Wolodymyr Selenskyj, Granada

Europa-Gipfel in Granada mit Selenskyj

05.10.2023 - 15:46:34 | dpa.de

Der ukrainische PrÀsident Selenskyj warnt beim Gipfel der EuropÀischen Politischen Gemeinschaft in Granada davor, Russland eine Pause zu geben. «Russland versucht, die Lage einzufrieren», so Selenskyj.

Wolodymyr Selenskyj beim Europa-Gipfel in Granada. - Foto: Manu Fernandez/AP/dpa
Wolodymyr Selenskyj beim Europa-Gipfel in Granada. - Foto: Manu Fernandez/AP/dpa

Der ukrainische PrÀsident Wolodymyr Selenskyj hat vor einem Waffenstillstand und einem Einfrieren des Konflikts in seinem Land gewarnt. Wenn Russland jetzt eine Pause bekomme, dann werde es bereits 2028 sein bisher durch den Krieg verbrauchtes militÀrisches Potenzial wieder erlangt haben, sagte Selenskyj in Granada beim Gipfeltreffen der neuen EuropÀischen Politischen Gemeinschaft (EPG). In seinem Expansionsdrang werde der Angreifer Russland dann «stark genug sein, andere LÀnder anzugreifen».

Besondere Gefahr sieht der Ukrainer demnach vor allem fĂŒr die baltischen Staaten, die ebenfalls einst Teil der Sowjetunion waren. «Russland versucht, die Lage einzufrieren und sich anzupassen. Es lernt aus seinen Fehlern und bereitet sich darauf vor, sich weiter vorwĂ€rts zu bewegen», sagte Selenskyj und berief sich dabei auf Angaben von Geheimdiensten. «Der gefĂ€hrlichste Feind ist jener, der seine Schlussfolgerungen gezogen hat, um sich auf den nĂ€chsten Angriff vorzubereiten», betonte er. Moskau strebe nach imperialem Einfluss, um eine freie Entwicklung demokratischer Staaten in Europa zu verhindern und die Einheit auf dem Kontinent zu brechen.

Eingefrorene Konflikte als Taktik

Selenskyj verwies darauf, dass Moskau seit Jahren versuche, mithilfe von Kriegen und eingefrorenen Konflikten seine Kontrolle ĂŒber Nachbarstaaten zu erhalten. «Russland hat Moldau geschadet, versuchte Georgien zu zerstören und zu teilen und andere Gebiete des Kaukasus' zu destabilisieren.» 2008 hatte Georgien bei einem Krieg mit Russland die Kontrolle ĂŒber seine Regionen Abchasien und SĂŒdossetien verloren.

Selenskyj rief zur Einheit der EuropĂ€er im Kampf gegen die russische Aggression auf. Russland könne nur durch eine Niederlage in seinem Angriffskrieg unschĂ€dlich gemacht werden. Die Ukraine sei dazu alleine nicht in der Lage und deshalb auf Hilfe und Sicherheitsgarantien angewiesen, sagte Selenskyj. Mit Blick auf den «politischen Sturm» in den USA appellierte Selenskyj an die EuropĂ€er, sich «auf ihre eigenen StĂ€rken» zu besinnen und der Ukraine weiter zu helfen. Er zeigte sich zuversichtlich, dass auch die USA - bisher die grĂ¶ĂŸten UnterstĂŒtzer Kiews - ihre Hilfe kĂŒnftig fortsetzten wĂŒrden.

Russischer Angriffskrieg dĂŒrfte im Mittelpunkt stehen

In Granada treffen sich Staats- und Regierungschefs aus rund 50 LÀndern zum dritten Gipfeltreffen der neuen EuropÀischen Politischen Gemeinschaft. In dem von Frankreichs PrÀsidenten Emmanuel Macron initiierten Format wollen die Staaten der EuropÀischen Union die Zusammenarbeit mit anderen europÀischen LÀndern verbessern.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und dessen Folgen dĂŒrften im Mittelpunkt der GesprĂ€che in Granada stehen. Aus Sicht der EU soll der Gipfel erneut ein klares Zeichen an Kremlchef Wladimir Putin senden, dass sein Land in Europa mittlerweile nahezu vollstĂ€ndig isoliert ist.

Die Beratungen werden allerdings ĂŒberschattet von Anzeichen einer bröckelnden UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine. In den USA sind Finanzhilfen fĂŒr Kiew wegen des internen Haushaltsstreits in der Schwebe. In der EU blockiert das russlandfreundliche Ungarn Hilfen fĂŒr die Ukraine. Zudem könnte es nach der Wahl in der Slowakei dazu kommen, dass Sieger Robert Fico einen Ă€hnlichen Kurs einschlĂ€gt wie Viktor Orban in Ungarn. Fico hatte vor der Wahl angekĂŒndigt, er wolle die bei der Bevölkerung unbeliebte Waffenhilfe beenden und der Ukraine nur mehr mit zivilen GĂŒtern helfen, wenn er an die Macht kĂ€me.

Selenskyj hatte auch an dem EPG-Gipfel Anfang Juni in Moldau persönlich teilgenommen. Zuletzt war er unter anderem auch bei der UN-Generalversammlung in New York gewesen. Deutschland wird von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bei dem Gipfel vertreten. Die einzigen grĂ¶ĂŸeren europĂ€ischen Staaten, die nicht Teil der EPG sind, sind Russland und dessen Partnerland Belarus.

Borrell: Europa kann USA nicht ersetzen

Europa könnte möglicherweise ausfallende Hilfe der USA fĂŒr die Ukraine nach Worten des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell nicht völlig ausgleichen. «Europa kann die USA ganz sicher nicht ersetzen», antwortete er auf die Frage eines Journalisten zum Auftakt in Granada.

«Jeder, der nicht will, dass (Russlands PrĂ€sident Wladimir) Putin diesen Krieg gewinnt, muss nach einem Weg suchen, wie wir dieses Problem angehen und die Ukraine weiterhin unterstĂŒtzen können», sagte Borrell. «Europa verstĂ€rkt seine UnterstĂŒtzung, es sind 50 Milliarden Euro fĂŒr die zivile und wirtschaftliche Seite und 20 Milliarden Euro fĂŒr die militĂ€rische Seite vorgeschlagen», fĂŒgte er hinzu. An dem Treffen der 27 Staats- und Regierungschefs der EU und Vertretern rund 20 weiterer europĂ€ischer Staaten in Granada nahm auch der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj teil.

In einem am Wochenende vom US-Kongress verabschiedeten Übergangshaushalt fĂŒr die Zeit bis Mitte November sind keine weiteren Hilfen fĂŒr die Ukraine vorgesehen. Das heißt nicht, dass die USA Kiew nicht mehr unterstĂŒtzen werden. Allerdings gehen die bisher vom Kongress genehmigten Mittel zur Neige.

EU verdoppelt Hilfe fĂŒr Berg-Karabach

Die EU verdoppelt die humanitĂ€re Hilfe fĂŒr die Leidtragenden des Konflikts um die Kaukasus-Region Berg-Karabach. EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen kĂŒndigte an, dass der bisherige Betrag von 5,2 Millionen Euro auf 10,4 Millionen Euro aufgestockt werde. Außerdem sollen 15 Millionen Euro Soforthilfe in den armenischen Haushalt fließen, wie die deutsche Spitzenpolitikerin am Rande des Gipfeltreffens sagte.

Mit der humanitĂ€ren Hilfe werden nach Angaben der EU schutzbedĂŒrftige Menschen in der Krisenregion unter anderem mit Nahrungsmitteln, Gesundheitsleistungen und UnterkĂŒnften versorgt. Zudem profitieren von dem Geld auch Menschen, die aus Berg-Karabach nach Armenien geflohen sind.

Aserbaidschan sagt Teilnahme ab

EU-Außenbeauftragter Borrell hat die Absage des geplanten Treffens zwischen Vertretern Armeniens und Aserbaidschans am Rande des Gipfels der neuen EuropĂ€ischen Politischen Gemeinschaft (EPG) bedauert. «Es ist schade, dass Aserbaidschan nicht hier ist. Es ist schade, dass auch die TĂŒrkei, der wichtigste UnterstĂŒtzer Aserbaidschans, nicht hier ist», sagte er in Granada. «Deshalb können wir hier nicht ĂŒber etwas so Schwerwiegendes sprechen wie die Flucht von mehr als 100.000 Menschen aus ihren HĂ€usern als Folge militĂ€rischer Gewalt», sagte der Spanier auf die Frage eines Journalisten.

Er hoffe, dass es zu GesprĂ€chen beider LĂ€nder in BrĂŒssel kommen werde. Dabei mĂŒsse es darum gehen, eine Ausweitung des Konflikts zu vermeiden und Armenien politisch zu stabilisieren, sagte Borrell.

Die Kaukasusrepublik Aserbaidschan hatte das geplante Treffen zur Konfliktregion Berg-Karabach platzen lassen. PrĂ€sident Ilham Aliyev werde wegen der «antiaserbaidschanischen Stimmung» der ĂŒbrigen Gipfelteilnehmer nicht zum Treffen kommen, hatte die aserbaidschanische Nachrichtenagentur APA am Mittwoch berichtet. Bei dem Treffen sollten auch Vertreter Frankreichs, Deutschlands und der EU anwesend sein. Baku bestand dem Vernehmen nach allerdings zudem auf einer Teilnahme der TĂŒrkei, die als Schutzmacht Aserbaidschans in der Region gilt.

Scholz trifft Selenskyj

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wird am Rande des Europa-Gipfels im spanischen Granada unter anderen den ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj und die italienische MinisterprĂ€sidentin Giorgia Meloni treffen. Das wurde am Donnerstag aus der deutschen Delegation bekannt. Beide GesprĂ€che sind brisant: Bei dem fĂŒr Donnerstagnachmittag geplanten Treffen mit Selenskyj dĂŒrfte es um die Zukunft der deutschen Waffenlieferungen in die Ukraine gehen, nachdem Scholz von einer Bereitstellung der Taurus-Marschflugkörper Abstand genommen hat.

Mit Meloni wird Scholz am Freitag wohl ĂŒber die finanzielle UnterstĂŒtzung von Nichtregierungsorganisationen sprechen, die Bootsmigranten aus dem Mittelmeer retten, um sie dann in Italien an Land zu bringen. Meloni hatte sich in einem Brief an Scholz kĂŒrzlich darĂŒber beschwert. Die Bundesregierung verweist darauf, dass die Hilfe bereits vom Bundestag genehmigt wurde und nicht mehr rĂŒckgĂ€ngig zu machen sei.

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