Hamas meldet Tod ihres politischen AnfĂŒhrers Hanija
31.07.2024 - 10:20:32Die Nachricht von der Tötung des politischen AnfĂŒhrers der islamistischen Hamas, Ismail Hanija, versetzt den Nahen Osten in Aufruhr. Nach Angaben der Terrororganisation wurde er bei einem israelischen Angriff auf seine Residenz in Irans Hauptstadt Teheran getötet. WĂ€hrend es von israelischer Seite zunĂ€chst keine BestĂ€tigung gab, verurteilte der Iran den Anschlag auf das SchĂ€rfste. Hanijas Blut werde Israel zum VerhĂ€ngnis werden, sagte AuĂenamtssprecher Nasser Kanaani. PalĂ€stinenserprĂ€sident Mahmud Abbas verurteilte die Tötung Hanijas als einen «feigen Akt». Der Leiter der palĂ€stinensischen Autonomiebehörde sprach von einer «gefĂ€hrlichen Entwicklung».Â
Die Nachricht von Hanijas Tötung folgte nur wenige Stunden nach einem israelischen Luftangriff auf einen Vorort der libanesischen Hauptstadt Beirut. Dabei wurde nach Angaben der israelischen Armee Fuad Schukr getötet, ein ranghoher Kommandeur der Schiitenmiliz Hisbollah. Die Hisbollah bestĂ€tigte dies bislang nicht. Schukr sei verantwortlich fĂŒr den Raketenangriff am Samstag auf die drusische Ortschaft Madschdal Schams auf den von Israel annektierten Golanhöhen, bei dem zwölf Kinder und Jugendliche getötet worden waren, teilte Israels Armee mit. UnabhĂ€ngig lieĂen sich die Angaben zunĂ€chst nicht prĂŒfen.
Die Hisbollah ist mit der Hamas im Gazastreifen verbĂŒndet, beide sind wiederum VerbĂŒndete des Irans, dem Erzfeind Israels. Seit dem TerrorĂŒberfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober greift die Hisbollah aus SolidaritĂ€t mit der Hamas Ziele im Norden Israels an. Ihre Angriffe will sie erst einstellen, wenn es in Gaza zu einem Waffenstillstand kommt. Die Tötung Hanijas werde zu noch mehr Widerstand gegen Israel fĂŒhren, erklĂ€rte die Hisbollah. Durch seinen Tod wĂŒrden «WiderstandskĂ€mpfer an allen SchauplĂ€tzen» noch entschlossener kĂ€mpfen und «ihren Willen stĂ€rken, dem zionistischen Feind gegenĂŒberzutreten.»
Die TĂŒrkei verurteilte den Anschlag auf Hanija scharf und warf Israel vor, einen regionalen Krieg anzetteln zu wollen. Der Auslandschef der Hamas sei durch einen «niedertrĂ€chtigen Anschlag» getötet worden, hieĂ es in einer Mitteilung des tĂŒrkischen AuĂenministeriums. Damit verfolge Israel das Ziel, den Krieg im Gazastreifen auf die Region auszuweiten.
Israel will die gesamte Hamas-FĂŒhrung ausschaltenÂ
Den Tod Hanijas sehen Beobachter als groĂen Erfolg fĂŒr den israelischen MinisterprĂ€sidenten Benjamin Netanjahu. Dieser hatte geschworen, nach dem TerrorĂŒberfall der Hamas und anderer Extremisten aus dem Gazastreifen in Israel am 7. Oktober mit 1.200 Toten die Hamas-FĂŒhrer auszuschalten.
Zwei der rechtsnationalen israelischen Minister reagierten mit Genugtuung auf die Nachricht vom Tod Hanijas. «Hanijas Tod macht die Welt ein bisschen besser» schrieb etwa Amichai Elijahu, Minister fĂŒr das Kulturerbe, auf der Plattform X.
Hanija, Vorsitzender des Hamas-PolitbĂŒros, fĂŒhrte Berichten zufolge mit einem Teil seiner Familie seit Jahren ein Luxusleben in Katar. Er ist seit 2017 Vorsitzender des PolitbĂŒros der Hamas, das als oberste Entscheidungsinstanz gilt. Hanija gilt als Â«ĂŒbergreifender» Chef der Hamas, wĂ€hrend Jihia al-Sinwar Chef im Gazastreifen ist. Im April wurden dort bei einem israelischen Luftangriff laut Hamas drei Söhne und vier Enkelkinder von Hanija getötet.Â
Hanija wĂ€re der ranghöchste Hamas-AnfĂŒhrer, der seit Beginn des Gaza-Krieges vor rund zehn Monaten getötet wurde. Sein Tod könnte die indirekten Verhandlungen um eine Waffenruhe, bei denen Katar, Ăgypten und die USA vermitteln, erschweren. Der Anschlag auf Hanija werde die Beziehungen zwischen der palĂ€stinischen Widerstandsfront und dem Iran noch weiter stĂ€rken, sagte Irans AuĂenamtssprecher Kanaani laut Nachrichtenagentur Isna.
Aufruf zum Generalstreik im Westjordanland
Ein BĂŒndnis der verschiedenen politischen Gruppen im Westjordanland rief als Reaktion auf den Tod Hanijas zu einem Generalstreik auf. AuĂerdem solle an Kontrollpunkten die Konfrontation mit israelischen Soldaten gesucht werden, hieĂ es. Ob es sich dabei um Demonstrationen oder Angriffe handeln sollte, blieb unklar. Nach Angaben der iranischen Revolutionsgarden (IRGC), Irans Elitestreitmacht, kam auĂer Hanija auch einer seiner LeibwĂ€chter ums Leben. Hanija habe vor seinem Tod an der Zeremonie zur Vereidigung des neuen iranischen PrĂ€sidenten Massud Peseschkian teilgenommen, teilte die Hamas mit.Â
Seit Beginn des Gaza-Krieges vor rund zehn Monaten sind bereits eine ganze Reihe von militĂ€rischen und politischen FunktionĂ€ren der Hamas getötet worden beziehungsweise werden fĂŒr tot gehalten. Erst Anfang Januar war der zweithöchste AnfĂŒhrer der Hamas im Ausland, Saleh al-Aruri, bei einer Explosion in Beirut ums Leben gekommen. Die Hisbollah hatte Israel die Schuld am Tod des Vize-Leiters des PolitbĂŒros der Hamas gegeben.Â
Israels Armee: Sind auf jedes Szenario vorbereitet
Anfang dieses Monats fĂŒhrte Israels MilitĂ€r dann einen gezielten Angriff auf den MilitĂ€rchef der Hamas im Gazastreifen, Mohammed Deif, durch. Israel erklĂ€rte, es gebe Grund zu der Annahme, dass der Angriff sein Ziel erreicht habe. Die Hamas dagegen hat erklĂ€rt, Deif sei nicht getötet worden. Die israelische Armee hatte zuvor im MĂ€rz die Tötung von Deifs Stellvertreter Marwan Issa bestĂ€tigt. Die Hamas indes hat auch dessen Tod nie bestĂ€tigt.
Drei Tage nach einem tödlichen Raketenangriff auf den Golanhöhen hatte Israels Armee kurz vor der Nachricht vom Tod von Hanija nach eigenen Angaben in einem Vorort von Beirut Fuad Schukr getötet, einen der ranghöchsten Kommandeure der Schiitenmiliz Hisbollah. Der Schlag birgt die Gefahr einer weiteren Eskalation der Spannungen zwischen der Hisbollah und Israel. Man ziehe es zwar vor, «Feindseligkeiten ohne einen gröĂeren Krieg zu lösen», Israels MilitĂ€r sei aber «auf jedes Szenario vorbereitet», sagte Armeesprecher Daniel Hagari.Â
Hisbollah-Kommandeur soll fĂŒr Angriff auf Golan verantwortlich seinÂ
Schukr habe als rechte Hand von Hisbollah-GeneralsekretĂ€r Hassan Nasrallah gedient und sei dessen Berater fĂŒr Planung und Leitung von KriegseinsĂ€tzen gewesen, so Israels Armee. Seit 2017 wird er von US-Behörden wegen Verstrickung in einen Anschlag auf US-Truppen in Beirut 1983 gesucht. FĂŒr Informationen zu Schukr hatten die USA eine Belohnung von fĂŒnf Millionen Dollar (4,6 Millionen Euro) ausgeschrieben. Schukr habe seit dem 7. Oktober auch die Angriffe der Hisbollah auf Israel koordiniert, teilte die israelische Armee weiter mit.Â
Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums kamen bei dem Angriff drei Zivilisten ums Leben, zwei MinderjĂ€hrige und eine Frau. 74 Menschen erlitten den Angaben zufolge Verletzungen, fĂŒnf sollen in Lebensgefahr schweben. Augenzeugen berichteten, dass die Attacke auf ein achtstöckiges GebĂ€ude zielte. Das Obergeschoss sei getroffen worden.Â
Aus den USA hieĂ es, man arbeite weiter an einer diplomatischen Lösung, damit es nicht zum nĂ€chsten Krieg kommt. US-PrĂ€sident Joe Biden glaube an diplomatische Lösungen «vor allem in diesem Moment entlang der Blauen Linie», sagte die Sprecherin des WeiĂen Hauses, Karine Jean-Pierre. Dabei handelt es sich um eine von den Vereinten Nationen gezogene Demarkationslinie an der Grenze zwischen Israel und dem Libanon. Beide Seiten schienen zuletzt nach nicht daran interessiert, ihre andauernden Gefechte erheblich auszuweiten.







