Ceuta, Spanien

EU-LĂ€nder streiten: Was folgt aus der Krise in Ceuta?

Veröffentlicht am: 03.08.2026 um 15:31 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Die Bilder aus der spanischen Exklave haben in der EU einen Streit um SolidaritĂ€t und Grenzschutz entfacht. Der Stresstest fĂŒr das neue Migrationssystem ist damit gescheitert, findet ein Experte.

  • Der grĂ¶ĂŸte Teil der schĂ€tzungsweise 50.000 bis 60.000 Migranten ist nach Angaben der spanischen Regierung nach Marokko zurĂŒckgekehrt. - Bild: Bernat Armangue/AP/dpa
    Der grĂ¶ĂŸte Teil der schĂ€tzungsweise 50.000 bis 60.000 Migranten ist nach Angaben der spanischen Regierung nach Marokko zurĂŒckgekehrt. - Bild: Bernat Armangue/AP/dpa
  • Mindestens 72 Menschen starben bei dem Versuch, nach Ceuta zu kommen. (Archivbild) - Bild: Antonio Sempere/AP/dpa
    Mindestens 72 Menschen starben bei dem Versuch, nach Ceuta zu kommen. (Archivbild) - Bild: Antonio Sempere/AP/dpa
  • Wegen des Ansturms zehntausender Migranten auf die Exklave Ceuta hatte Bundeskanzler Friedrich Merz die spanische Regierung aufgerufen, die Situation schnellstmöglich wieder in den Griff zu bekommen. (Archivbild)  - Bild: Kay Nietfeld/dpa
    Wegen des Ansturms zehntausender Migranten auf die Exklave Ceuta hatte Bundeskanzler Friedrich Merz die spanische Regierung aufgerufen, die Situation schnellstmöglich wieder in den Griff zu bekommen. (Archivbild) - Bild: Kay Nietfeld/dpa
Der grĂ¶ĂŸte Teil der schĂ€tzungsweise 50.000 bis 60.000 Migranten ist nach Angaben der spanischen Regierung nach Marokko zurĂŒckgekehrt. - Bild: Bernat Armangue/AP/dpa Mindestens 72 Menschen starben bei dem Versuch, nach Ceuta zu kommen. (Archivbild) - Bild: Antonio Sempere/AP/dpa Wegen des Ansturms zehntausender Migranten auf die Exklave Ceuta hatte Bundeskanzler Friedrich Merz die spanische Regierung aufgerufen, die Situation schnellstmöglich wieder in den Griff zu bekommen. (Archivbild)  - Bild: Kay Nietfeld/dpa

Mindestens 72 Tote, harte gegenseitige VorwĂŒrfe und verstĂ€rkte Grenzkontrollen: WĂ€hrend sich die Lage in Ceuta beruhigt, eskaliert der Streit in der EU. Nach der scharfen Kritik an der spanischen Migrationspolitik trafen sich die MitgliedslĂ€nder der EU heute auf Ebene der Botschafter zur Aussprache. 

An diesem Dienstag schalten sich dann auch die EU-Innenminister zusammen, um Lehren aus den Ereignissen zu ziehen und ĂŒber einen besseren Grenzschutz zu diskutieren. Ist die von der europĂ€ischen Asylreform (Geas) erhoffte StabilitĂ€t schon wenige Wochen nach Inkrafttreten gefĂ€hrdet? Und was bedeutet die Krise fĂŒr die europĂ€ischen Grenzen? 

Spanien fordert nach Kritik von Merz und Co. mehr SolidaritÀt 

Eigentlich sollte das vor gut sieben Wochen in Kraft getretene EU-Asylsystem einen jahrelangen Streit zwischen den MitgliedslÀndern schlichten. Doch die Bilder von der Situation aus der spanischen Exklave lösten binnen weniger Stunden einen diplomatischen Schlagabtausch mit Schuldzuweisungen aus.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) unterzeichnet einen von Italien und DĂ€nemark initiierten offenen Brief. In dem warfen 22 der 27 Staats- und Regierungschefs Madrid indirekt Fehler bei jĂŒngsten migrationspolitischen Entscheidungen vor. Der spanische MinisterprĂ€sident Pedro SĂĄnchez kritisierte wiederum die Reaktion einiger EU-Partner.

Sein Außenminister JosĂ© Manuel Albares schob in einem TV-Interview am Montag hinterher, manche Regierungen sowie rechte Parteien in Europa, hĂ€tten die Lage politisch ausgeschlachtet. Er forderte von den EuropĂ€ern mehr SolidaritĂ€t. 

Was bedeutet der Streit fĂŒr den Zusammenhalt in der EU? 

Angesicht der diplomatischen Eskalation ist der erste Stresstest fĂŒr das neue Asylsystem nach Ansicht von Migrationsexperte Maximilian Pichl gescheitert: «Weil man sich sofort spalten lieĂŸÂ», sagte der Rechts- und Politikwissenschaftler von der Frankfurt University of Applied Sciences der dpa. 

Den erhobenen Vorwurf, Spanien habe mit seiner Entscheidung etwa 500.000 irregulÀre Migranten zu legalisieren, zuletzt ein falsches Signal gesendet, findet Pichl nicht zutreffend. Spanien nutze dieses Instrument bereits seit Jahrzehnten, auch unter konservativen Regierungen und habe ansonsten ein «sehr repressives Migrationssystem», sagte der Forscher.

Dass Spanien in die Ecke gedrĂ€ngt wĂŒrde, anstatt zu vorhanden europĂ€ischen Instrumenten wie dem in Geas verankerten Krisenmechanismus zu greifen, sieht Pichl als schlechtes Zeichen fĂŒr die Zusammengehörigkeit in der EU. 

Von der Leyen spricht Sånchez Anerkennung aus 

Die EuropĂ€ische Kommission ist daher bemĂŒht, die Wogen zu glĂ€tten. In einem Brief sprach EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen dem spanischen Regierungschef ein Lob fĂŒr sein Handeln in der Krise aus. Das Schreiben liegt der Deutschen Presse-Agentur vor. Von der Leyen schreibt darin: «Migration ist eine europĂ€ische Herausforderung, die eine europĂ€ische Antwort erfordert. Und dabei ist SolidaritĂ€t von grundlegender Bedeutung.» Die deutsche Politikerin sprach sich unter anderem fĂŒr die EinfĂŒhrung eines FrĂŒhwarnsystems aus, um eine Krise wie in Ceuta kĂŒnftig zu verhindern. 

Muss die EU ihre Außengrenzen besser schĂŒtzen? 

Von der Leyen nannte zudem die StĂ€rkung der europĂ€ischen Außengrenzen als SchlĂŒsselbereich. Unter anderem die steht auch fĂŒr die Bundesregierung im Zentrum der kommenden Beratungen. «NatĂŒrlich geht es darum, darĂŒber zu sprechen, dass sich solche Dinge nicht wiederholen», erlĂ€uterte Deutschlands Vize-Regierungssprecher Sebastian Hille in Berlin. Deshalb werde ĂŒber den Schutz und die Kontrolle der EU-Außengrenzen gesprochen, sagte Hille, ohne sich zu Details zu Ă€ußern.

Der CSU-Europapolitiker und Chef der EuropĂ€ischen Volkspartei (EVP), Manfred Weber, forderte dafĂŒr im Zweifel auf die EU-Grenzschutzbehörde Frontex zu setzen. «Wir mĂŒssen Frontex massiv ausbauen, auf 30.000 Mann und wir mĂŒssen Frontex in Krisensituationen wie Ceuta die Kommandogewalt geben», sagte er der «Augsburger Allgemeinen». 

Migrationsexperte Pichl hat Zweifel, dass sich eine Situation wie in Ceuta gÀnzlich durch verstÀrkte Grenzen verhindern lÀsst. In Ceuta gebe es bereits sehr militarisierte Grenzbefestigungsanlagen, ZÀune seien in den letzten Jahren bereits erhöht worden. Wegen der geografischen Situation sei es illusorisch zu glauben, dass etwa Befestigungen im Wasser verhindern, dass kein Mensch durchkomme. 

Wie geht es mit den Grenzkontrollen in der EU weiter? 

Ebenso kritisch sieht Pichl die von mehreren MitgliedslĂ€ndern angekĂŒndigte VerstĂ€rkung von Grenzkontrollen, die er als «Symbolpolitik» bezeichnete. 

Italien hat nach Angaben der rechten Regierung in Rom das Schengen-Abkommen ĂŒber den freien Personenverkehr gegenĂŒber Spanien vorĂŒbergehend ausgesetzt. Das spanische Nachbarland Frankreich verstĂ€rkte in Reaktion auf die Krise in Ceuta seine Grenzkontrollen und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kĂŒndigte an, die bereits bestehenden Kontrollen an den deutschen Landesgrenzen verlĂ€ngern zu wollen.

Die Migranten befanden sich weder im Schengen-Raum noch auf europĂ€ischem Festland. HĂ€tten sie versucht, das Mittelmeer zu ĂŒberqueren, wĂ€ren sie zunĂ€chst an einer EU-Außengrenze ankommen - in Binnengrenzkontrollen wĂ€ren sie also zunĂ€chst gar nicht geraten. 

Suche nach Toten vor Ceuta geht weiter 

Der weitaus grĂ¶ĂŸte Teil der schĂ€tzungsweise 50.000 bis 60.000 Migranten ist nach Angaben der Zentralregierung in Madrid inzwischen ohnehin nach Marokko zurĂŒckgekehrt. Wie viele der Ankömmlinge sich noch in der spanischen Nordafrika-Exklave aufhalten, ist unklar. Die Angaben reichen von einigen Hundert Menschen bis zu wenigen Tausend. 

Boote und Taucher der Polizei setzten derweil die Suche nach weiteren Todesopfern entlang der KĂŒste fort. Madrid bezifferte die Zahl der Todesopfer zuletzt auf 72, die meisten Menschen seien im Meer an der Straße von Gibraltar ertrunken. Marokko teilte zudem mit, an seiner KĂŒste seien elf Leichen geborgen worden.

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