Berichte, Zahlreiche

Berichte: Zahlreiche Tote bei Luftangriffen im Gazastreifen

17.02.2024 - 18:14:28

Die Sorge vor einer Bodenoffensive Israels in Rafah wĂ€chst. Der US-PrĂ€sident spricht jetzt deutliche Worte. Gibt Israel nach? Die Entwicklungen im Überblick.

Bei israelischen Angriffen im zentralen Abschnitt des Gazastreifens hat es nach palÀstinensischen Angaben zahlreiche Tote gegeben. Die palÀstinensische Nachrichtenagentur Wafa berichtete, es seien mehrere HÀuser von Kampfjets bombardiert worden, darunter in Deir al-Balah.

Dabei seien acht Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt oder verschĂŒttet worden. SanitĂ€ter sprachen sogar von 40 Menschen, die getötet worden seien. Viele Verletzte seien in ein Krankenhaus gebracht worden. Ein israelischer Armeesprecher sagte auf Anfrage, man prĂŒfe die Berichte.

Israel steht derzeit unter wachsendem Druck, seine PlĂ€ne fĂŒr eine Bodenoffensive in Rafah im SĂŒden des Gazastreifens auf Eis zu legen. US-PrĂ€sident Joe Biden warnte Israel mit deutlichen Worten: Er sei der festen Überzeugung, dass es «einen vorĂŒbergehenden Waffenstillstand» geben mĂŒsse, um die Geiseln zu befreien. Er erwarte, «dass die Israelis in der Zwischenzeit keine massive Bodenoffensive durchfĂŒhren werden», sagte Biden im Weißen Haus.

Der israelische MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu bekrĂ€ftigt ungeachtet internationaler Warnungen, dass eine militĂ€rische Offensive Israels auch in Rafah im sĂŒdlichen Gazastreifen kommen werde. «NatĂŒrlich erst, nachdem wir es den Zivilisten in den Kampfgebieten ermöglichen werden, sich in sichere Gebiete zu begeben», sagte Netanjahu in Jerusalem vor Journalisten. Man werde sich in der Frage internationalem Druck nicht beugen, betonte er. «Wer uns an dem Einsatz in Rafah hindern will, sagt uns letztlich «Verliert den Krieg».» Er werde dies nicht zulassen.

Scholz fordert Israel zur Einhaltung des Völkerrechts auf

Kanzler Olaf Scholz hat Israel angesichts einer geplanten Bodenoffensive gegen die islamistische Hamas in Rafah im SĂŒden des Gazastreifens ungewöhnlich deutlich zur Einhaltung des humanitĂ€ren Völkerrechts aufgefordert.

«Wir halten das Völkerrecht und die Regeln nicht nur ein, weil wir weltweit einige Abkommen unterzeichnet haben. Das ist etwas, das sich aus unserer Sicht auf die Menschheit ergibt und darauf, wie wir sein wollen und wie wir uns selbst sehen wollen», sagte der SPD-Politiker auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz.

Zugleich betonte der Bundeskanzler die Forderung nach einer Zweistaatenlösung. Damit ist ein unabhĂ€ngiger palĂ€stinensischer Staat gemeint, der friedlich Seite an Seite mit Israel existiert. Auch US-Außenminister Antony Blinken macht sich fĂŒr eine Zweistaatenlösung als Ausweg aus dem Teufelskreis der Gewalt zwischen Israel und PalĂ€stinensern stark.

Bericht: USA bereiten weitere Waffenlieferung an Israel vor

Trotz des DrĂ€ngens auf eine Feuerpause bereiten die USA einem Medienbericht zufolge die Lieferung weiterer Bomben und Waffen an Israel vor. Wie das «Wall Street Journal» in der Nacht zum Samstag unter Berufung auf amtierende und ehemalige US-Beamte berichtete, werden die PlĂ€ne innerhalb der Regierung von US-PrĂ€sident Joe Biden derzeit geprĂŒft und könnten sich im Detail noch Ă€ndern, bevor sie dem US-Kongress zur Genehmigung vorgelegt werden.

Die israelische Regierung habe um eine «rasche Beschaffung dieser GĂŒter zur Verteidigung Israels gegen andauernde und neue regionale Bedrohungen» gebeten. Die neu vorgeschlagene Waffenlieferung umfasst laut dem Bericht PrĂ€zisionswaffen. Die USA drĂ€ngen Israel dazu, von massiven Bombardierungen zu prĂ€ziseren SchlĂ€gen ĂŒberzugehen.

Biden hofft auf schnellen Geisel-Deal

Die UnterhÀndler arbeiten nach Informationen der israelischen Zeitung «Haaretz» darauf hin, dass eine Feuerpause mit dem muslimischen Fastenmonat Ramadan zusammenfÀllt, der am 10. MÀrz beginnt. Er hoffe, dass es schnell einen Deal mit der Hamas zur Befreiung der Geiseln geben werde, sagte Biden. Er habe in der vergangenen Woche tÀglich mit Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu gesprochen, jeweils fast eine Stunde.

Bidens unverblĂŒmte Worte zeigten, dass das Schicksal Rafahs ein potenzieller Kipppunkt in den Beziehungen zwischen Washington und Jerusalem sei, berichtete die «Financial Times». US-Vertreter, darunter auch Biden, hĂ€tten Israel seit Beginn des Krieges stets unterstĂŒtzt, doch ihre Toleranz gegenĂŒber dem Vorgehen von Netanjahu und der sich verschĂ€rfenden humanitĂ€ren Krise «schwindet zusehends», schrieb die Zeitung.

G7-Außenminister «tief besorgt» wegen drohender Offensive

Die G7-Außenminister warnen vor dramatischen Folgen einer möglichen israelischen Bodenoperation in Rafah im SĂŒden des Gazastreifens gewarnt. Nach einem Treffen am Rande der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz teilte der italienische Vorsitzende Antonio Tajani mit, die G7-Außenminister seien «tief besorgt ĂŒber die möglicherweise verheerenden Folgen einer weiteren umfassenden MilitĂ€roperation Israels in diesem Gebiet fĂŒr die Zivilbevölkerung».

Der Ă€gyptische Außenminister Sameh Shoukry warnt ebenfalls vor den unkalkulierbaren Folgen einer Vertreibung der PalĂ€stinenser aus dem Gaza-Streifen. «Es wĂ€re eine Bedrohung fĂŒr unsere nationale Sicherheit.» Der saudische Außenminister Faisal bin Farhan Al Saud betonte, sein Land konzentriere sich bei den Verhandlungen auf einen Waffenstillstand und einen RĂŒckzug der Israelis aus Gaza.

UN-Gericht weist Antrag gegen Rafah-Offensive ab

Der Internationale Gerichtshof der Vereinten Nationen lehnte unterdessen einen Eilantrag SĂŒdafrikas auf ÜberprĂŒfung der RechtmĂ€ĂŸigkeit der von Israel geplanten MilitĂ€roffensive in Rafah ab. Die gefĂ€hrliche Situation in dem Ort voller FlĂŒchtlinge verlange «die unverzĂŒgliche und wirksame Umsetzung der Aufforderungen des Gerichts», die dieses Ende Januar erlassen hatte, teilte der Gerichtshof an seinem Sitz in Den Haag mit.

Diese Aufforderungen hĂ€tten Geltung fĂŒr den gesamten Gazastreifen, einschließlich Rafah. «Ein Erlass zusĂ€tzlicher Maßnahmen ist nicht erforderlich», hielt das Gericht fest. VerbĂŒndete Israels wie die USA und Deutschland raten Israel von einem großangelegten militĂ€rischen Vorgehen in Rafah entschieden ab. Die Vereinten Nationen haben fĂŒr den Fall einer solchen Offensive vor einer humanitĂ€ren Katastrophe grĂ¶ĂŸten Ausmaßes gewarnt.

Zehntausende protestieren in London fĂŒr PalĂ€stinenser

Zehntausende Menschen gingen indes in London bei einer propalĂ€stinensischen Demonstration auf die Straße. Nach SchĂ€tzungen der Polizei beteiligten sich rund 30.000 Menschen. Der Protest sollte zur israelischen Botschaft fĂŒhren. Etwa ein Dutzend Menschen wurde vorĂŒbergehend festgenommen, darunter ein Mann mit einem antisemitischen Plakat, wie die Metropolitan Police mitteilte. Die Organisation Palestine Solidarity Campaign forderte mit dem Protestmarsch in der britischen Hauptstadt einen Waffenstillstand im Gazastreifen.

Auch tausende Israelis haben in verschiedenen StĂ€dten gegen die Politik der rechtsreligiösen Regierung von Benjamin Netanjahu protestiert. Viele der Demonstranten forderten Neuwahlen. Andere sprachen sich fĂŒr eine Waffenruhe im Gaza-Krieg und fĂŒr einen raschen Deal mit der Hamas ĂŒber die Freilassung weiterer Geiseln aus. Auch nahe der Villa Netanjahus in Caesarea kam es zu Protesten.

Ausschreitungen um Laster mit Hilfslieferungen in Rafah

Dutzende Menschen versuchten am GrenzĂŒbergang Rafah, einen Lastwagen mit Hilfslieferungen zu erstĂŒrmen. Die Polizei schritt ein und vertrieb die Menge, teilte die von der Hamas kontrollierte Behörde mit. Videoaufnahmen, die in sozialen Medien geteilt wurden, zeigten Menschen, die in den Abfertigungsbereich des GrenzĂŒbergangs eindrangen. Es sind SchĂŒsse zu hören und schwarzer Rauch zu sehen. Augenzeugen berichteten, dass die von der Hamas gestellte Polizei in die Menge geschossen habe und einen Jugendlichen getötet habe. Die Behörde wollte dies zunĂ€chst nicht bestĂ€tigen.

In Rafah unmittelbar an der Ă€gyptischen Grenze drĂ€ngen sich auf engstem Raum 1,3 Millionen Menschen zusammen. Die meisten von ihnen sind aus anderen Teilen des Gazastreifens geflohen, um dort Schutz vor dem Krieg zu suchen. Der norwegische Regierungschef Jonas Gahr StĂžre fordert die internationale Gemeinschaft auf, eine verstĂ€rkte humanitĂ€re Hilfe fĂŒr die Zivilbevölkerung im Gazastreifen zu einer PrioritĂ€t zu machen.

Es sei richtig gewesen, die Israelis in ihrem Recht auf Verteidigung zu unterstĂŒtzen, aber dann sei aus den Augen verloren, wie die Situation sich weiterentwickele, kritisierte der Norweger. Es mĂŒsse ein Gleichgewicht geben zwischen dem Recht auf Verteidigung und den Vorgaben des humanitĂ€ren Völkerrechts. Er sagte: «Und meiner Ansicht nach sind sie zu weit gegangen. Das ist nicht wirklich angemessen und ich denke, das ist ein riesiges Problem, das sich jetzt ergibt.»

Israels Armee weiter in Klinik in Chan Junis im Einsatz

Unterdessen nahm die israelische Armee bei einem Einsatz im Nasser-Krankenhaus in der Stadt Chan Junis im SĂŒden des Gazastreifens bisher rund 100 Menschen fest. Es handele sich um «Personen, die verdĂ€chtigt werden, an TerroraktivitĂ€ten beteiligt gewesen zu sein», teilte das MilitĂ€r mit.

Israelische Spezialeinheiten setzten nach Darstellung der Armee «ihren Einsatz gegen die Terrororganisation Hamas innerhalb des Nasser-Krankenhauses in Chan Junis fort». Dieser basiere auf Geheimdienstinformationen, denen zufolge Hamas von der Klinik aus agiert habe. Auch im Umkreis der Klinik seien Terroristen getötet worden.

@ dpa.de