Rechtsruck, Schweizer

Rechtsruck bei der Schweizer Parlamentswahl

22.10.2023 - 16:16:42

Die Ă€ußerst rechte SVP ist in der Schweiz schon lange stĂ€rkste Partei. Bei der Wahl hat sie noch dazu gewonnen. Das Erfolgsmodell des AfD-Vorbilds ist ein Paradox: sie ist Regierungs- und Protestpartei.

Ein Rechtsruck bei der Wahl beschert der Schweiz ein konservativeres Parlament. Nach Hochrechnungen dĂŒrfte die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) noch stĂ€rker zulegen als in Umfragen prognostiziert.

Sie ist bereits seit mehr als 20 Jahren wĂ€hlerstĂ€rkste Partei, und könnte nach einem Einbruch vor vier Jahren nun rund vier Prozentpunkte zulegen. Damit kĂ€me sie an ihr bestes Ergebnis von 2015 heran. Damals kam sie auf 29,5 Prozent. Sie könnte sechs Mandate im Nationalrat, der grĂ¶ĂŸeren Parlamentskammer mit 200 Sitzen, dazugewinnen. An der Regierung Ă€ndert das nichts. Seit Jahrzehnten regieren die langfristig wĂ€hlerstĂ€rksten Parteien zusammen und suchen stets Kompromisse.

«Der Wahlsieger heißt SVP», sagte Politologe Claude Longchamp im Blick-Fernsehen. Große Verlierer waren wie erwartet die GrĂŒnen, mit einem Verlust von rund vier Prozentpunkten laut Hochrechnungen. Sie kĂ€men noch auf rund neun Prozent der Stimmen. Zwischen den Polen SVP und GrĂŒne könnten die Sozialdemokraten (SP) erstmals seit 2003 wieder leicht zulegen auf gut 17 Prozent. Die liberale FDP und die christliche Partei «Mitte» dĂŒrften bei rund 14, 15 Prozent landen.

Krisenzeiten geben Konservativen Aufwind

Der Politikwissenschaftler Michael Hermann hatte die neue StĂ€rke der SVP unter anderem wegen der internationalen Spannungen vorausgesehen. «In Krisenzeiten steigt immer das BedĂŒrfnis nach StabilitĂ€t und es gibt weniger Bedarf an Experimenten», sagte er der dpa. Gestiegene Preise spielen dabei eine weniger große Rolle als in NachbarlĂ€ndern. Die Inflationsrate lag in den vergangenen 18 Monaten nie höher als 3,4 Prozent. Das liegt unter anderem an protektionistischen Maßnahmen, die die Preise generell hochhalten, in Krisenzeiten aber angepasst werden und damit Preisschocks auffangen können.

Mit Angst Wahlkampf betreiben

Die SVP setzte im Wahlkampf wie immer auf Angst und Verlustsorgen: Sie hetzt gegen AuslĂ€nder, warnt vor einer AnnĂ€herung an die EU und mancher Vertreter sieht sich in einem Krieg um die Bewahrung der schweizerischen Kultur. Sie ist fĂŒr die KĂŒrzung von Sozialausgaben und Entwicklungshilfe und ein starkes MilitĂ€r. Seit 1999 hat sie die meisten Sitze im Nationalrat. Die AfD sieht die SVP als Vorbild.

«Die SVP hat vieles, was rechtspopulistische Parteien wie die AfD oder die skandinavischen Vertreter heute machen, schon damals vorweggenommen: Den Stil, sich als Stimme des Volkes, der "kleinen Leute" auszugeben, Themen wie Migration und Asyl zu besetzen, und provozierende Plakate etwa», sagte Damir Skenderovic, Geschichtsprofessor an der UniversitÀt Freiburg/Fribourg.

Rechtspopulisten regieren mit

Paradoxerweise ist die SVP sowohl Regierungs- als auch Protestpartei. Sie stellt zwei der sieben Mitglieder der Regierung, des Bundesrats. Neben der SVP sind darin die SP und die liberale FDP mit je zwei Sitzen und die christliche Mitte-Partei mit einem Sitz. Im Bundesrat gibt die SVP sich rechtskonservativ und trĂ€gt Kompromisse mit, im Wahlkampf ist sie rechtspopulistisch, etwa mit Initiativen wie zur Zeit gegen die Einwanderung und fĂŒr eine striktere NeutralitĂ€t, die etwa Sanktionen gegen Russland verbieten wĂŒrde. So fĂ€llt sie der Regierung immer wieder in den RĂŒcken. «Das Doppelspiel ist sehr etabliert und akzeptiert», sagte Hermann.

Viele Volksabstimmungen, niedrige Wahlbeteiligung

Zur Wahl aufgerufen waren gut 5,5 Millionen Schweizer. Die Wahlbeteiligung lag 2019 nur bei rund 45 Prozent. Das liegt unter anderem daran, dass die Schweizer vier mal im Jahr per Volksabstimmung ĂŒber zahlreiche Vorlagen entscheiden. Deshalb nutzen sie Parlamentswahlen kaum als Ventil, um Regierenden einen Denkzettel zu verpassen.

@ dpa.de