Drohnenwall an der Ostflanke: EU ringt um AufrĂŒstungskurs
01.10.2025 - 16:48:18 | dpa.deUnter dem Eindruck der jĂŒngsten Luftraumverletzungen durch russische Kampfjets und Kamikaze-Drohnen ringen die EU-Staaten um einen gemeinsamen Kurs bei der geplanten AufrĂŒstung. Bei einem Gipfeltreffen in Kopenhagen diskutierten Bundeskanzler Friedrich Merz und die anderen Staats- und Regierungschefs jetzt erstmals ĂŒber Ideen der EU-Kommission fĂŒr einen konkreten Fahrplan.
Sie sehen unter anderem vor, den Aufbau eines sogenannten Drohnenwalls an der Ostflanke zu einem europÀischen Leuchtturmprojekt zu machen. Dabei soll mit modernster Technik das Erkennen, Verfolgen und Abfangen von unbemannten Flugkörpern ermöglicht werden.
Zahlreiche Fragen sind allerdings ungeklĂ€rt, etwa die der Koordinierung, der Dimension und eine mögliche Finanzierung mit EU-Mitteln. Die italienische MinisterprĂ€sidentin Giorgia Meloni und ihr griechischer Kollege Kyriakos Mitsotakis machten zudem deutlich, dass sich nicht jedes gemeinsame europĂ€ische Verteidigungsprojekt nur auf die östlichen Grenzen beschrĂ€nken dĂŒrfe.
«GefÀhrlichste Situation seit Ende des Zweiten Weltkriegs»
Gipfelgastgeberin Mette Frederiksen und EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen mahnten angesichts der Bedrohungen zu Geschlossenheit und Tempo. «Wenn ich mir Europa heute ansehe, denke ich, dass wir uns in der schwierigsten und gefĂ€hrlichsten Situation seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs befinden», sagte die dĂ€nische MinisterprĂ€sidentin. Von der Leyen erklĂ€rte, es sei in diesen Zeiten absolut entscheidend, dass man ein gemeinsames GefĂŒhl der Dringlichkeit und Einheit habe.
Die deutsche Kommissionschefin will nun die Diskussion in Kopenhagen nutzen, um bis zum nĂ€chsten EU-Gipfel in der vorletzten Oktoberwoche einen noch detaillierteren Plan fĂŒr AufrĂŒstungsprojekte zu erarbeiten. Er soll neben dem Drohnenwall auch eine Initiative fĂŒr neue MaĂnahmen zur Sicherung der Schifffahrt in der Ostsee und im Schwarzen Meer sowie im Bereich der Bodenverteidigung umfassen.
Der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron rief angesichts der aktuellen Konfrontation mit Russland zu «sehr groĂer» Vorsicht auf. «Wir mĂŒssen stark sein, um jegliche Aggressionen abzuwehren, aber wir mĂŒssen sehr vorsichtig bleiben und jede Eskalation vermeiden», sagte er auf die Frage einer Journalistin, ob man sich auf einen Weltkrieg zubewege.
Deutsche Fregatte sichert Gipfel
BefĂŒrchtete Störungen des Gipfels durch von Unbekannten gesteuerte Drohnen blieben zunĂ€chst aus. Am Schutz der Veranstaltung beteiligten sich auch StreitkrĂ€fte aus Partnerstaaten, nachdem in der vergangenen Woche unbemannte Flugkörper an dĂ€nischen FlughĂ€fen zu zahlreichen FlugausfĂ€llen und VerspĂ€tungen gefĂŒhrt hatten. Die Bundeswehr schickte eine speziell fĂŒr die Luftverteidigung ausgerĂŒstete Fregatte nach Kopenhagen.
Ausnahme fĂŒr Verteidigungsausgaben bei EU-Schuldenregeln
Die aktuellen AufrĂŒstungsplanungen der EU basieren auf einem Gipfelbeschluss vom vergangenen MĂ€rz. Damals hatten die Staats- und Regierungschefs allgemein vereinbart, Europas Verteidigungsbereitschaft in den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren entscheidend zu stĂ€rken. Finanziell ermöglicht werden soll das unter anderem dadurch, dass Verteidigungsausgaben von den strengen EU-Schuldenregeln ausgenommen werden. Auch Deutschland nutzt diese Sonderregel. Zudem wurde bereits vereinbart, gĂŒnstige EU-RĂŒstungsdarlehen in Höhe von 150 Milliarden Euro zu vergeben.
Bundeskanzler Merz Ă€uĂerte sich in Kopenhagen zunĂ€chst nicht öffentlich zum Thema AufrĂŒstung. Aus EU-Kreisen hieĂ es zuletzt, dass er sich gemeinsam mit Macron und Meloni dafĂŒr einsetze, die Koordinierung vor allem ĂŒber die HauptstĂ€dte und nicht so sehr ĂŒber BrĂŒssel laufen zu lassen.
Merz macht Druck auf von der Leyen
Dazu passte auch, dass Merz kurz vor dem Beginn des Gipfels noch einmal Druck auf Ursula von der Leyen machte, das Thema BĂŒrokratieabbau energischer voranzutreiben. Bei der europĂ€ischen Regulierungsdichte mĂŒsse «grundlegend korrigiert» werden, sagte er. «Es ist einfach zu viel. Und darĂŒber werden wir sprechen.»
Zudem warb Merz in Kopenhagen dafĂŒr, das in der EU eingefrorene russische Vermögen fĂŒr die UnterstĂŒtzung der Ukraine zu nutzen. Zinslose Kredite in Höhe von 140 Milliarden Euro will er fĂŒr die militĂ€rische AufrĂŒstung des Landes freischaufeln, ohne das Geld zu enteignen. Das ist auch als ein Signal an den deutschen Steuerzahler zu verstehen. Da die Hilfe der USA weggebrochen ist, ist Deutschland inzwischen der gröĂte Zahler fĂŒr die Ukraine. Der Kredit soll nun die «militĂ€rische DurchhaltefĂ€higkeit» des von Russland angegriffenen Landes auf mehrere Jahre absichern, wie Merz sagt. Der deutsche Haushalt bleibt verschont.
Die von der EU-Kommission vorgeschlagenen Sanktionen gegen Israel waren beim Gipfel zunĂ€chst kein groĂes Thema, weil es nun erst einmal darum geht, was aus der Friedensinitiative von US-PrĂ€sident Donald Trump wird. Merz kommt das gelegen. Er wollte eigentlich bis zum Gipfel eine VerstĂ€ndigung in der Bundesregierung ĂŒber die StrafmaĂnahmen herbeifĂŒhren. Das bleibt ihm nun erst einmal erspart. In Union und SPD gehen die Meinungen dazu recht weit auseinander.
Beratungen dauerten fĂŒnf Stunden
Nach dem rund fĂŒnfstĂŒndigen Gipfel waren die Staats- und Regierungschefs am Abend noch zu einem Dinner beim dĂ€nischen König Frederik X. auf Schloss Amalienborg eingeladen. An diesem Donnerstag kommen sie dann noch mit Kolleginnen und Kollegen aus europĂ€ischen Partnerstaaten zu Beratungen der sogenannten EuropĂ€ischen Politischen Gemeinschaft (EPG) zusammen. Bei ihnen soll es wie bereits beim EU-Gipfel um die UnterstĂŒtzung der Ukraine, aber auch um wirtschaftliche Sicherheit und Migrationsfragen gehen. Aus der Ukraine wird PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj zu dem Treffen erwartet.
Der EPG-Gipfel ist ein GesprĂ€chsformat, das vom französischen PrĂ€sidenten Macron ins Leben gerufen wurde. Eingeladen sind diesmal Staats- und Regierungschefs aus 47 LĂ€ndern. Darunter sind neben den 27 EU-Staaten und der Ukraine auch LĂ€nder wie GroĂbritannien, Moldau, die Schweiz und Georgien. Zudem wird auch Nato-GeneralsekretĂ€r Mark Rutte in Kopenhagen erwartet.
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