Israel, Regierung

Tausende Israelis protestieren spontan gegen Regierung

06.07.2023 - 05:44:32

Die Regierung treibt die umstrittene Justizreform nach einer Unterbrechung wieder aktiv voran. Aus Protest blockieren Tausende Israelis in mehreren StĂ€dten Straßen.

Bei einer spontanen Kundgebung gegen die Regierung haben Tausende Israelis am Mittwochabend in der KĂŒstenstadt Tel Aviv stundenlang eine wichtige Autobahn in beide Fahrtrichtungen blockiert. Dort fuhr - einen Tag nach einer Ă€hnlich anmutenden Rammattacke - ein Auto in eine Menschenmenge und verletzte einen Demonstranten leicht, wie die Polizei mitteilte. Der Fahrer wurde demnach festgenommen. Medien berichteten, er sei frustriert ĂŒber den Stau gewesen.

Auslöser des Protests war der RĂŒcktritt des populĂ€ren Polizeibezirkschefs von Tel Aviv. Polizeiminister Itamar Ben-Gvir hatte von ihm gefordert, mit harter Hand gegen die Teilnehmer der seit Monaten andauernden Demonstrationen gegen die Regierung und die von ihr geplante Justizreform vorzugehen. Ami Eshed verweigerte dies, da er eigenen Angaben nach keine «unangemessene Gewalt» anwenden wollte. Ben-Gvir und Israels Polizeichef Kobi Schabtai planten, ihn deshalb in eine andere Abteilung zu versetzen. Das lehnte Eshed ab.

Mehrere Festnahmen

Auch in anderen StĂ€dten des Landes blockierten Demonstranten Straßen. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein, um sie zu vertreiben. In Jerusalem wurde eine Frau bei ZusammenstĂ¶ĂŸen mit den SicherheitskrĂ€ften verletzt. In der Hauptstadt zogen Dutzende zum Haus des MinisterprĂ€sidenten Benjamin Netanjahu.

Auf der Kundgebung in Tel Aviv, an der nach SchĂ€tzung des Senders Kan zwischen 20.000 und 30.000 Menschen teilnahmen, zĂŒndeten Demonstranten Feuer auf mehreren blockierten Straßen an. Die Polizei hatte sichtlich MĂŒhe, wieder Ordnung herzustellen. Mehrere Menschen wurden festgenommen.

Die Regierung geht den Umbau des Justizsystems, dessen Ziel es ist, das oberste Gericht des Landes zu schwĂ€chen, nach einer Unterbrechung derzeit wieder an. Die Demonstrationen gegen die Regierung haben seitdem wieder viel Aufwind bekommen. Die Regierung wirft den Richtern ĂŒbertriebene Einmischung in politische Entscheidungen vor. Kritiker sehen die Gewaltenteilung und die demokratische Ordnung in Gefahr.

Derzeit noch weitere Konfliktherde

Neben der umstrittenen Justizreform, die die Gesellschaft spaltet, beschĂ€ftigen Israel derzeit noch weitere Konfliktherde. Erst in der Nacht zu Mittwoch beendete Israels MilitĂ€r seinen grĂ¶ĂŸten Einsatz im Westjordanland seit 20 Jahren. Nach Luftangriffen waren in der Nacht zu Montag rund tausend Soldaten in die Stadt Dschenin eingerĂŒckt, um dort «terroristische Infrastruktur» zu zerschlagen. Sie lieferten sich heftige Schusswechsel mit bewaffneten PalĂ€stinensern.

Bei dem Einsatz wurden unter anderem Kommandozentralen und Waffenlager militanter PalĂ€stinenser zerstört. Aber auch Straßen, Autos, Strom- und Wasserleitungen wurden beschĂ€digt.

Tausende versammelten sich nach dem Abzug der israelischen Soldaten fĂŒr die Beisetzung mehrerer bei dem Einsatz Getöteten. Insgesamt starben mindestens zwölf PalĂ€stinenser sowie ein israelischer Soldat bei dem Einsatz. Nach Angaben des israelischen MilitĂ€rs sollen die getöteten PalĂ€stinenser KĂ€mpfer gewesen sein. Mehr als 100 PalĂ€stinenser wurden zudem verletzt.

Sicherheitslage seit langem angespannt

Aus dem Gazastreifen flogen daraufhin in der Nacht zu Mittwoch Raketen, Israels Armee reagierte mit Luftangriffen auf das abgeschottete KĂŒstengebiet. Am Dienstag fuhr außerdem ein palĂ€stinensischer Angreifer in Tel Aviv in eine Menschenmenge und verletzte mindestens sieben Menschen. Die im Gazastreifen herrschende Hamas sprach von einer «Reaktion» auf die Geschehnisse in Dschenin.

Die Sicherheitslage in Israel und im Westjordanland ist seit langem angespannt. Seit Beginn des Jahres kamen zwei Dutzend Menschen bei AnschlĂ€gen von PalĂ€stinensern ums Leben. Im gleichen Zeitraum wurden mehr als 150 PalĂ€stinenser bei gewaltsamen ZusammenstĂ¶ĂŸen, israelischen MilitĂ€reinsĂ€tzen oder nach eigenen AnschlĂ€gen erschossen.

Israel hatte das Westjordanland und Ost-Jerusalem wĂ€hrend des Sechstagekriegs 1967 erobert. Die PalĂ€stinenser beanspruchen beide Gebiete als Teil eines eigenen Staats. Eine Zweistaatenlösung fĂŒr den seit Jahrzehnten wĂ€hrenden Nahost-Konflikt scheint jedoch in weiter Ferne.

@ dpa.de