Indien und Pakistan auf gefÀhrlichem Konfrontationskurs
07.05.2025 - 11:39:31Die Region Kaschmir im westlichen Himalaya ist seit Jahrzehnten zentrales Streitthema zwischen den AtommĂ€chten Indien und Pakistan. Die indischen Angriffe auf Ziele in Pakistan und im pakistanisch kontrollierten Teil Kaschmirs gelten als Reaktion auf einen Terroranschlag in der Unruheregion am 22. April. Dabei wurden nahe der Stadt Pahalgam 26 Menschen - vorwiegend indische Touristen - getötet. Die Regierung in Neu-Delhi wirft Pakistan eine Beteiligung vor, Islamabad weist das zurĂŒck.Â
Der Territorialkonflikt reicht jedoch viel weiter zurĂŒck. Nach den Angriffen wĂ€chst die Sorge, dass die Krise weiter eskalieren könnte.Â
Warum ist der Konflikt so gefÀhrlich?
Kaschmir ist von drei AtommĂ€chten umgeben, in der Region sind militante Gruppierungen aktiv. Pakistan hat nach den nĂ€chtlichen Luftangriffen Indiens mit Vergeltung gedroht. Das nĂ€hrt die BefĂŒrchtung, dass die Lage auĂer Kontrolle geraten und in einen Krieg mĂŒnden könnte - mit unabsehbaren Folgen fĂŒr die gesamte Region. Auch China, das einen umstrittenen Grenzverlauf mit Indien im Osten der Kaschmir-Region teilt, könnte in den Konflikt hineingezogen werden.Â
Was sind die HintergrĂŒnde des Konflikts?Â
Die UrsprĂŒnge reichen bis in die Kolonialzeit zurĂŒck. 1947 entlieĂen die Briten den indischen Subkontinent in die UnabhĂ€ngigkeit, und neben dem ĂŒberwiegend hinduistischen Indien entstand der neue Staat Pakistan mit einer hauptsĂ€chlich muslimischen Bevölkerung. Bis zu 15 Millionen Menschen wurden damals vertrieben oder mussten flĂŒchten. Die Teilung nĂ€hrt bis heute eine erbitterte RivalitĂ€t. Seit ihrer UnabhĂ€ngigkeit fĂŒhrten beide LĂ€nder drei Kriege gegeneinander, zwei davon um Kaschmir. Mit seinen malerischen Bergseen und schneebedeckten Gipfeln ist die Region ein beliebtes Touristenziel.Â
Was geschah in den letzten Wochen?Â
Indien hat unter anderem den Indus-Wasservertrag ausgesetzt, der fĂŒr beide Seiten die Wassernutzung des Indus und seiner NebenflĂŒsse regelt. Als Reaktion darauf erklĂ€rte Pakistan, man behalte sich vor, das Shimla-Abkommen von 1972 fĂŒr ungĂŒltig zu erklĂ€ren, das eine wichtige Grundlage fĂŒr Verhandlungen zwischen den beiden Staaten darstellt. Ein RĂŒckzug aus dem Vertrag wird als extrem gefĂ€hrlich gesehen.
Die Regierungen in Neu-Delhi und Islamabad stehen zudem innenpolitisch stark unter Druck, auf Feindseligkeiten der anderen Seite mit aller HĂ€rte zu reagieren. Die Eskalation sei bereits jetzt weiter vorangeschritten als bei der Krise im Jahr 2019, schreibt SĂŒdasien-Experte Michael Kugelman.Â
Wie hoch ist die Gefahr eines Atomkrieges?
Mit seiner «No first use»-Doktrin verpflichtet sich Indien zwar, auf einen Ersteinsatz nuklearer Waffen zu verzichten. Nach dem Konzept der massiven Vergeltung will Neu-Delhi jedoch ErstschlĂ€ge gegen das eigene Land mit einem vernichtenden nuklearen Gegenschlag beantworten.Â
Pakistan behĂ€lt sich hingegen auch den Ersteinsatz von Atomwaffen vor - sofern die Existenz des Landes unmittelbar bedroht ist. Die «Full-Spectrum-Deterrence»-Doktrin dient vor allem als Abschreckung, die jede Form der Aggression gegen das Land verhindern soll.Â
Das Friedensforschungsinstitut Sipri schĂ€tzt in seinem Jahrbuch 2024, dass Indien ĂŒber 172 Atomsprengköpfe verfĂŒgt, Pakistan ĂŒber 170.
Der geschichtliche HintergrundÂ
Geschichtlicher Hintergrund des Konflikts ist eine problematische Entscheidung der britischen Kolonialmacht. Sie verkaufte Kaschmir 1846 trotz mehrheitlich muslimischer Bevölkerung an den Hindu-Herrscher Gulab Singh. Als die Briten 1947 den Subkontinent verlieĂen und die LandesfĂŒrsten erklĂ€rten mussten, ob sie dem islamischen Pakistan oder dem mehrheitlich hinduistischen Indien beitreten wollten, sprach sich der Hindu-Maharadscha fĂŒr Indien aus.Â
Mehrere AufstĂ€nde der dort ansĂ€ssigen Bevölkerung gegen Indien konnten durch den von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenstillstand 1949 beendet werden. Schon am 21. April 1948 hatte der UN-Sicherheitsrat beschlossen, die endgĂŒltige Entscheidung ĂŒber die staatliche Zugehörigkeit Kaschmirs durch eine Volksbefragung zu ermitteln. Auf diese Volksbefragung warten die Bewohner Kaschmirs bis heute.
Wer kontrolliert Kaschmir?
Die 222.236 Quadratkilometer groĂe Region mit ihren insgesamt rund 20 Millionen Bewohnern ist heute zerstĂŒckelt und eingezwĂ€ngt in ein Machtdreieck der AtommĂ€chte Pakistan, Indien und China. Seit 1949 ist der gröĂte Teil Kaschmirs Indien unterstellt, etwa ein Drittel wird als «Azad Kashmir» (Freies Kaschmir) von Pakistan verwaltet. Ein kleinerer Teil im Osten steht unter Chinas Kontrolle. Pakistan trat 1963 zudem ein kleines Gebiet an China ab. Eine Waffenstillstandslinie markiert den faktischen Grenzverlauf zwischen Indien und Pakistan.
Rebellengruppen kĂ€mpfen im indischen Teil Kaschmirs fĂŒr eine UnabhĂ€ngigkeit vom mehrheitlich hinduistischen Indien - oder fĂŒr einen Zusammenschluss mit Pakistan. Indien beschuldigt Pakistan, diese Gruppierungen zu unterstĂŒtzen, was Pakistan zurĂŒckweist.
Was passierte 2019 in Kaschmir?
Bei dem schwersten Angriff auf indische SicherheitskrĂ€fte seit 30 Jahren wurden damals im Februar 40 Menschen getötet. Indien machte Pakistan fĂŒr den Anschlag verantwortlich und griff daraufhin nach eigenen Angaben ein Terrorcamp einer islamistischen Organisation Pakistan an. Pakistan erklĂ€rte, zwei indische MilitĂ€rflugzeuge abgeschossen zu haben. Ein indischer Pilot wurde gefangen genommen, spĂ€ter aber als «Geste des Friedens» wieder freigelassen. Die Lage beruhigte sich zunĂ€chst weitgehend.
Die Spannungen flackerten jedoch wieder auf, nachdem Indien im August dem von ihm kontrollierten Teil Kaschmirs die Teilautonomie entzogen und das Gebiet aufgeteilt hatte. Zwei Unionsterritorien - Jammu und Kaschmir sowie Ladakh - entstanden, die stĂ€rker unter die Kontrolle der Zentralregierung in Neu-Delhi gestellt wurden. Pakistan bezeichnete die Aufhebung der Teilautonomie als illegal. Es kam in der Folgezeit vermehrt zu Gefechten entlang der sogenannten Kontrolllinie. Tausende zusĂ€tzliche indische Soldaten wurden in das Kaschmir-Tal geschickt, um Proteste zu verhindern.Â
2021 einigten sich die rivalisierenden Staaten darauf, alle bilateralen Abkommen zu respektieren und Kampfhandlungen einzustellen. Die verstĂ€rkte Militarisierung des indischen Teils von Kaschmir wird jedoch von Menschenrechtsorganisationen kritisiert. Sie werfen Indien zudem vor, die Region mit flĂ€chendeckenden Repressionen kontrollieren zu wollen.Â
Welche Rolle spielen andere LĂ€nder in diesem Konflikt?
Wie weit einflussreiche MĂ€chte wie die USA oder China auf Indien und Pakistan einwirken können, um einen bewaffneten Konflikt zu verhindern, gilt als unklar. Indien ist ein wichtiger Verteidigungspartner der USA, wĂ€hrend Washington Pakistan zu seinen Nicht-Nato-VerbĂŒndeten zĂ€hlt. In der Vergangenheit hĂ€tten internationale Akteure wie etwa die USA eine wichtige Rolle gespielt, um Krisen in SĂŒdasien zu entschĂ€rfen, schreibt «Foreign Affairs». Doch gegenwĂ€rtig sei die Welt mĂŒde, was die indisch-pakistanischen Streitereien betreffe. «Der RĂŒckzug der Nato-Truppen aus Afghanistan hat das Interesse der USA an Pakistan verringert.»


