Israel, EinsÀtze

Israel weitet EinsĂ€tze im SĂŒden des Gazastreifens aus

29.12.2023 - 16:17:58

Die israelische Armee geht weiter hart gegen die Hamas im Gazastreifen vor. Nach deren Angaben kostet das allein an einem Tag mehr als 180 Menschen das Leben. Der Überblick.

  • Eine palĂ€stinensische Familie flieht vor der israelischen Bodenoffensive. - Foto: Mohammed Dahman/AP/dpa

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  • Israelische Soldaten beziehen in der NĂ€he der Grenze zum Gazastreifen Stellung. - Foto: Ariel Schalit/AP/dpa

    Ariel Schalit/AP/dpa

Eine palÀstinensische Familie flieht vor der israelischen Bodenoffensive. - Foto: Mohammed Dahman/AP/dpaIsraelische Soldaten beziehen in der NÀhe der Grenze zum Gazastreifen Stellung. - Foto: Ariel Schalit/AP/dpa

Israels Armee weitet nach eigenen Angaben ihre EinsĂ€tze in der Gegend um die Stadt Chan Junis im SĂŒden des Gazastreifens aus. Das teilte das MilitĂ€r in einer ErklĂ€rung mit. Die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde im Gazastreifen gab unterdessen an, innerhalb eines Tages seien 187 Menschen getötet worden. UnabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen lĂ€sst sich diese Angabe zur Stunde nicht.

Nach einem Jahr im Amt stehen Israels Regierung und MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu unter großem Druck.

Israel vermutet Hamas-FĂŒhrungsspitze in Chan Junis

Zu den EinsĂ€tzen in der Gegend um Chan Junis hieß es von Israels Armee: «Die Soldaten eliminierten Terrorzellen mit Hilfe von Artillerie-, Luft- und Panzertruppen.» In Wohnungen von Mitgliedern der islamistischen Hamas hĂ€tten EinsatzkrĂ€fte dort zudem Sprengstoff gefunden. Mit SprengsĂ€tzen versehene GebĂ€ude seien zerstört worden. In der Gegend fanden Soldaten den Angaben nach auch etliche Tunnel und Waffen. Die Angaben des MilitĂ€rs lassen sich bisher nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.

Israel vermutet, dass sich in Chan Junis die FĂŒhrungsspitze der islamistischen Hamas versteckt hĂ€lt. Das MilitĂ€r hatte die Einwohner der Stadt zuvor aufgefordert, sich weiter sĂŒdlich in Rafah nahe der Ă€gyptischen Grenze in Sicherheit zu bringen.

Auslöser des Kriegs war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, das Terroristen der Hamas sowie anderer Gruppen am 7. Oktober in Israel verĂŒbt hatten. Israel reagierte mit massiven Luftangriffen und begann Ende Oktober mit einer Bodenoffensive. Angesichts der katastrophalen humanitĂ€ren Lage in dem abgeriegelten KĂŒstengebiet und der hohen Zahl ziviler Opfer ist Israel inzwischen international immer mehr in die Kritik geraten.

Hamas-Behörde: Viele Opfer an einem Tag

Bei israelischen Angriffen wurden nach Darstellung der Gesundheitsbehörde im Gazastreifen, die der Hamas untersteht, innerhalb eines Tages 187 Menschen getötet. 312 PalĂ€stinenser seien zudem verletzt worden, teilte die Behörde mit. Die Zahl der insgesamt seit Kriegsbeginn im Gazastreifen getöteten PalĂ€stinenser stieg demnach auf 21.507. Zuletzt war die Zahl am Donnerstag mit 21.320 angegeben worden. Den jĂŒngsten Angaben zufolge wurden zudem 55.915 weitere Menschen im Gaza-Krieg verletzt.

Die Zahlen lassen sich gegenwĂ€rtig nicht bestĂ€tigen, doch verweisen die UN und andere Beobachter darauf, dass sich die Zahlen der Behörde in der Vergangenheit als insgesamt glaubwĂŒrdig herausgestellt hĂ€tten. Vor dem Weltsicherheitsrat in New York betonte ein UN-Vertreter indessen, dass sich die humanitĂ€re Situation trotz der vor einer Woche verabschiedeten UN-Resolution zur VerstĂ€rkung der Hilfe fĂŒr den Gazastreifen weiter verschlechtert habe.

SĂŒdafrika verklagt Israel vor UN-Gericht wegen «Völkermord»

SĂŒdafrika hat Israel vor dem höchsten Gericht der Vereinten Nationen Völkermord an den PalĂ€stinensern im Gazastreifen vorgeworfen. In der am Freitag eingereichten Klage beim Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag wird zudem verlangt, dass Israel zur Einstellung seiner Angriffe in Gaza aufgefordert wird, teilte der IGH mit. SĂŒdafrika machte demnach geltend, die Handlungen der israelischen StreitkrĂ€fte hĂ€tten «einen völkermörderischen Charakter», da sie auf die Vernichtung der PalĂ€stinenser in diesem Gebiet abzielen wĂŒrden.

Israel wies die Anschuldigung SĂŒdafrikas umgehend und entschieden zurĂŒck. «Die Klage SĂŒdafrikas entbehrt sowohl der faktischen als auch der juristischen Grundlage», hieß es von einem Sprecher des israelischen Außenministeriums auf X. Juristen in Den Haag gehen davon aus, dass es eine erste Anhörung zu den Forderungen SĂŒdafrikas innerhalb weniger Wochen geben könnte. Sollte der IGH danach ein entsprechendes Verfahren eröffnen, könnten allerdings noch Jahre bis zu einem Urteilsspruch vergehen.

Ein Jahr im Amt - Israels Regierungschef Netanjahu unter Druck

Nach einem Jahr im Amt stehen Israels Regierung und MinisterprĂ€sident Netanjahu unter großem Druck. Das derzeitige Misstrauen der israelischen Öffentlichkeit gegen einen Regierungschef in Kriegszeiten sei beispiellos, meldete die Zeitung «Haaretz». Umfragen zufolge will die Mehrheit der Israelis, dass Netanjahu spĂ€testens nach dem Ende des Gaza-Kriegs zurĂŒcktritt. Viele Menschen werfen ihm vor, bislang keine persönliche Verantwortung dafĂŒr eingerĂ€umt zu haben, dass das Hamas-Massaker am 7. Oktober geschehen konnte.

Aber schon vor dem Terrorangriff hatte es in Israel immer wieder Massenproteste gegen Netanjahu und seine am 29. Dezember 2022 vereidigte Koalition gegeben. Die am weitesten rechtsstehende Regierung in der Geschichte Israels treibt eine höchst kontroverse Justizreform voran. In den Monaten vor dem Krieg stand sie in der Kritik, damit Israels Sicherheit und Einheit zu gefÀhrden.

Israel könnte Staatskrise drohen

Bis Mitte Januar soll das Oberste Gericht in Israel ĂŒber ein erstes Kernelement dieser Justizreform entscheiden. Israels Parlament in Jerusalem hatte die erste GesetzesĂ€nderung Ende Juli trotz massiven Widerstands der Bevölkerung verabschiedet. Sie soll dem Obersten Gericht die Möglichkeit nehmen, gegen «unangemessene» Entscheidungen der Regierung, des MinisterprĂ€sidenten oder einzelner Minister vorzugehen. In Israels Geschichte wurde bisher noch nie ein vergleichbares Gesetz vom Obersten Gericht einkassiert. Sollte dies geschehen und die Regierung die Entscheidung nicht akzeptieren, droht dem Land eine Staatskrise.

Zeitung mutmaßt, Netanjahu wolle kein Ende des Kriegs

Vor einem Jahr kehrte der frĂŒhere Langzeit-MinisterprĂ€sident Netanjahu nach 18 Monaten in der Opposition zurĂŒck an die Macht. In Israels Geschichte war niemand lĂ€nger im Amt als der 74-JĂ€hrige. Ob sich Netanjahu angesichts des kolossalen Versagens am 7. Oktober nach dem Krieg als Regierungschef halten kann, ist ungewiss. Kritiker werfen ihm vor, das Erstarken der Hamas im Gazastreifen geduldet oder sogar gefördert zu haben. Laut jĂŒngsten Umfragen wĂŒrde gegenwĂ€rtig die Partei von Benny Gantz, Minister im Kriegskabinett, mit Abstand stĂ€rkste Fraktion werden. Die «Haaretz» mutmaßte bereits, Netanjahu wolle, dass der Krieg im Gazastreifen nie ende, um sich so lange es gehe, an der Macht zu halten.

@ dpa.de