Bangladesch: Premierministerin tritt nach Protesten zurĂŒck
05.08.2024 - 17:18:42 | dpa.deBis zuletzt wehrte sie sich mit aller HĂ€rte dagegen - nun aber ist Bangladeschs langjĂ€hrige Premierministerin Sheikh Hasina nach wochenlangen Protesten mit mehr als 300 Toten zurĂŒckgetreten. Das bestĂ€tigte das MilitĂ€r. Armeechef Waker-uz-Zaman erklĂ€rte, eine Ăbergangsregierung werde die FĂŒhrung des Landes ĂŒbernehmen. «Diejenigen, die Morde und andere GrĂ€ueltaten verĂŒbt haben, werden bestraft werden», versprach er zudem. Er rief die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger dazu auf, der Armee zu vertrauen. Die Proteste hatten sich an der WiedereinfĂŒhrung eines Quotensystems fĂŒr öffentliche Stellen entzĂŒndet.
Kurz vor Hasinas RĂŒcktritt ĂŒberschlugen sich die Ereignisse: Tausende Protestierende stĂŒrmten Ganabhaban, die offizielle Residenz Hasinas in der Hauptstadt Dhaka. Sie nahmen StĂŒhle, Kissen und sogar Enten mit, badeten im Swimmingpool und posierten fĂŒr Selfies in Hasinas Bett. Die 76-JĂ€hrige sei unterdessen per Hubschrauber nach Indien geflogen worden, bestĂ€tigte ein Mitarbeiter des AuĂenministeriums. Ob sie von dort weiterreisen wĂŒrde - sie hat Familienangehörige in GroĂbritannien und den USA - war zunĂ€chst unklar.
Aufnahmen im örtlichen Fernsehen zeigten nach der Flucht der Regierungschefin Tausende tanzende und feiernde Demonstranten in Dhaka - unter anderem auf dem Campus der UniversitĂ€t, wo der Protest im Juli ursprĂŒnglich begonnen hatte. Andere plĂŒnderten Hasinas BĂŒro und RĂ€umlichkeiten ihrer Parteikollegen sowie das ParlamentsgebĂ€ude, wie auf den Fernsehbildern zu sehen war.Â
Wogegen richtete sich der Protest?
Die Proteste richteten sich zunĂ€chst gegen die geplante WiedereinfĂŒhrung einer kontroversen Quotenregelung im Ăffentlichen Dienst. Nach dieser Regelung sollten mehr als die HĂ€lfte der Stellen fĂŒr bestimmte Gruppen reserviert sein. Die Protestierenden warfen Hasina vor, dass dadurch besonders AnhĂ€nger ihrer Regierungspartei profitieren wĂŒrden. Anfangs demonstrierten lediglich Studierende. Sie forderten, dass Jobs im Ăffentlichen Dienst nach Leistung vergeben werden. Ein Gericht kam den Forderungen der Demonstranten weitgehend nach. Auch aufgrund des harten Vorgehens der SicherheitskrĂ€fte gegen die Demonstranten weitete sich der Protest auf viele weitere Gruppen aus. Sie forderten schlieĂlich den RĂŒcktritt der zuletzt immer autoritĂ€rer agierenden Regierungschefin, die als völlig abgehoben galt. Die Unzufriedenheit im Land ist generell groĂ.
Warum ist die Unzufriedenheit im Land so groĂ?
Viele der 170 Millionen Einwohner des Landes haben in dem Land MĂŒhe, ihre Lebenskosten zu bestreiten. Trotz eines bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwungs unter Hasina - das Land beheimatet die zweitgröĂte Textilindustrie der Welt - macht vielen die hohe Inflation und auch weiter hohe Arbeitslosigkeit zu schaffen.Â
Wer ist Sheikh Hasina?
Hasina gilt als die am lĂ€ngsten amtierende Premierministerin der Welt. Insgesamt war sie 20 Jahre Regierungschefin - erstmals im Jahr 1996 fĂŒr fĂŒnf Jahre und dann ununterbrochen seit 2009. Immer wieder wurde ihr von der Opposition Wahlmanipulation vorgeworfen. Ihr Aufstieg begann schon in den 1970er Jahren, als ihr Vater Sheikh Mujibur Rahman - der erste PrĂ€sident des Landes - zusammen mit fast seiner gesamten Familie bei einem MilitĂ€rputsch ermordet wurde.Â
Hasina befand sich zu der Zeit in Deutschland mit ihrem Mann, der dort als Atomphysiker tÀtig war. 1981 wurde sie Chefin ihrer Partei Awami-Liga. Menschenrechtsorganisationen werfen ihr vor, gezielt gegen jegliche Kritiker vorgegangen zu sein, Tausende wurden verhaftet. So hÀtten auch die Meinungs- und Pressefreiheit unter ihrer Regierung gelitten. Gleichzeitig belohnte Hasina ihre Gefolgsleute stark.
Wie stellte sich Hasina dem Protest?
Die Regierungschefin versuchte, die Proteste von Anfang an mit HĂ€rte niederzuschlagen: Sie verhĂ€ngte Ausgangssperren und entsandte Armee sowie Polizei ins ganze Land. Diese setzten Gummigeschosse, Blendgranaten und TrĂ€nengas ein, um die Menschen auseinanderzutreiben. Sie lieĂ mehrfach ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume das Internet stark einschrĂ€nken.
Ărtlichen Medienberichten zufolge wurden mehr als Zehntausend Menschen in den vergangenen Wochen festgenommen. Mehr als 300 Todesopfer gab es demnach wĂ€hrend der Demonstrationen. Viele der Toten hĂ€tten Schusswunden aufgewiesen, hieĂ es - unter anderem Demonstrierende, Polizisten, Vertreter von Hasinas Partei sowie Journalisten. Gleichzeitig beschuldigte Hasina die Oppositionsparteien, ihre Regierung mit den Protesten zu sabotieren.
Wie geht es jetzt weiter?
Beobachtern zufolge bedeutet Hasinas RĂŒcktritt nach insgesamt 20 Jahren an der Spitze des Landes nicht unbedingt, dass dem Land nun einfache Tage bevorstehen. Der Prozess der Einigung auf eine Ăbergangsregierung könnte durchaus holprig sein. Feindseligkeit zwischen den Parteien sei weit verbreitet und tief verwurzelt, selbst auf lokaler Ebene, schrieb die «New York Times».
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