Neuer PrÀsident im Iran - GedÀmpfte Hoffnung auf Wandel
07.07.2024 - 15:46:45Nach seinem Sieg bei der PrĂ€sidentschaftswahl im Iran steht der vergleichsweise moderate Kandidat Massud Peseschkian vor groĂen Herausforderungen. Viele seiner WĂ€hler dĂŒrften einen Politikwechsel von ihm erwarten. Ob der gelingen kann, hĂ€ngt von mehreren Faktoren ab. Der ehemalige iranische PrĂ€sident Hassan Ruhani sieht mit Peseschkians Wahl zugleich die Gelegenheit zur Wiederaufnahme der Atomverhandlungen gekommen, zitierte die Zeitung «Shargh» den Ex-Regierungschef.Â
Peseschkian hatte sich in einer Stichwahl am Freitag mit 53,7 Prozent der Stimmen gegen seinen ultrakonservativen Herausforderer Said Dschalili durchgesetzt. Der Politiker gehört zum Lager der Reformbewegung. Deren AnhĂ€nger wollen die Islamische Republik von innen reformieren, ohne dabei die grundsĂ€tzlichen MachtverhĂ€ltnisse anzutasten - etwa die absolute AutoritĂ€t des ReligionsfĂŒhrers im Staat. Beobachter sehen den Sieg als Schlag fĂŒr die konservative FĂŒhrungselite und Erfolg fĂŒr das relativ gemĂ€Ăigte reformistische Lager, das in den vergangenen Jahren von der Politik abgeschottet war.
Peseschkian sagte am Samstag, es gelte nun, «die diversen Herausforderungen und Krisen zu bewĂ€ltigen». Derer gibt es einige: Der Iran ist wegen seines umstrittenen Atomprogramms mit internationalen Sanktionen belegt und vom weltweiten Finanzsystem weitgehend abgeschnitten. Das Land benötigt Investitionen in Milliardenhöhe, Arbeitslosigkeit und Einkommensungleichheit sind hoch. Die Gesellschaft ist nicht erst seit der jĂŒngsten Protestwelle, die 2022 durch den Tod einer jungen Frau in HĂ€nden der Sittenpolizei ausgelöst worden war, stark gespalten. AuĂenpolitisch schwelt zudem der Konflikt mit Israel und dem Westen.
ReligionsfĂŒhrer Chamenei will Kooperation der Lager
Peseschkian hat eine Verbesserung der Beziehungen zum Westen angekĂŒndigt und im Wahlkampf die Kopftuchpolitik im Land kritisiert. Angesichts der komplexen politischen Gemengelage und mĂ€chtigen Interessengruppen im Iran ist jedoch unklar, inwiefern vom Stichwahlsieger Peseschkian tatsĂ€chlich ein signifikanter Kurswechsel zu erwarten ist. Beobachter gehen davon aus, dass er versuchen wird, sowohl die Innen- als auch AuĂenpolitik neu zu gestalten und so auch die angeschlagene Wirtschaft wieder anzukurbeln.
Wie viel Einfluss Peseschkian haben wird, hĂ€ngt zugleich maĂgeblich von ReligionsfĂŒhrer Ajatollah Ali Chamenei ab, dem mĂ€chtigsten Mann im Staat. Hinzu kommen einflussreiche Interessengruppen wie etwa die Revolutionsgarden - Irans Elitestreitmacht, die auch eine maĂgebliche Wirtschaftsmacht im Land ist. Ob es zu erkennbaren KursĂ€nderungen kommt, werden die Revolutionsgarden mitentscheiden.Â
Wie die Zeitung «Shargh» unter Berufung auf Parlamentsabgeordnete berichtete, soll Peseschkian am 4. oder 5. August vereidigt werden. Danach habe der PrĂ€sident 15 Tage, um sein Kabinett vorzustellen. Ab dem 22. August soll dieses durch das Parlament bestĂ€tigt werden. Dort haben die Hardliner die Mehrheit. ReligionsfĂŒhrer Chamenei rief nach der Wahl Peseschkians und der Niederlage des Hardliner-Kandidaten dazu auf, «die politische RivalitĂ€t nun in Freundschaft» umzuwandeln. Dass die Erzkonservativen mit dem verfeindeten Lager der Moderaten kooperieren werden, gilt dennoch als unwahrscheinlich.
Mehrheit der wahlberechtigten Iraner hat nicht gewÀhlt
Irans politisches System vereint seit der Revolution von 1979 republikanische und auch theokratische ZĂŒge. Freie Wahlen gibt es jedoch nicht: Der sogenannte WĂ€chterrat, ein mĂ€chtiges islamisches Kontrollgremium, prĂŒft Kandidaten stets auf ihre Eignung. Von 80 PrĂ€sidentschaftsbewerbern lieĂ der WĂ€chterrat diesmal nur sechs als Kandidaten in der ersten Wahlrunde zu.
An einen Wandel im Land glauben die wenigsten Iraner und Iranerinnen. Reformen des politischen Systems seien nicht möglich, heiĂt es oft resigniert. Wie bereits bei der diesjĂ€hrigen Parlamentswahl waren die Wochen vor der Abstimmung von auffĂ€lliger GleichgĂŒltigkeit geprĂ€gt. In der ersten Runde schlug sich das in einer historisch niedrigen Wahlbeteiligung von rund 40 Prozent nieder. In der Stichwahl erreichte die Beteiligung dann 49,8 Prozent.Â
Die vorgezogene Wahl folgte auf den Tod von Amtsinhaber Ebrahim Raisi, der im Mai bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen war. Seine knapp dreijÀhrige Amtszeit war von politischer Repression, Protestwellen und einer Verschlechterung der Wirtschaftslage geprÀgt.
Neuer PrĂ€sident will Vertrauen des Volkes zurĂŒckgewinnen
Auch vor diesem Hintergrund warb Peseschkian im Wahlkampf fĂŒr ein neues VertrauensverhĂ€ltnis zwischen Regierung und Volk. Politische Erfahrung bringt er mit. WĂ€hrend der zweiten PrĂ€sidentschaft von Mohammed Chatami (2001-2005) war Peseschkian Gesundheitsminister. Trotz seiner gemĂ€Ăigten Rhetorik stellte er sich hinter die mĂ€chtigen Revolutionsgarden und lobte den Angriff mit Drohnen und Raketen auf den Erzfeind Israel im April. In den TV-Debatten bezeichnete er sich selbst als wertkonservativen Politiker, der jedoch Reformen fĂŒr notwendig hĂ€lt.









