Pistorius im Kosovo: Ruf nach Dialog und Mahnung an Serbien
05.02.2024 - 16:16:33Verteidigungsminister Boris Pistorius hat der Regierung im Kosovo nach den Spannungen mit Serbien die weitere militĂ€rische UnterstĂŒtzung Deutschlands zugesichert. Mit PlĂ€nen fĂŒr die Entsendung zusĂ€tzlicher Soldaten liege die Bundeswehr im Zeitplan, sagte der SPD-Politiker in Pristina bei einem Treffen mit PrĂ€sidentin Vjosa Osmani. Zugleich rief er Serben und Albaner nach den jĂŒngsten Spannungen auf, den Fortschritt auf dem Weg in die EuropĂ€ische Union in Verhandlungen zu suchen.Â
«Das Gebot der Stunde ist Dialog und Deeskalation. Der Bundeskanzler hat sehr deutlich unterstrichen, dass die Zukunft des Westbalkan in der EuropÀischen Union liegt. Und das muss der Weg sein», sagte Pistorius. «Niemand kann und darf in dieser Situation ein Interesse haben an einer VerschÀrfung der Lage.»
«StabilitÀt, Sicherheit und Freiheit»
Die USA, Deutschland und die anderen Nato-Partner hĂ€tten nicht seit den 90er Jahren mit bis zu 50.000 Soldaten fĂŒr Sicherheit gesorgt, «um jetzt oder in Zukunft zuzuschauen, wie sich die Situation hier wieder destabilisiert», sagte er. Russland habe seit Zeiten der Sowjetunion sehr stark ausgeprĂ€gte Interessen auf dem Westbalkan. Er sagte: «Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir klare Signale setzen, dass wir klarmachen, dass wir hier an der Seite der LĂ€nder stehen, die fĂŒr StabilitĂ€t, Sicherheit und Freiheit stehen.»Â
Pistorius kĂŒndigte an, die Lage auch in Belgrad klar anzusprechen. «Serbien will in die EuropĂ€ische Union, genau wie das Kosovo und andere WestbalkanlĂ€nder. Das muss unser gemeinsames Ziel bleiben», sagte er.  Einzuhalten seien ein Wertekanon, gemeinsame Ziele und gemeinsame Verantwortung. «Jeder, der das will, der kann nicht gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen», sagte Pistorius, der offenkundig auch auf die Zusammenarbeit Serbiens mit Russland anspielte. Er sagte, je klarer kommuniziert werde, «desto besser fĂŒr alle Beteiligten.»Â
Auch vor dem Hintergrund einer verschlechterten Sicherheitslage im Kosovo wird die Bundeswehr ihr Engagement in der KFOR verstĂ€rken. Bei KFOR und beim Nato-Beraterteam (Nalt) sind derzeit etwa 90 MĂ€nner und Frauen der Bundeswehr im Einsatz. Von April an soll eine Kompanie der Bundeswehr mit mehr als 150 zusĂ€tzlichen Soldaten im Kosovo eingesetzt werden. Das heute fast ausschlieĂlich von Albanern bewohnte Kosovo hatte sich 2008 fĂŒr unabhĂ€ngig erklĂ€rt. Mehr als 100 LĂ€nder, darunter auch Deutschland, erkennen die UnabhĂ€ngigkeit an, nicht aber Serbien, das seine einstige Provinz zurĂŒckfordert.
Osmani forderte am Montag einen verstĂ€rkten Schutz der Grenze zu Serbien, ĂŒber die Waffenschmuggel in den Norden des Kosovo laufe. Es mĂŒsse auch ein klares Signal an die serbische Regierung geben, dass Gewaltakte nicht toleriert wĂŒrden.Â
Kriegswaffen beschlagnahmt
Die SicherheitskrĂ€fte des Kosovo haben nach den SchieĂereien mit serbischen ParamilitĂ€rs im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben Waffen und MilitĂ€rausrĂŒstung fĂŒr bis zu 400 KĂ€mpfer beschlagnahmt. Zudem belege eine Auswertung beschlagnahmter Dokumente und Kriegswaffen eine AusrĂŒstung durch den serbischen Staat sowie enge Verbindungen bis in den Apparat des serbischen PrĂ€sidenten Aleksandar Vucic, heiĂt es in einem Untersuchungsbericht der Kosovo-Regierung. Das 51 Seiten umfassende Papier des kosovarischen AuĂenministeriums, fĂŒr das Fotos und Videos, DatensĂ€tze sowie Personalausweise untersucht wurden, lag der Deutschen Presse-Agentur am Montag vor.
Die Kosovo-Regierung listet in ihrer Untersuchung sichergestellte Kriegswaffen auf, die im Beisein der Kosovo-Schutztruppe KFOR sowie der EU-Rechtsstaatlichkeitsmission Eulex beschlagnahmt worden seien. Darunter seien zwei gepanzerte Lastwagen, 29 GelĂ€ndewagen, 66 Sturmgewehre, 80 000 Schuss Munition sowie Mörser, Handgranaten, Minen, Plastiksprengstoff, ScharfschĂŒtzengewehre und Kommunikationsmittel. Die Herkunft und die Produktionsdaten - einige erst aus dem Jahr 2022 - lieĂen sich demnach auch anhand beiliegender Unterlagen rekonstruieren.
Die Spannungen der vergangenen Jahre hatten am 24. September vergangenen Jahres einen Höhepunkt erreicht: Ein 30-köpfiger, schwer bewaffneter serbischer Kommandotrupp lieferte sich in der Ortschaft Banjska bei Mitrovica im von Serben bewohnten Nordkosovo KÀmpfe mit der kosovarischen Polizei. Dabei wurden drei serbische Angreifer sowie ein kosovarischer Polizist getötet.
Der kosovo-serbische Politiker und GeschĂ€ftsmann Milan Radoicic bekannte sich zu diesem Ăberfall. Er behauptete, die Aktion auf eigene Faust ausgefĂŒhrt und keine offiziellen Stellen in Serbien darĂŒber informiert zu haben. Hingegen hĂ€lt es die Regierung in Pristina fĂŒr ausgeschlossen, dass Radoicic ohne Hilfe handelte. In dem Untersuchungsbericht wird die These vertreten, dass es Ziel der serbischen Angreifer war, einen Korridor freizukĂ€mpfen, um weitere MilitĂ€rgĂŒter nachschieben zu können.
Gewarnt wird in dem Bericht auch vor der Zusammenarbeit Serbiens mit dem russischen Staat und PrÀsident Wladimir Putin: «Wenn der Westen Vucic weiterhin Eskalation erlaubt und nicht unmissverstÀndliche klare Schritte unternimmt, Vucic und Putin von weiteren Eskalationen abzuschrecken, könnte der Balkan ein weiteres Mal in einem Krieg versinken.»





