PrÀsidentenwahl, Polen

PrĂ€sidentenwahl in Polen: «Nach vorn oder zurĂŒck?»

01.06.2025 - 04:30:41

Die Polen wĂ€hlen einen Nachfolger fĂŒr Andrzej Duda. Das Rennen zwischen dem Liberalen Trzaskowski und dem Rechtskonservativen Nawrocki wird knapp. Der Wahlausgang hat Bedeutung fĂŒr ganz Europa.

  • Die polnische Armee hat mehr Soldatinnen und Soldaten als die Bundeswehr. (Archivbild) - Foto: Czarek Sokolowski/AP/dpa

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  • In der Stichwahl um das PrĂ€sidentenamt in Polen trifft der Rechtskonservative Karol Nawrocki (links) auf den Liberalen Rafal Trzaskowski. (Archivbild) - Foto: Piotr Nowak/Czarek Sokolowski/PAP/dpa

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  • Vor der Stichwahl riefen beide Kandidaten zu Demonstrationen in Warschau auf. (Archivbild) - Foto: Czarek Sokolowski/AP/dpa

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  • Die Skyline der polnischen Hauptstadt Warschau -  Polen hat in den vergangenen 20 Jahren einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung verbucht. (Archivbild) - Foto: Friedemann Kohler/dpa

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Die polnische Armee hat mehr Soldatinnen und Soldaten als die Bundeswehr. (Archivbild) - Foto: Czarek Sokolowski/AP/dpaIn der Stichwahl um das PrÀsidentenamt in Polen trifft der Rechtskonservative Karol Nawrocki (links) auf den Liberalen Rafal Trzaskowski. (Archivbild) - Foto: Piotr Nowak/Czarek Sokolowski/PAP/dpaVor der Stichwahl riefen beide Kandidaten zu Demonstrationen in Warschau auf. (Archivbild) - Foto: Czarek Sokolowski/AP/dpaDie Skyline der polnischen Hauptstadt Warschau -  Polen hat in den vergangenen 20 Jahren einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung verbucht. (Archivbild) - Foto: Friedemann Kohler/dpa

Bei der Stichwahl um das PrÀsidentenamt in Polen zeichnet sich eine hohe Wahlbeteiligung ab. Bis zum spÀten Nachmittag hat mehr als die HÀlfte der Wahlberechtigten (54,91 Prozent) ihre Stimme abgegeben, wie die Wahlkommission mitteilte. Die letzten Umfragen vor der Abstimmung lassen einen Wahlkrimi erwarten. Der Liberale Rafal Trzaskowski und der Rechtskonservative Karol Nawrocki liegen gleichauf. 

Dabei sind die Visionen, die beide fĂŒr ihr Land haben, diametral entgegengesetzt. Das tief gespaltene Polen steht vor einer Richtungswahl. Sie wird den Kurs des EU- und Nato-Mitglieds maßgeblich bestimmen - mit Auswirkungen fĂŒr Deutschland und Europa. 

«Nach vorn oder zurĂŒck?», titelte das Magazin Polityka in seiner neuesten Ausgabe - und darin zeigt sich das Dilemma von Deutschlands östlichem Nachbarn. Gewinnt der Warschauer OberbĂŒrgermeister Trzaskowski das Rennen, dann hat der proeuropĂ€ische Regierungschef Donald Tusk einen Parteifreund und starken VerbĂŒndeten im PrĂ€sidentenpalast, der ihn bei seinem Reformkurs unterstĂŒtzen wird.

Setzt sich der parteilose Historiker Nawrocki durch, dann hat Tusk schlechte Karten. Denn Nawrocki wird von der rechtskonservativen PiS unterstĂŒtzt, Polens grĂ¶ĂŸter Oppositionspartei. Nawrocki könnte mit seinem Vetorecht GesetzentwĂŒrfe blockieren und Tusk das Regieren praktisch unmöglich machen. Ein instabiles Polen und vorgezogene Neuwahlen könnten die Folge sein - und die mögliche RĂŒckkehr der PiS an die Macht.

Wirtschaftslokomotive Polen

Polen ist seit 2004 Mitglied der EU. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat das Land mit seinen 37,5 Millionen Einwohnern ein stetiges Wirtschaftswachstum hingelegt - mit Ausnahme einer kleinen Delle infolge der Corona-Pandemie. Seit 2015 hat sich das Durchschnittseinkommen mehr als verdoppelt, derzeit liegt es bei umgerechnet 2113 Euro.

Ein Netz von Autobahnen, auch mit EU-Mitteln subventioniert, durchzieht das Land. Funklöcher sucht man vergebens, die ZĂŒge der polnischen Eisenbahn fahren meist pĂŒnktlich. Schmucke Eigenheime mit Doppelgarage und Solaranlage zeugen vielerorts davon, dass der Wohlstand auch auf dem Land angekommen ist. Und ĂŒberall bezahlen die Menschen bargeldlos mit Blik, einem landeseigenen mobilen Bezahlsystem.

Gewachsene militÀrische Bedeutung durch Ukraine-Krieg

Russlands Angriffskrieg gegen die benachbarte Ukraine hat Polens Rolle als Nato-Partner aufgewertet. Das Land ist eine wichtige logistische Drehscheibe fĂŒr die MilitĂ€rhilfe des Westens fĂŒr Kiew. 

Polen fĂŒhlt sich auch selbst von Russland bedroht und rĂŒstet massiv auf. In diesem Jahr will es 4,7 Prozent von seinem Bruttoinlandsprodukt fĂŒr Verteidigung ausgeben. Seine StreitkrĂ€fte zĂ€hlen 206.000 Soldatinnen und Soldaten - deutlich mehr als die Bundeswehr.

Liberale StÀdter, konservative Landbewohner

Die Vorstellungen darĂŒber, wie sich Polen mit seiner wachsenden Bedeutung positionieren soll, gehen innerhalb der Bevölkerung aber stark auseinander. Die erste Wahlrunde hat gezeigt: Der liberale ProeuropĂ€er Trzaskowski hat seine WĂ€hler vorwiegend in den StĂ€dten. Der 53-jĂ€hrige Warschauer Stadtoberste setzt sich fĂŒr die Rechte der LGBT-Community ein, spricht fĂŒnf Fremdsprachen und ist aus seiner Zeit als stellvertretender Außenminister international gut vernetzt.

Doch auf dem Land wĂ€chst die Zahl derer, die das GefĂŒhl haben, dass ihre Interessen bei dem rasanten Wandel der Gesellschaft auf der Strecke bleiben. Viele AnhĂ€nger von Karol Nawrocki sagen, sie wollten «NormalitĂ€t». Sie meinen die RĂŒckkehr zu einem traditionellen, katholisch geprĂ€gten Familienbild. Und sie wollen weniger Europa, weniger Migration und mehr Nation.

Ängste vor dem Verlust der SouverĂ€nitĂ€t

Der 42-jĂ€hrige Nawrocki ist ein Mann mit schwieriger Vergangenheit. Er war in seiner Jugend Amateurboxer und TĂŒrsteher, hat aus dieser Zeit Kontakte ins Rotlichtmilieu und war 2009 an einer MassenschlĂ€gerei von Fußball-Hooligans beteiligt. Das alles spricht nicht unbedingt fĂŒr NormalitĂ€t.

Doch Nawrocki spielt geschickt mit den Ängsten der Menschen. Die EU wolle aus Polen einen «Landkreis mit polnischstĂ€mmiger Bevölkerung» machen und dem Land die SouverĂ€nitĂ€t nehmen, warnt er im Wahlkampf. «Wieso sollen wir das Kommando ĂŒber die polnischen StreitkrĂ€fte an BrĂŒssel abgeben, wenn Ursula von der Leyen nicht mal die Bundeswehr im Griff hatte?» Das gefĂ€llt dem Publikum - und niemand hinterfragt, ob es denn ĂŒberhaupt solche PlĂ€ne gibt.

Rechtsextreme profitieren von Politikverdrossenheit

Ein weiterer Faktor bei dieser Wahl ist Politikverdrossenheit. Viele Menschen haben einfach genug davon, dass der Kampf zwischen dem 68-jĂ€hrigen Donald Tusk und dem 75-jĂ€hrigen Jaroslaw Kaczynski seit mehr als 20 Jahren die Politik ihres Landes bestimmt. Das sei eine ErklĂ€rung dafĂŒr, dass in der ersten Wahlrunde mehr als 21 Prozent der WĂ€hler fĂŒr zwei rechtsextreme Kandidaten gestimmt hĂ€tten, sagte Agnieszka Lada-Konefal vom Deutschen Polen-Institut. «Das war die Rote Karte fĂŒr diese beiden Herren. Besonders die jungen WĂ€hler finden sich da nicht mehr wieder.»

Der Rechtsextreme Slawomir Mentzen und der offen antisemitisch agierende Grzegoz Braun sind in der ersten Wahlrunde ausgeschieden. Viele ihrer AnhĂ€nger sind ProtestwĂ€hler, deren Verhalten in der Stichwahl schwer abzuschĂ€tzen ist. Doch die Annahme ist, dass ein Großteil von ihnen Nawrocki die Stimme geben wird.

@ dpa.de