Krieg in der Ukraine: So ist die Lage
26.05.2024 - 22:16:23Vor dem Hintergrund der Friedenskonferenz in der Schweiz verschÀrft Russland nach Angaben aus Kiew seine militÀrischen Angriffe auf die Ukraine. «Im Tagesverlauf hat der Feind intensiv das Tempo seiner Angriffs- und Sturmhandlungen ausgebaut und sucht nach Wegen, entweder einen Keil in unsere Verteidigung zu treiben oder die ukrainischen Einheiten aus ihren Positionen zu vertreiben», teilte der ukrainische Generalstab in seinem abendlichen Lagebericht mit. Die Zahl der Gefechte ist demnach auf 88 gestiegen. Vor allem im Raum Pokrowsk im ostukrainischen Donezk versucht das russische MilitÀr weiter vorzudringen.
Dort fanden den Angaben aus Kiew zufolge die meisten Kampfhandlungen statt - insgesamt 36. Davon seien 25 abgewehrt worden, 11 Angriffe liefen aber noch. UnabhĂ€ngig lieĂen sich die Angaben nicht ĂŒberprĂŒfen. Auch in den Frontabschnitten unmittelbar nördlich und sĂŒdlich davon - im Raum Lyman und um Raum Kurachowe - soll das russische MilitĂ€r jeweils zehn Versuche unternommen haben, ukrainische Positionen zu stĂŒrmen.
Neue Drohungen aus Moskau
Der Kreml erhöht den Druck auf die Ukraine mit der Drohung nach einer VerschĂ€rfung seiner Gebietsforderungen. Alle Friedensinitiativen von PrĂ€sident Wladimir Putin seien auch an die aktuellen UmstĂ€nde an der Front gebunden, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow in einem Interview fĂŒr das russische Staatsfernsehen, welches der kremlnahe Berichterstatter Pawel Sarubin vorab auf Telegram veröffentlichte. «Jedes Mal verschlechtern sie sich fĂŒr die Ukraine.» Die Dynamik an der Front zeige, dass die Lage fĂŒr Kiew sich auch weiter verschlechtern werde. Ein verantwortungsvoller Politiker wĂŒrde sich Putins Angebot daher durch den Kopf gehen lassen, sagte Peskow.
Zugleich erklĂ€rte der 56-JĂ€hrige, dass der Kreml kein Interesse an einem Vertragsabschluss mit dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj habe. Dieser sei nach Ablauf seiner Amtszeit kein legitimer Vertreter Kiews mehr. Die Ukraine konnte wegen des russischen Angriffskriegs und der Besetzung von Teilen des Landes keine Wahlen abhalten. Das Kriegsrecht deckt nach Angaben ukrainischer Juristen aber die VerlĂ€ngerung der Vollmachten Selenskyjs. Die von Moskau immer wieder vorgebrachte These soll wohl dazu dienen, innerhalb der Ukraine Unruhe zu stiften und auch auĂenpolitisch die GlaubwĂŒrdigkeit Selenskyjs infrage zu stellen.
Selenskyj setzt auf zweiten Gipfel
Der Ukraine-Konferenz in der Schweiz sollte nach Ansicht des ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj bald ein zweites Treffen folgen. Entsprechende Vorbereitungen wĂŒrden nur Monate und nicht Jahre dauern, sagte Selenskyj nach dem Ende des zweitĂ€gigen Treffens von rund 100 LĂ€ndern und Organisationen auf dem BĂŒrgenstock nahe Luzern. Einige Staaten hĂ€tten bereits ihre Bereitschaft signalisiert, Gastgeber eines solchen Gipfels zu sein. Voraussetzung fĂŒr eine Teilnahme Russlands sei, dass sich Moskau zur UN-Charta bekenne, sagte EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen. In der AbschlusserklĂ€rung, die nicht von allen anwesenden LĂ€ndern unterschrieben wurde, ist von einer Folgekonferenz keine Rede.
Die Schweizer BundesprĂ€sidentin Viola Amherd rĂ€umte ein, dass die «Perspektiven und Ausgangspositionen sehr unterschiedlich» gewesen seien. Aber immerhin habe zum ersten Mal eine hochrangige und breit gestĂŒtzte Konferenz ĂŒber einen Friedensprozess gesprochen. Es seien einige inhaltliche Voraussetzungen fĂŒr einen Weg zum Ende des Ukrainekriegs geschaffen worden. Dass sich die weit ĂŒberwiegende Mehrheit der anwesenden Staaten auf das BĂŒrgenstock-Kommunique geeinigt habe, zeige, was Diplomatie in geduldiger Arbeit leisten könne, so Amherd.
Nicht alle unterzeichneten
Die AbschlusserklÀrung des Ukraine-Friedensgipfels in der Schweiz wird nicht von allen Teilnehmerstaaten mitgetragen. Nach einer Aufstellung der Schweizer Gastgeber wurde das Dokument nur von 80 der 93 Teilnehmerstaaten gebilligt.
In der ErklĂ€rung sprechen sich die Unterzeichner dafĂŒr aus, dass das von Russland besetzte Atomkraftwerk Saporischschja geschĂŒtzt wird und schon jede Drohung mit einem Einsatz von Atomwaffen zu verurteilen sei. Zudem setzen sich die 80 Staaten fĂŒr ungehinderte Getreideexporte aus der Ukraine ein, die gerade fĂŒr arme LĂ€nder etwa in Afrika von groĂer Wichtigkeit sind. Die GipfelerklĂ€rung macht sich auch fĂŒr den Austausch von Kriegsgefangenen stark und setzt sich fĂŒr die RĂŒckkehr von nach Russland verschleppten Kindern und anderen Zivilisten ein.
Unter den LĂ€ndern, die nicht zustimmten, sind danach sechs Staaten aus der G20-Gruppe der wichtigsten WirtschaftsmĂ€chte der Welt: Brasilien, Mexiko, Saudi-Arabien, SĂŒdafrika, Indien und Indonesien. AuĂerdem scherten Armenien, Bahrain, Thailand, Libyen und die Vereinigten Arabischen Emirate, Kolumbien und Vatikan aus.
LĂ€nder wie Brasilien, Indien, SĂŒdafrika und die Vereinigten Arabischen Emirate sind mit Russland in der sogenannten Brics-Gruppe zusammengeschlossen und pflegen trotz des Angriffs auf die Ukraine weiterhin ein freundschaftliches VerhĂ€ltnis zu Russland. Der Entwurf der AbschlusserklĂ€rung hatte darauf eigentlich schon RĂŒcksicht genommen. Russland wird darin nicht ausdrĂŒcklich fĂŒr seinen Angriff verurteilt.
Probleme bei der Stromversorgung
Die Ukrainer mĂŒssen sich wegen des systematischen russischen Beschusses ihrer Energieanlagen in den kommenden Wochen auf noch gröĂere Probleme bei der Stromversorgung einstellen. «In der nĂ€chsten und den darauffolgenden Wochen wird die Situation deutlich schwieriger werden als heute», warnte der Chef des Energieversorgers Ukrenerho, Wolodymyr Kudryzkyj im ukrainischen Fernsehen. Bis Ende Juli werde es vermehrt planmĂ€Ăige Abschaltungen und Stromsperren geben.
Schon jetzt mĂŒssen die Menschen im Land immer wieder mit Stromabschaltungen leben. Die anhaltenden russischen Angriffe mit Raketen und Drohnen haben das Stromnetz der Ukraine schwer geschĂ€digt. Laut Kudryzkyj wird es vor allem am Abend und in Stunden der Spitzenbelastung immer wieder zu AusfĂ€llen kommen. Die Lage werde sich nicht Ă€ndern, bis die unaufschiebbare Reparatur an zwei Atomreaktoren abgeschlossen sei.









