĂ€hrend in der KĂŒstenstadt Tel Aviv Zehntausende UnterstĂŒtzer des geplanten Justizumbaus zusammenkamen, versammelten sich in der Hauptstadt Jerusalem Zehntausende, die dem Vorhaben ablehnend gegenĂŒberstehen. In Jerusalem hatte zudem am Sonntagmittag eine Demonstration fĂŒr einen Konsens beider Lager stattgefunden.
Medienberichten zufolge griffen BefĂŒrworter der Justizreform einen Journalisten und dessen Kamerateam aus zunĂ€chst ungeklĂ€rter Ursache an. Den Angaben nach kamen viele der Demonstranten mit Bussen aus anderen Orten des Landes sowie Siedlungen im besetzten Westjordanland in das als liberal geltende Tel Aviv. Nach dem Protest seien Demonstranten durch die Stadt gezogen und hĂ€tten «Tod den Arabern» gerufen und Polizeiabsperrungen niedergerissen. Medien schĂ€tzten die Teilnehmer der BefĂŒrworter der Reform auf rund 50.000, die der Gegner auf 50.000 bis 100.000. Bei der Kundgebung in Jerusalem kam es zu ZusammenstöĂen zwischen Gegnern der Reform und der Polizei.
Netanjahu im Krankenhaus
Das Treffen von Netanjahu und Herzog fand Medienberichten zufolge im Krankenhaus statt. Der 73-JĂ€hrige bekam nur wenige Stunden vor Beginn der Beratungen im Krankenhaus einen Herzschrittmacher eingesetzt. Nach Angaben der Ărzte ĂŒberstand er den Eingriff gut.
Netanjahu war vor einer Woche ins Krankenhaus eingeliefert worden. Damals hieĂ es noch, er sei zu lange ohne Wasser und Kopfbedeckung in der Sonne gewesen. Offen war, ob er rechtzeitig zur Abstimmung in der Knesset sein kann. In einem kurzen Video nach der OP versprach er, dabei zu sein. Erwartet wird, dass er am Montag aus der Klinik entlassen wird.
Das Gesetz ist Teil eines gröĂeren Pakets, das von Kritikern als Gefahr fĂŒr Israels Demokratie eingestuft wird. Alle bisherigen Verhandlungen zwischen der rechten Koalition und der Opposition blieben bislang ohne Erfolg. Netanjahus Likud-Partei hatte zudem erst am Sonntag einen vor einigen Tagen vom Dachverband der Gewerkschaften (Histadrut) eingebrachten Vorschlag ĂŒber eine Einigung abgelehnt.
Die aktuelle Regierung ist die am weitesten rechts stehende, die Israel je hatte. Die GesetzesÀnderungen erfolgen auch auf Druck der strengreligiösen Koalitionspartner Netanjahus. Die Reform könnte ihm aber auch in einem Korruptionsprozess, der schon lÀnger gegen den Regierungschef lÀuft, in die HÀnde spielen.
Rechtsanwaltskammer will gegen Gesetz vorgehen
Dem Höchsten Gericht des Landes soll es mit dem Gesetz nicht mehr möglich sein, eine Entscheidung der Regierung oder einzelner Minister als «unangemessen» zu bewerten. Kritiker fĂŒrchten, dass dies Korruption und die willkĂŒrliche Besetzung wichtiger Posten und Entlassungen begĂŒnstigt. Die Netanjahu-Regierung wirft der Justiz dagegen vor, sich zu sehr in politische Entscheidungen einzumischen. Der Vorsitzende der Rechtsanwaltskammer, Amit Becher, kĂŒndigte an, bei einer Verabschiedung juristisch gegen das Gesetz vorzugehen.
Am Samstag waren Hunderttausende gegen die Justizreform auf die StraĂen gegangen. Die Organisatoren gaben die Zahl der Teilnehmer am Samstag mit mehr als einer halben Million an. Israel hat zehn Millionen Einwohner. Seit mehr als einem halben Jahr spaltet der geplante Justizumbau weite Teile der Gesellschaft.
Gegner des Vorhabens fĂŒrchten, dass sich Israel fundamental verĂ€ndern könnte. Manche warnen gar vor der EinfĂŒhrung einer Diktatur. WĂ€hrend der Beratungen in der Knesset brach die Oppositionsabgeordnete Orit Farkasch-Hacohen in TrĂ€nen aus. «Unser Land steht in Flammen. Ihr habt das Land zerstört, ihr habt die Gesellschaft zerstört.»
Druck auf Regierung aus Reihen des MilitÀrs
Zuletzt nahm auch der Widerstand im MilitĂ€r zu. Etwa 10.000 Reservisten kĂŒndigten an, nicht mehr zum Dienst zu erscheinen, sollte die Regierung ihre PlĂ€ne nicht stoppen. Berichten zufolge könnte dies die Einsatzbereitschaft des MilitĂ€rs erheblich beeintrĂ€chtigen. Am Freitag hatten bereits mehr als 1000 Reservisten der Luftwaffe mit Dienstverweigerung gedroht. Daraufhin gab Verteidigungsminister Joav Galant bekannt, sich um einen «Konsens» zu bemĂŒhen.
Israels Institut fĂŒr Nationale Sicherheitsstudien schrieb am Sonntag: «Der Schaden fĂŒr die nationale Sicherheit Israels ist RealitĂ€t geworden». Sollte das Gesetz nicht gestoppt werden, werde nicht nur dem MilitĂ€r Schaden zugefĂŒgt, sondern auch der Wirtschaft und den Beziehungen zu wichtigen BĂŒndnispartnern wie den USA.
Forderungen nach Generalstreik
Tausende waren am Samstag zum Hauptquartier des Dachverbands der Gewerkschaften (Histadrut) gezogen und hatten die Ausrufung eines Generalstreiks gefordert. Der Gewerkschaftsbund mit 800.000 Mitgliedern hatte Ende MĂ€rz wegen Galants Entlassung durch Netanjahu schon einmal zum Generalstreik aufgerufen. Der Minister hatte zuvor den Umbau der Justiz kritisiert. Netanjahu setzte die PlĂ€ne dann vorĂŒbergehend aus, die Entlassung wurde rĂŒckgĂ€ngig gemacht.















