Wie Vietnam gegen die Spuren des Krieges kÀmpft
23.05.2023 - 12:10:20 | dpa.de
Von der Veranda ihres Hauses blickt Hoang Thi Ly auf Reisfelder, die friedlich in der Sonne glĂ€nzen. Sie zeigt in Richtung der grĂŒnen Wiesen des Truc Lam Village in Zentralvietnam. Der Anblick ist so idyllisch, dass man sich kaum vorstellen kann, was hier einst passiert ist.
«Als Kind bin ich in einem Minenfeld aufgewachsen», sagte die 53-JĂ€hrige der Deutschen Presse-Agentur. «Es gab hier einen StĂŒtzpunkt der US-Armee, ĂŒberall waren SprengsĂ€tze.»
Ly war erst fĂŒnf, als der Vietnamkrieg 1975 nach 20 Jahren endete. 1954 war das Land von der Kolonialmacht Frankreich unabhĂ€ngig geworden. Kurz danach spaltete sich die Nation in Nordvietnam und SĂŒdvietnam. Es kam zum Krieg zwischen beiden Landesteilen. Von 1965 an unterstĂŒtzten die USA SĂŒdvietnam militĂ€risch.
Mittlerweile ist es mehr als 50 Jahre her, dass der letzte US-Soldat das sĂŒdostasiatische Land am 29. MĂ€rz 1973 im Zuge eines in Paris geschlossenen Waffenstillstandsabkommens verlieĂ. Und doch werden jedes Jahr immer noch Zehntausende BlindgĂ€nger gefunden, die der Konflikt nur wenige Zentimeter unter der Erde hinterlassen hat.
Ein Drittel der Munition blieb intakt
Denn die USA unternahmen mehr als eine Million Bombenangriffe und warfen fĂŒnf Millionen Tonnen Kampfmittel auf das Land am Mekong, insbesondere Streumunition, die ĂŒberall verteilt wurde. Etwa ein Drittel davon explodierte beim Aufprall nicht und blieb intakt.
Gut zehn Jahre nach Kriegsende begann Ly als Farmerin zu arbeiten, aber bis heute hat sie Angst, bei der Bewirtschaftung der Felder auf eine Mine oder UXOs (nicht explodierte Kampfmittel wie Bomben, Granaten oder Munition) zu treten. Viele Menschen und Tiere in der Gegend kamen schon durch solche BlindgÀnger ums Leben.
Quang Tri, wo sich die entmilitarisierte Zone zwischen Nord und SĂŒd befand, ist bis heute die am stĂ€rksten kontaminierte Provinz. Seit Kriegsende gab es Berichten zufolge allein hier fast 3500 Todesopfer und 5000 Verletzte. Das letzte tödliche UnglĂŒck ereignete sich im vergangenen Jahr, als ein Bauer auf einem Feld eine Bombe aufhob und diese detonierte. Landesweit seien in 50 Jahren sogar mehr als 100.000 Tote und Verletzte durch BlindgĂ€nger gemeldet worden, sagt Sarah Goring, Landesdirektorin der Mines Advisory Group (MAG).
Die in GroĂbritannien ansĂ€ssige Nichtregierungsorganisation, die weltweit in ehemaligen und aktuellen Kriegs- und Krisengebieten arbeitet, ist seit 1999 in Vietnam tĂ€tig. 2001 wurde Ly von der NGO eine Stelle als MinenrĂ€umerin angeboten. Seither ist sie eine von mittlerweile 735 BeschĂ€ftigten, die Vietnam von Minen und MunitionsrĂŒckstĂ€nden befreien.
Suche lĂ€uft Zentimeter fĂŒr Zentimeter
Lys Dorf, das zum Schutz des StĂŒtzpunktes der US Army besonders stark vermint wurde, war der erste Ort in der Provinz, in dem alle Minen entfernt wurden. Aber die Arbeit bringt noch weitere Vorteile mit sich: «Seit ich zu MAG kam, habe ich ein besseres Einkommen», sagt Ly. «Mein Lebensstandard verbesserte sich, und meine Kinder konnten zur Schule gehen.»
Hatte sie keine Angst vor den SprengsĂ€tzen? «Doch, die hatte ich, vor allem, als ich mit der Arbeit begann», erzĂ€hlt sie. «Aber ich wurde richtig geschult und fĂŒhle mich mittlerweile sicher.» Auch ihre Familie sei einverstanden, dass sie diesem gefĂ€hrlichen Job nachgehe.
Jeden Tag durchsuchen MAG-Teams das Land Zentimeter um Zentimeter mit Hilfe von Metalldetektoren. Es gilt, Vietnam wieder sicher fĂŒr Landwirtschaft und Bebauung zu machen. Eine Herkulesaufgabe: 2022 zerstörte MAG 14 615 Sprengkörper und rĂ€umte damit gerade zehn Quadratkilometer Land. Wenn Sprengkörper gefunden werden, machen MAG-Mitarbeiter diese entweder gleich vor Ort unschĂ€dlich oder bringen sie zur sicheren Zerstörung auf ein AbbruchgelĂ€nde.
FĂŒr Einheimische gibt es derweil eine Hotline, bei der mögliche Sichtungen von BlindgĂ€ngern gemeldet werden können. Dann wird MAG-Landesdirektorin Goring meist mit ihrem Team zu einer genaueren Untersuchung gerufen.
Teil der Arbeit: Die Bevölkerung sensibilisieren
So entdeckte Pham Van Dong (49) eine Rakete in seinem Garten in der lĂ€ndlichen Provinz Quang Tri, als er dort neue Erde aufschĂŒtten wollte. MAG-Mitarbeiter rĂŒckten gleich zur Inspektion an, nachdem er den Fund gemeldet hatte. «Ich habe schon viele UXOs gefunden», erzĂ€hlt Dong. «Jetzt wissen wir, wie man sie meldet, aber vorher wussten wir nicht, was wir tun sollten.»
Die Sensibilisierung der Bevölkerung fĂŒr die Hotline ist ein wichtiger Teil der Arbeit von MAG. Die Organisation schaltet Anzeigen in sozialen Medien, in denen sie Dorfbewohner zu Veranstaltungen einlĂ€dt und ĂŒber die Arbeit der Organisation informiert.
Obwohl die tödlichen Relikte des Vietnamkrieges bis heute Opfer fordern, hat das Volk durch die RĂ€umarbeit auch eine Möglichkeit gefunden, das Trauma zu bewĂ€ltigen. Thai Van Ninh, der ebenfalls fĂŒr MAG Minen aufspĂŒrt, hat seinen damals zwölfjĂ€hrigen Bruder durch einen BlindgĂ€nger verloren. Da war er selbst gerade sechs Jahre alt. «Er war auf dem Heimweg von der Schule. Er hob dabei unwissentlich einen Sprengkörper auf, der explodierte, als er ihn werfen wollte.»
Der Verlust sei sehr schmerzhaft gewesen. «Deshalb war mir die Gefahr von SprengsÀtzen schon immer bewusst», sagt Ninh. «Das hat mich motiviert, bei MAG einzusteigen. Die Arbeit hier hilft mir zu heilen - und gleichzeitig anderen zu helfen.»
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