EU beschlieĂt Start von Ukraine-Beitrittsverhandlungen
14.12.2023 - 18:46:12Die EU hat ohne den ungarischen Regierungschef Viktor Orban den Start von Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine und mit Moldau beschlossen. Bei einem Gipfeltreffen in BrĂŒssel nahm der Gegner dieses Schritts nicht an der entscheidenden Abstimmung teil und ermöglichte damit das positive Signal an die beiden Beitrittskandidaten. Es sei vorab mit Orban besprochen gewesen, dass er den Raum fĂŒr die Zeit verlasse, hieĂ es aus EU-Kreisen. Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj zeigte sich hocherfreut ĂŒber die Entscheidung fĂŒr BeitrittsgesprĂ€che.
In einem Video auf Facebook teilte Orban mit, man habe sich acht Stunden gegenseitig aneinander abgearbeitet. Ungarn wolle diese falsche Entscheidung nicht mittragen und habe sich deshalb enthalten. «Es ist eine völlig unsinnige, irrationale und falsche Entscheidung, unter diesen UmstĂ€nden Verhandlungen mit der Ukraine aufzunehmen», so der Regierungschef. Ungarn werde seinen Standpunkt nicht Ă€ndern. Die anderen 26 EU-LĂ€nder hĂ€tten aber darauf bestanden, dass diese Entscheidung getroffen werde. Orban begrĂŒndete seine Haltung mit Reformauflagen, die die Ukraine noch nicht erfĂŒllt hat.
Entscheidung der EU ist symbolisch
BefĂŒrworter einer positiven Entscheidung verwiesen beim Gipfel hingegen darauf, dass der Start von EU-Beitrittsverhandlungen vor allem ein symbolischer Schritt sein soll. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wertete die Entscheidung des EU-Gipfels am Abend als «starkes Zeichen der UnterstĂŒtzung» fĂŒr das von Russland angegriffene Land. Er begrĂŒĂte auch die gleichzeitig beschlossene Aufnahme von BeitrittsgesprĂ€chen mit Moldau. «Klar ist: Diese LĂ€nder gehören zur europĂ€ischen Familie.» EU-RatsprĂ€sident Charles Michel sprach von einem «historischen Moment».
Selenskyj bezeichnete den EU-Beschluss als Erfolg fĂŒr die Ukraine und ganz Europa. «Ein Sieg, der motiviert, inspiriert und stĂ€rkt», schrieb der Staatschef ĂŒber den Kurznachrichtendienst X. «Geschichte wird von denjenigen gemacht, die nicht mĂŒde werden, fĂŒr die Freiheit zu kĂ€mpfen», schrieb Selenskyj, der am Abend einen Zwischenstopp in Deutschland eingelegt hatte, um das Europa-Hauptquartier der US-StreitkrĂ€fte in Wiesbaden zu besuchen.
EU-Kommission hatte den Start der Beitrittsverhandlungen im November grundsĂ€tzlich empfohlen, der EuropĂ€ische Rat musste aber noch zustimmen. Dass die Kommission dies trotz noch nicht erfĂŒllter Auflagen getan hatte, erklĂ€rte KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen damals damit, dass die noch ausstehenden Reformen bereits auf den Weg gebracht seien. «Der Fortschritt, den wir in der Ukraine sehen, ist beeindruckend», betonte sie damals. Sie sei der festen Ăberzeugung, dass dies die Ukraine auch in ihrem Kampf gegen den russischen Angriffskrieg stĂ€rke.
Unklar blieb zuletzt, ob es mit Orban auch eine Absprache gibt, die weitere Blockaden mit Blick auf den Beitrittsprozess der Ukraine ausschlieĂt. Bevor die erste Verhandlungsrunde einberufen wird, muss nĂ€mlich noch einvernehmlich der sogenannte Verhandlungsrahmen mit Regeln und Prinzipien fĂŒr die GesprĂ€che vereinbart werden. Ungarn könnte dabei theoretisch erneut mit einer Blockade drohen.
Ungeachtet davon dĂŒrften die Beitrittsverhandlungen viele Jahre dauern. Theoretisch kann ein Beitrittskandidat auch nie Mitglied werden. Wichtig sind BeitrittsgesprĂ€che vor allem fĂŒr die EU. Sie sichert bei ihnen ab, dass ein Bewerberland alle EU-Rechtsvorschriften in nationales Recht ĂŒbernimmt. Auch gilt ein Beitritt der Ukraine vor Kriegsende als ausgeschlossen - unter anderem, weil Kiew dann militĂ€rischen Beistand einfordern könnte.
Freigabe von fast 10 Milliarden Euro fĂŒr Ungarn - Erpressung?
VorwĂŒrfe, dass er mit der Blockade die wegen Rechtsstaatsdefiziten eingefrorenen EU-Mittel fĂŒr sein Land freipressen wolle, wies Orban kategorisch zurĂŒck. «Es geht hier nicht um einen Handel. Es geht hier nicht um einen Deal», sagte er. Ungarn stehe fĂŒr Prinzipien.
Derzeit sind noch rund 21 Milliarden Euro an EU-Geldern fĂŒr Ungarn eingefroren. Bis kurz vor dem Gipfel waren es sogar mehr als 30 Milliarden Euro gewesen. Gestern hatte die EU-Kommission allerdings mitgeteilt, wegen vollzogener Justizreformen rund zehn Milliarden Euro freizugeben. Europaabgeordnete hatten die Entscheidung als ungerechtfertigt kritisiert und der Behörde unter der Leitung von der Leyens vorgeworfen, sich erpressen zu lassen.
Selenskyj hatte zu Beginn des Gipfels fĂŒr eine positive Entscheidung fĂŒr sein Land geworben. «Es geht nicht darum, was Politiker brauchen. Es geht darum, was die Menschen brauchen», sagte er. Das betreffe die Menschen in den SchĂŒtzengrĂ€ben, aber auch diejenigen, die in der Ukraine Leben retteten oder dazu beitrĂŒgen, dass Kinder trotz des russischen Angriffskriegs lernen könnten. Eine positive Entscheidung sei aber auch fĂŒr die EU-BĂŒrgerinnen und -bĂŒrger wichtig, die daran glaubten, dass Europa nicht in die «alten Zeiten endloser fruchtloser Streitigkeiten zwischen den HauptstĂ€dten» zurĂŒckfallen solle.
Der russische PrĂ€sident Wladimir Putin hatte behauptet, dass die UnterstĂŒtzung des Westens bereits anfange zu bröckeln. Die Ukraine produziere nichts mehr selbst und lebe von dem, was der Westen derzeit noch kostenlos liefere, sagte er auf seiner Jahrespressekonferenz. «Aber die Geschenke gehen zur Neige.»
Weitere Verhandlungen zum EU-Haushalt
Ein weiteres schwieriges Thema bei dem EU-Gipfel waren VorschlĂ€ge der EU-Kommission fĂŒr eine Aufstockung des langfristigen EU-Haushalts. Dabei machten Deutschland und andere Nettozahler deutlich, dass sie eigentlich nur fĂŒr notwendige neue Finanzhilfen fĂŒr die Ukraine groĂe Summen an zusĂ€tzlichen Mittel bereitstellen wollen und nicht zum Beispiel fĂŒr die Förderung der WettbewerbsfĂ€higkeit der Industrie und die EU-Migrationspolitik.
FĂŒr wahrscheinlich wurde gehalten, dass es bis zum Gipfelende einen Kompromiss gibt, der fĂŒr die kommenden vier Jahre etwa 17 Milliarden Euro an ZuschĂŒssen und 33 Milliarden Euro an Krediten fĂŒr die Ukraine vorsieht. Auf Wunsch von LĂ€ndern wie Italien könnte es einen mittleren einstelligen Milliardenbetrag fĂŒr die Wettbewerbsförderung und Migrationspolitik geben.









