Selenskyj: Deutsche zögern bei UnterstĂŒtzung mehr als andere
19.10.2024 - 05:00:40Bei der Frage zum Einsatz weitreichender Waffen gegen Ziele tief im russischen Staatsgebiet gestalten sich die GesprĂ€che mit Deutschland nach Angaben aus Kiew schwieriger als mit anderen Partnern der Ukraine. Laut PrĂ€sident Wolodmyr Selenskyj haben die fĂŒnf wichtigsten Partner - USA, GroĂbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland - zu dieser Forderung keine einheitliche Meinung. Zwar gebe es UnterstĂŒtzer, «und sie helfen mir auch im Dialog mit den anderen Partnern, um eine positive Lösung zu erzielen», sagte Selenskyj im GesprĂ€ch mit ukrainischen Journalisten. Doch gebe es noch ZurĂŒckhaltung, da dies eine «mit Risiken behaftete Frage» sei, schlieĂlich gehe es um ein Paket «sehr gewaltiger Raketen».
Vor allem mit Deutschland sei der Diskussionspunkt noch immer nicht geklĂ€rt. «FĂŒr sie (die Deutschen) bleibt dies weiterhin die schmerzhafteste Frage», sagte Selenskyj. Dass sich die westlichen Partner mit der seit Monaten von ihm erbetenen Erlaubnis zum Einsatz der bereits gelieferten Waffen so schwertĂ€ten, liege offenbar daran, dass sie in den Beziehungen zu Russland «die TĂŒren nicht endgĂŒltig zuschlagen» wollten. «Das zumindest ist mein Eindruck.»
Die Ukraine setzt gegen Ziele in Russland bisher weitreichende Kampfdrohnen oder sogenannte Kamikaze-Drohnen ein, die mit einer Sprengladung ins Ziel gelenkt werden. Diese haben allerdings im Vergleich zu Marschflugkörpern und weitreichenden Raketen nur geringe Zerstörungskraft.
Scholz: Nato darf nicht in Krieg hineingezogen werden
Erst kĂŒrzlich hatte EU-Chefdiplomat Josep Borrell die BeschrĂ€nkungen fĂŒr den Einsatz der schweren westlichen Waffen im Ukraine-Krieg infrage gestellt. Die Ukraine habe angesichts von russischen Angriffen auf KrankenhĂ€user und Kraftwerke ein Recht auf Selbstverteidigung, sagte er.
Russlands Angriffskrieg war am Freitag auch eines der Hauptthemen beim Gipfeltreffen von Bundeskanzler Olaf Scholz mit den PrĂ€sidenten der USA und Frankreichs sowie dem britischen Premier im Berliner Kanzleramt. Scholz und US-PrĂ€sident Joe Biden versicherten der Ukraine ihre SolidaritĂ€t, stehen den zentralen Forderungen in Selenskyjs «Friedensplan» - bedingungslose Einladung in die Nato, Krieg auch auf russischem Territorium und mit weitreichenden westlichen Waffen - aber ablehnend gegenĂŒber. Scholz betonte, die Nato dĂŒrfe nicht in den Krieg hineingezogen werden, damit dieser «nicht in eine noch viel gröĂere Katastrophe mĂŒndet».
Lage im ostukrainischen Pokrowsk schwierigÂ
Derweil wird angesichts immer neuer russischer Angriffe die Lage der Verteidiger der ostukrainischen Stadt Pokrowsk am Rande des Donbass immer schwieriger. Die Verwaltung rief die Zivilbevölkerung zum Verlassen der Stadt auf. In den Wohnvierteln wĂŒrden bereits Panzerhindernisse aufgestellt. «Der Feind ist dabei, die Stadt nach und nach zu zerstören, so wie er es mit Bachmut und Awdijiwka getan hat», hieĂ es in einem Evakuierungsaufruf.
Von den ursprĂŒnglich rund 53.000 Bewohnern leben nach Medienberichten nur noch knapp 12.000 im weitgehend zerstörten Pokrowsk. Knapp die HĂ€lfte der Stadt sei ohne Stromversorgung.
Pokrowsk und das etwas weiter sĂŒdlich gelegene Kurachowe gelten als die aktuell gröĂten Brennpunkte an den Ostflanken der ukrainischen Verteidigungslinien. Der Generalstab in Kiew sprach in seinem Lagebericht am Abend von schwersten KĂ€mpfen an diesen Frontabschnitten.
Auch aus der Umgebung von Kupjansk, östlich von Charkiw, wurden erbitterte KĂ€mpfe gemeldet. Angesichts der «Dynamik der Feindseligkeiten» und der bis auf vier Kilometer Entfernung an die Stadtgrenze herangerĂŒckten Front wurde die Zivilbevölkerung erneut aufgerufen, die Stadt zu verlassen.
Putin wirft Ukraine fehlende Verhandlungsbereitschaft vor
Kremlchef Wladimir Putin, der den Angriffskrieg im Februar 2022 befahl und gegen den der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehl wegen mutmaĂlicher Kriegsverbrechen erlassen hat, warf der Ukraine fehlende Bereitschaft zu Verhandlungen mit Moskau vor. Selenskyj stelle immer wieder Forderungen, mache aber keine VorschlĂ€ge, sagte Putin bei einem Treffen mit Medienvertretern in der russischen Hauptstadt. Zudem habe Selenskyj ein Dekret unterzeichnet, dass Verhandlungen mit Russland verbiete. Die russische Seite sei hingegen wie am Anfang des Krieges bereit zu FriedensgesprĂ€chen, sagte Putin.
Die von beiden Kriegsparteien erhobenen Forderungen im Hinblick auf FriedensgesprĂ€che sind diametral entgegengesetzt. WĂ€hrend Russland nur ĂŒber den Status quo an den Fronten sprechen will, fordert die Ukraine als Vorbedingung fĂŒr GesprĂ€che unter anderem den kompletten Abzug russischer Truppen von ukrainischem Gebiet, einschlieĂlich der 2014 annektierten Halbinsel Krim.
In Kiew betonte Selenskyj, die Ukraine wolle aus einer Position der StÀrke mit Moskau verhandeln. «Wir sagen unseren Partnern immer, wenn ihr wollt, dass wir mit den Russen sprechen, dann stÀrkt uns», sagte er. «Dann wÀren wir auf Augenhöhe, und nicht nur auf irgendeinem Stuhl in der Ecke.» Zur StÀrkung forderte Selenskyj die Einladung zum Nato-Beitritt und die Waffen-Freigabe.
Ukraine erhÀlt weitere Finanzhilfe des IWF
Finanzielle Hilfe erhĂ€lt die Ukraine noch von anderer Stelle. Vergangenes Jahr hatte der Internationale WĂ€hrungsfonds dem Land ein Kreditprogramm in Milliardenhöhe mit einer Laufzeit von vier Jahren genehmigt. Nun kann die Ukraine weitere 1,1 Milliarden Dollar (1 Mrd. Euro) abrufen, wie der IWF mitteilte. Das Geld soll zur UnterstĂŒtzung des Staatshaushalts verwendet werden.Â
«Trotz des anhaltenden Krieges zeigt sich die ukrainische Wirtschaft widerstandsfĂ€hig», erklĂ€rte der IWF. Alle Leistungsziele fĂŒr Ende Juni seien erreicht und wesentliche Strukturreformen umgesetzt worden. Die Auswirkungen des Krieges - insbesondere auf die Energieinfrastruktur - blieben jedoch ein Unsicherheitsfaktor fĂŒr die wirtschaftliche Erholung der Ukraine.







