Rechtsruck, Schweizer

Rechtsruck bei Schweizer Parlamentswahl - Debakel fĂŒr GrĂŒne

22.10.2023 - 17:22:16

Die Ă€ußerst rechte SVP ist in der Schweiz schon lange stĂ€rkste Partei. Bei der Wahl hat sie noch zu gelegt. Das Erfolgsmodell des AfD-Vorbilds ist ein Paradox: Sie ist Regierungs- und Protestpartei.

Die Schweiz hat bei der Parlamentswahl einen deutlichen Rechtsruck erlebt. Die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) dĂŒrfte nach der Hochrechnung des Umfrageinstituts gfs.bern auf 29 Prozent kommen. Das wĂ€re ein Plus von 3,4 Prozentpunkten und damit mehr als in Umfragen erwartet.

Die SVP ist schon seit mehr als 20 Jahren die wĂ€hlerstĂ€rkste Partei. Ein Debakel zeichnete sich fĂŒr das grĂŒne Lager ab. Die GrĂŒnen dĂŒrften noch auf 9,2 Prozent kommen, minus 4 Prozentpunkte, die GrĂŒnliberalen auf 7,1 Prozent, minus 0,7 Punkte.

«Das Bittere ist: Das Klima hat verloren», sagte Aline Trede aus der GrĂŒnen-Fraktionsspitze im Fernsehen SRF. FĂŒr die SVP war das Thema Zuwanderung der Erfolgsbringer, wie VizeprĂ€sident Marcel Dettling sagte: «Das Volk hat gesprochen, da ist eine Kurskorrektur dringend notwendig.» Die SVP verlangt Grenzkontrollen und ZurĂŒckweisungen von Asylsuchenden. Allerdings Ă€ndern die Wahlen an der Regierung nichts. Seit Jahrzehnten regieren die langfristig wĂ€hlerstĂ€rksten Parteien zusammen, dabei ist auch die SVP.

Krisenzeiten geben Konservativen Aufwind

Der Politikwissenschaftler Michael Hermann hatte die neue StĂ€rke der SVP unter anderem wegen der internationalen Spannungen vorausgesehen. «In Krisenzeiten steigt immer das BedĂŒrfnis nach StabilitĂ€t und es gibt weniger Bedarf an Experimenten», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Gestiegene Preise spielen dabei eine weniger große Rolle als in NachbarlĂ€ndern. Die Inflationsrate lag in den vergangenen 18 Monaten nie höher als 3,4 Prozent. Das liegt unter anderem an protektionistischen Maßnahmen, die die Preise generell hochhalten, in Krisenzeiten aber angepasst werden und damit Preisschocks auffangen können.

Mit Angst Wahlkampf betreiben

Die SVP setzte im Wahlkampf wie immer auf Angst und Verlustsorgen: Sie hetzt gegen AuslĂ€nder, warnt vor einer AnnĂ€herung an die EU und mancher Vertreter sieht sich in einem Krieg um die Bewahrung der schweizerischen Kultur. Sie ist fĂŒr die KĂŒrzung von Sozialausgaben und Entwicklungshilfe und ein starkes MilitĂ€r. Seit 1999 hat sie die meisten Sitze im Nationalrat. Die AfD sieht die SVP als Vorbild.

«Die SVP hat vieles, was rechtspopulistische Parteien wie die AfD oder die skandinavischen Vertreter heute machen, schon damals vorweggenommen: Den Stil, sich als Stimme des Volkes, der "kleinen Leute" auszugeben, Themen wie Migration und Asyl zu besetzen, und provozierende Plakate etwa», sagte Damir Skenderovic, Geschichtsprofessor an der UniversitÀt Freiburg/Fribourg.

Rechtspopulisten regieren mit

Paradoxerweise ist die SVP sowohl Regierungs- als auch Protestpartei. Sie stellt zwei der sieben Mitglieder der Regierung, des Bundesrats. Neben der SVP sind darin die Sozialdemokratische Partei (SP) und die liberale FDP mit je zwei Sitzen und die christliche Mitte-Partei mit einem Sitz vertreten. Im Bundesrat gibt die SVP sich rechtskonservativ und trĂ€gt Kompromisse mit, im Wahlkampf ist sie rechtspopulistisch, etwa mit Initiativen wie zurzeit gegen die Einwanderung und fĂŒr eine striktere NeutralitĂ€t, die etwa Sanktionen gegen Russland verbieten wĂŒrde. So fĂ€llt sie der Regierung immer wieder in den RĂŒcken. «Das Doppelspiel ist sehr etabliert und akzeptiert», sagte Hermann.

Die Sitze im Parlament

Die SVP dĂŒrfte nach Hochrechnungen 8 Sitze im Nationalrat, der grĂ¶ĂŸeren Parlamentskammer mit 200 Sitzen, dazugewinnen. Die GrĂŒnen dĂŒrften 6, die GrĂŒnliberalen 5 Sitze verlieren. Zwischen den Polen SVP und GrĂŒne dĂŒrften die Sozialdemokraten erstmals seit 2003 wieder leicht zulegen auf 17,4 Prozent und einen Sitz dazugewinnen. Die liberale FDP und die christliche Partei «Mitte» dĂŒrften weniger verĂ€ndert bei knapp 15 Prozent landen, wobei die Mitte 2 Sitze dazugewinnt. Auch die zweite Kammer, der StĂ€nderat mit 46 Sitzen, wurde neu besetzt.

Viele Volksabstimmungen, niedrige Wahlbeteiligung

Zur Wahl aufgerufen waren gut 5,5 Millionen Schweizer. Die Wahlbeteiligung lag nach Hochrechnungen aber nur bei rund 46 Prozent. Das liegt unter anderem daran, dass die Schweizer viermal im Jahr per Volksabstimmung ĂŒber zahlreiche Vorlagen entscheiden. Deshalb nutzen sie Parlamentswahlen kaum als Ventil, um Regierenden einen Denkzettel zu verpassen.

@ dpa.de