Ărger ĂŒber Kiews Vorgehen gegen Korruptionsermittler wĂ€chst
23.07.2025 - 17:01:12Die AffĂ€re um die Kompetenzbeschneidung ukrainischer Korruptionsermittler gewinnt eine fĂŒr PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj gefĂ€hrliche Dynamik. Die Kritik am Vorgehen gegen zwei zentrale Behörden beim Kampf gegen die im Land allgegenwĂ€rtige Korruption nimmt im In- und Ausland immer stĂ€rker zu. Auch Deutschlands AuĂenminister Johann Wadephul warnt Kiew vor den möglichen Folgen.
FĂŒr den Abend wurde erneut zu Demonstrationen in mindestens sieben GroĂstĂ€dten, darunter wieder in der Hauptstadt Kiew aufgerufen. Es wird vermutet, dass die Demonstrationen in den kommenden Tagen noch zunehmen werden. Es sind die ersten groĂen Proteste gegen die Regierung, mit denen Selenskyj seit Kriegsbeginn konfrontiert wird.
Politische Einflussnahme vermutet
Der Skandal hatte Anfang der Woche begonnen, als Polizei und Geheimdienst Dutzende Razzien bei Mitarbeitern des Nationalen AntikorruptionsbĂŒros (NABU) und der Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) vornahmen. Einer der VorwĂŒrfe lautete demnach auf Kollaboration mit dem Kriegsfeind Russland.Â
Als Hintergrund wird allerdings ein Machtkampf der Sicherheitsorgane vermutet. Medien berichteten, dass die Antikorruptionsbehörden gegen den angeblich Selenskyj nahestehenden Ex-Vizeregierungschef Olexij Tschernyschow ermittelt haben sollen. Der an den Razzien beteiligte Geheimdienst SBU untersteht direkt Selenskyj.
Behörden wird die UnabhÀngigkeit genommen
Nur einen Tag spĂ€ter verabschiedete das Parlament in Kiew in einem Eilverfahren ein Gesetz, das die beiden mit Hilfe des Westens geschaffenen Behörden zur KorruptionsbekĂ€mpfung unter Aufsicht des Generalstaatsanwalts stellt. Trotz öffentlicher Proteste in Kiew unterzeichnete Selenskyj das Gesetz noch am Abend. Der «Economist» bemĂ€ngelte die Eile, mit der das fĂŒr die Ukraine so wichtige Gesetz im Parlament durchgedrĂŒckt worden sei.
Das Gesetz sieht vor, dass der Generalstaatsanwalt Zugriff auf alle Fallunterlagen der NABU hat. Er kann Mitarbeitern auf allen Ebenen bis hin zum Chef Anweisungen erteilen und er kann FĂ€lle an andere Stellen ĂŒbergeben, wenn er die Ermittlungen der Antikorruptionsbehörde fĂŒr ineffektiv hĂ€lt. Er kann auch Verfahren gegen hochrangige Beamte, darunter auch gegen den PrĂ€sidenten und Regierungsmitglieder, einstellen lassen.
War frĂŒher die SAP fĂŒr die KlĂ€rung von StreitfĂ€llen zustĂ€ndig, die sich aus Ermittlungen der NABU ergaben, so hat nun ebenfalls der Generalstaatsanwalt hier das letzte Wort.
Selenskyj versucht, nach Restriktionen Einigkeit zu prÀsentieren
Um die zunehmende Kritik wieder einzufangen, lud Selenskyj am Morgen Vertreter aller betroffenen Behörden zum GesprÀch. Bei dem «offenen und hilfreichen» Treffen sei die Ausarbeitung eines Aktionsplans beschlossen worden, um die bestehenden Probleme zu lösen, schrieb er auf Telegram. Dazu stellte er ein Foto, das ihn unter anderem mit NABU-Chef Semen Krywonos und dem SAP-Leiter Olexander Klymenko zeigt und Einheit demonstrieren soll.
Ganz gelungen ist dies nicht. Das AntikorruptionsbĂŒro veröffentlichte nach dem Treffen auf seinem Telegramkanal einen Aufruf, das Gesetz zurĂŒckzunehmen. Die Behörde arbeite rein im Interesse des ukrainischen Volkes, wird in der ErklĂ€rung betont. Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko rĂ€umte spĂ€ter im GesprĂ€ch mit Journalisten ein, dass Krywonos und Klymenko bei dem Treffen Kritik am Gesetz geĂ€uĂert und Garantien fĂŒr unabhĂ€ngiges Arbeiten gefordert hĂ€tten.Â
Medien in Kiew wie die «Ukrajinska Prawda» berichten ausfĂŒhrlich ĂŒber die AffĂ€re, die Selenskyj nicht im besten Licht erscheinen lĂ€sst. Bei Protesten in mehreren ukrainischen StĂ€dten warfen Demonstranten der politischen FĂŒhrung einen RĂŒckfall zum Herrschaftsstil des moskaufreundlichen PrĂ€sidenten Viktor Janukowitsch vor, der 2014 gestĂŒrzt wurde.Â
Westen besorgt ĂŒber RĂŒckschritte der Demokratie
Auch im Ausland mehren sich die VorwĂŒrfe: EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos warnte Kiew, das neue Gesetz sei ein «ernsthafter RĂŒckschritt» auf dem Weg zu einem EU-Beitritt. Rechtsstaatlichkeit und unabhĂ€ngige Behörden im Kampf gegen die Korruption blieben «im Mittelpunkt der EU-Beitrittsverhandlungen», schrieb sie beim Onlinedienst X.Â
Schon vor der Abstimmung hatte Kommissionssprecher Guillaume Mercier an die «erhebliche finanzielle UnterstĂŒtzung» der EU an die Ukraine erinnert, die aber davon abhĂ€nge, wie das Land bei der Justizreform und in den Bereichen Transparenz und demokratische RegierungsfĂŒhrung vorankomme.
Den Warnungen aus BrĂŒssel hat sich auch Berlin angeschlossen. «Die EinschrĂ€nkung der UnabhĂ€ngigkeit der ukrainischen Antikorruptionsbehörde belastet den Weg der #Ukraine in die EU», schrieb BundesauĂenminister Wadephul. Er erwarte von der Ukraine die konsequente Fortsetzung der KorruptionsbekĂ€mpfung. Dies sei einer der GrĂŒnde dafĂŒr gewesen, warum er sich in Kiew mit den Leitern von NABU und SAP getroffen habe.
Deutschland ist einer der wichtigsten UnterstĂŒtzer der Ukraine sowohl bei den Waffenlieferungen zur Abwehr der russischen Invasion als auch bei den finanziellen Hilfen zur Stabilisierung des Landes.
Die Organisation fĂŒr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) drĂŒckte in einem Schreiben an die fĂŒr die Justiz zustĂ€ndige Stellvertreterin des PrĂ€sidentenbĂŒrochefs, Iryna Mudra, ebenso ihre Besorgnis aus. Die OECD warnte vor einer Verschlechterung des Investitionsklimas und hob dabei insbesondere die fĂŒr den Abwehrkampf gegen Russland wichtigen RĂŒstungsinvestitionen hervor.


