Europa, International

EU-LĂ€nder ringen um Klimaziele - Einigung in letzter Minute?

04.11.2025 - 05:00:09

Die EU-LĂ€nder mĂŒssen sich auf zwei Klimaziele festlegen, fĂŒr eins davon ist es allerhöchste Eisenbahn. Können sich die Umweltminister einigen?

Wie viel weniger Treibhausgase sollen die EU-LĂ€nder bis 2040 ausstoßen - und wie soll das erreicht werden? Bei einem Treffen in BrĂŒssel geht das Ringen um Zahlen und mögliche FlexibilitĂ€t der Umweltminister und -ministerinnen der EU zum Klimaziel bis 2040 weiter. Außerdem wird ĂŒber einen UN-Klimaplan bis 2035 verhandelt. Dieser wird fĂŒr die in wenigen Tagen beginnende Weltklimakonferenz COP30 in Brasilien gebraucht und hĂ€tte lĂ€ngst eingereicht werden mĂŒssen. Am Nachmittag war noch kein Ende der Verhandlungen absehbar.

Auch losgelöst von Konferenzen drĂ€ngt die Zeit, wie gewaltige Überschwemmungen oder DĂŒrren immer wieder zeigen. Eine aktuelle Berechnung der Vereinten Nationen zeigt zudem: Die Welt ist fernab vom angestrebten Kurs.

WorĂŒber genau wird in BrĂŒssel verhandelt?

Laut EU-Klimagesetz muss die Staatengemeinschaft neben bestehenden Zielen fĂŒr 2030 und 2050 auch festlegen, um wie viel Prozent die Treibhausgase bis 2040 reduziert werden sollen. Die EU-Kommission schlĂ€gt vor, die Emissionen in den nĂ€chsten 15 Jahren um 90 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Grundlage dafĂŒr sind wissenschaftliche Erkenntnisse. Der Vorschlag braucht noch die Zustimmung der Mehrheit der EU-Staaten und des Europaparlaments. 

In mehreren Staaten regt sich jedoch Widerstand - sie verweisen etwa auf wirtschaftliche Belastungen, Probleme der Industrie und ein angespanntes geopolitisches Umfeld. FĂŒr den Beschluss ist eine sogenannte qualifizierte Mehrheit nötig. DafĂŒr mĂŒssen 15 der 27 EU-Staaten zustimmen, die zusammen mindestens 65 Prozent der Bevölkerung reprĂ€sentieren.

Was wird diskutiert? 

Es wird hart verhandelt, um wie viel die Emissionen bis 2040 reduziert werden sollen - um 90 Prozent oder weniger. Außerdem geht es noch um das Wie: Bislang muss die EU ihre Klimaziele durch Treibhausgas-Minderungen auf eigenem Boden erreichen. Auch geht es darum, wie eine ÜberprĂŒfbarkeit des Ziels in dem Gesetzestext verankert wird.

Ferner sollen laut Kommissionsvorschlag nun bis 2040 drei Prozent durch international anerkannte Klimazertifikate kompensiert werden dĂŒrfen. Einige LĂ€nder wollen mehr. Linda Kalcher von der BrĂŒsseler Denkfabrik Strategic Perspectives sagt, es bestehe die Gefahr, dass viele LĂ€nder fĂŒnf Prozent internationale Klimazertifikate nutzen wollten. «Was nach einem Freifahrtschein fĂŒr die europĂ€ische Wirtschaft klingt, sorgt allerdings in der RealitĂ€t dafĂŒr, dass dieses Geld außerhalb der EU investiert wird.»

WorĂŒber wird noch verhandelt?

Außerdem gilt es bei dem heutigen Treffen noch, einen Klimaplan fĂŒr 2035 zu beschließen. Dieser muss zur COP30 bei den Vereinten Nationen eingereicht werden. Die EU riss schon zwei Fristen dafĂŒr, nun - unmittelbar vor der Klimakonferenz - ist es der allerletzte DrĂŒcker. Bislang konnten sich die LĂ€nder nicht formell auf ein Ziel zur Minderung von Treibhausgasen fĂŒr die nĂ€chsten zehn Jahre einigen, nur auf eine AbsichtserklĂ€rung mit Zielkorridor. Darin heißt es, die EU wolle ihre Emissionen bis 2035 zwischen 66,25 Prozent und 72,5 Prozent im Vergleich zu 1990 senken. 

Das Ziel muss nun noch formell beschlossen werden. Noch verhandelt wird, ob man mit einer konkreten Zahl oder einer Spannbreite als Ziel nach Brasilien reist - und wie diese Zahl oder Spannbreite genau aussehen soll. Der Klimaplan bis 2035 muss einstimmig beschlossen werden. Die EU gilt als weltweiter Vorreiter in der Klimapolitik. Das Ergebnis der Verhandlungen wird den Ton fĂŒr die jĂ€hrliche UN-Klimakonferenz prĂ€gen.

Welche Rolle spielt Deutschland?

Dass es bislang unmöglich war, eine Einigung fĂŒr ein EU-Klimaziel fĂŒr 2040 sowie bis 2035 unter den Mitgliedsstaaten zu finden, liegt am Widerstand mehrerer EU-Staaten - Frankreich und Polen etwa zeigten sich bis zuletzt skeptisch. 

Auch Deutschland sorgte dafĂŒr, dass es bislang zu keiner ausreichenden Mehrheit kam, obwohl der Vorschlag der EU-Kommission in den wesentlichen Punkten den im Koalitionsvertrag festgehaltenen Klimazielen der schwarz-roten Bundesregierung entspricht: Man wollte zuerst bei einem Treffen der Staats- und Regierungschefs ĂŒber das Thema sprechen. Bei der Ankunft zum Treffen sagte Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), Deutschland stehe fĂŒr ein klares Klimaziel von 90 Prozent. «Ich unterstĂŒtze den Kommissionsvorschlag mit 3 Prozent internationalen Klimazertifikaten und so gehen wir in die Verhandlung rein.»

Außenminister Johann Wadephul (CDU) versicherte bei einer Konferenz in Berlin, durch den Regierungswechsel habe sich nichts an den deutschen Klimazielen geĂ€ndert. Auf dem Weg dorthin setzte man allerdings stĂ€rker auf WettbewerbsfĂ€higkeit und Innovation statt auf Regulierung. 

Was passiert, wenn man sich nicht einigen kann?

Auf diese Frage geben EU-Diplomaten keine wirkliche Antwort. Fest steht aber, dass die EU ohne Einigung auf ein 2035er Ziel riskiert, mit leeren HĂ€nden zur Weltklimakonferenz zu reisen.

WĂ€re das denn ein Problem?

Ohne starkes Signal der EU wird es noch unwahrscheinlicher als ohnehin schon, dass die Weltgemeinschaft sich in Brasilien auf einen entschlosseneren Kampf gegen die Klimakrise einigt. Die Erde steuert den Vereinten Nationen zufolge mit der aktuellen weltweiten Klimapolitik bis zum Ende des Jahrhunderts auf 2,8 Grad ErwĂ€rmung gegenĂŒber der vorindustriellen Zeit zu. Sehr wahrscheinlich werde das international vereinbarte 1,5-Grad-Ziel schon innerhalb des nĂ€chsten Jahrzehnts ĂŒberschritten, teilte das UN-Umweltprogramm (UNEP) mit Sitz in Nairobi mit. Das wĂŒrde nicht nur sehr viel hĂ€ufigere und heftigere Extremwetterereignisse bedeuten, sondern auch, dass viele Weltregionen unbewohnbar werden könnten.

Geht man davon aus, dass die Staaten alles umsetzen, was sie sich in ihren nationalen KlimaschutzplĂ€nen vorgenommen haben, wĂ€re der Berechnung zufolge bis Ende des Jahrhunderts mit 2,3 bis 2,5 Grad ErwĂ€rmung zu rechnen. Im vergangenen Jahr lag diese Prognose noch bei 2,6 bis 2,8 Grad. Allerdings seien fĂŒr 0,1 Grad der Verbesserung methodische Änderungen verantwortlich, so die UNEP. Der Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen werde mit 0,1 Grad negativ ins Gewicht fallen.

@ dpa.de