Pager, Libanon

Hunderte Pager explodieren im Libanon - was steckt dahinter?

18.09.2024 - 13:56:23

Die Szenen erinnern an Science-Fiction: Plötzlich explodieren hunderte FunkempfÀnger gleichzeitig an mehreren Orten im Libanon. Tausende werden verletzt. Am nÀchsten Tag folgt eine zweite Welle.

Hunderte kleine sogenannte Pager explodieren gleichzeitig im Libanon. Knapp 2.800 Menschen werden verletzt. Unter den Verletzten sind viele Mitglieder der proiranischen Hisbollah, aber auch Zivilisten. Mindestens zwölf Menschen kommen ums Leben, auch zwei Kinder. Einigen Opfern mussten infolge schwerer Verletzungen Arme oder Finger entfernt werden. Die Schiitenorganisation macht Israel fĂŒr den mutmaßlich koordinierten Angriff verantwortlich. Einen Tag spĂ€ter folgt eine zweite Welle, wieder explodieren elektronische GerĂ€te, diesmal gibt es 20 Tote und mehr als 450 Verletzte. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wer ist die Hisbollah?

Die Schiitenorganisation Hisbollah entstand 1982 mit iranischer UnterstĂŒtzung als Antwort auf die israelische Invasion im BĂŒrgerkrieg im Libanon. Seitdem kĂ€mpft sie politisch, aber auch mit Gewalt gegen Israel. Die Hisbollah ist auch im libanesischen Parlament vertreten. Sie gilt heute als einflussreiche politische Kraft in einem Land mit einem generell schwachen und durchweg korrupten Staat. Sie ist auch sozialer Dienstleister, betreibt unter anderem eigene KrankenhĂ€user und Schulen. Ihre Macht stĂŒtzt sich unter anderem auf ihre eigene Miliz, mit der sie ganze Gebiete kontrolliert, darunter die Region an die Grenze zu Israel. 

Warum beschießt die Hisbollah Israel?

Das erklĂ€rte Ziel der Hisbollah ist der Widerstand gegen den Erzfeind Israel. Seit Beginn des Gaza-Kriegs vor bald einem Jahr handelt sie nach eigenen Angaben aus SolidaritĂ€t mit der islamistischen Hamas in dem umkĂ€mpften KĂŒstenstreifen. Beide gehören zu Irans sogenannter «Achse des Widerstands» - einer Allianz gegen den gemeinsamen Feind Israel. Die Hisbollah will - Ă€hnliche wie andere Milizen der Widerstandsachse - ihre Angriffe gegen Israel erst einstellen, wenn die «Aggressionen gegen Gaza und das palĂ€stinensische Volk» gestoppt werden. Israel greift im Gegenzug immer wieder Ziele im Libanon an. 

Israel will durch militĂ€rischen und diplomatischen Druck erreichen, dass sich die Hisbollah-Miliz wieder hinter den 30 Kilometer von der Grenze entfernten Litani-Fluss zurĂŒckzieht - so wie es die UN-Resolution 1701 vorsieht.

Was wissen wir ĂŒber die explodierten elektronischen GerĂ€te?

Die als Pager bekannten kleinen FunkempfĂ€nger trugen das Logo der Firma Apollo. Das in Taiwan ansĂ€ssige Unternehmen hat eine Verbindung zu dem Vorfall aber von sich gewiesen. Auf Nachfrage erklĂ€rte Gold Apollo, eine in Ungarn ansĂ€ssige Firma habe die GerĂ€te entworfen und gefertigt. Die bestreitet das. Sicherheitskreisen zufolge stammten viele der Pager aus einer Lieferung, die erst kĂŒrzlich im Libanon eintraf. Die «New York Times» berichtete unter Berufung auf Regierungsvertreter, israelische Agenten hĂ€tten die GerĂ€te vorher abgefangen und mit kleinen Mengen Sprengstoff samt einem Code versehen. Mit diesem Code seien die GerĂ€te dann zur Explosion gebracht worden.

Hisbollah-GeneralsekretĂ€r Hassan Nasrallah und seine AnhĂ€nger befĂŒrchten seit langem, ĂŒber den Einsatz von Smartphones vom israelischen MilitĂ€r oder Geheimdiensten geortet werden zu können und damit zum leichten Ziel zu werden. Zur Kommunikation nutzen sie schon seit Jahren die kleinen Pager, da sie schwieriger zu orten sind. Allerdings haben sie andere Schwachstellen. Am zweiten Tag soll es sich um klassische FunkgerĂ€te wie Walkie-Talkies gehandelt haben, hieß es aus Hisbollah-Kreisen. ZunĂ€chst war darĂŒber wenig bekannt. 

Wer steckt hinter den Explosionen?

Die Hisbollah und ihr wichtigster VerbĂŒndeter Iran wie auch die libanesische Regierung machen Israel fĂŒr den mutmaßlich koordinierten Angriff verantwortlich. Offiziell hat Israel sich bisher nicht geĂ€ußert. Ein technisch so anspruchsvoller Angriff trĂ€gt aber die Handschrift von Israels Geheimdiensten, die mehrfach Ă€hnlich komplexe Attacken durchfĂŒhrten, um hochrangige Feinde zu töten.

1996 wurde der Hamas-MilitĂ€rchef und Bombenbauer Jihia Ajasch durch Sprengstoff in seinem Mobiltelefon getötet, gezĂŒndet durch einen Anruf aus der Ferne. Israel sei damals – soweit bekannt – das erste Land gewesen, das ein KommunikationsgerĂ€t fĂŒr ein Attentat genutzt habe, schrieb der israelische Geheimdienstexperte Ronen Bergman. Auch bei der Tötung des Hisbollah-MilitĂ€rkommandeurs Fuad Schukr oder des Hamas-Auslandschefs Ismail Hanija in Teheran, die Israel zugeschrieben wurde, dĂŒrften Kommunikationsmittel entscheidend gewesen sein, um den Standort der Opfer zu bestimmen.

Wenn es Israel gewesen sein sollte: Was bezwecken sie?

Israels Armee und die Hisbollah liefern sich seit Beginn des Gaza-Kriegs immer wieder schweren Beschuss. Mit dieser Attacke, die Experten als beispiellos beschreiben, kann Israel erneut seine technische Überlegenheit gegenĂŒber der Hisbollah demonstrieren. Sollte die Miliz etwa mit großem Raketenbeschuss auf Israel antworten, wĂŒrde sie nur beweisen, dass sie selbst zu keiner solch anspruchsvollen Attacke fĂ€hig ist. Der frĂŒhere CIA-Offizier Robert Baer sagte CNN, der Angriff sei «verheerend fĂŒr die Hisbollah» und zeige gleichzeitig Israels außergewöhnliche technische und geheimdienstliche FĂ€higkeiten. 

Nach EinschÀtzung von Experten hat Israel hier offenbar versucht, möglichst viele Hisbollah-Mitglieder «punktuell» zu treffen, ohne dass Zivilisten zu Schaden kommen. Israel wirft der Organisation - Àhnlich wie der Hamas im Gazastreifen - immer wieder vor, sich hinter Zivilisten zu verstecken. Allerdings sind unter den Opfern nach libanesischen Angaben durchaus auch Zivilisten.

Wie reagiert die Hisbollah jetzt?

Experten schĂ€tzen den Angriff auf die KommunikationsgerĂ€te vieler Hisbollah-Mitglieder als herben Schlag fĂŒr die Miliz ein, die auch ihren Kampfgeist schwĂ€chen dĂŒrfte. Einige ihrer wichtigsten Kommunikationsmittel sind nun gestört oder nicht mehr brauchbar. Die Hisbollah hat Vergeltung fĂŒr die «sĂŒndige Aggression» Israels geschworen. GeneralsekretĂ€r Hassan Nasrallah kĂŒndigte fĂŒr Donnerstagnachmittag eine Rede an. 

Die Hisbollah befinde sich in einer vertrauten und zeitgleich herausfordernden Situation, schreibt die libanesische Nachrichtenseite «L'Orient Today». Sie sei unter Druck, auf diesen großen Angriff zu reagieren, Ă€hnlich wie es der Fall nach der Tötung des Hisbollah-Kommandeurs Fuad Schukrs in Beirut war. Eine gewaltsame militĂ€rische Vergeltung könnte Israel demnach den Vorwand liefern, einen umfassenden Krieg zu beginnen, den zumindest die Hisbollah eigentlich vermeiden will.

UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres ist allerdings einer anderen Auffassung: Er hĂ€lt es fĂŒr möglich, dass Israel jetzt selbst einen grĂ¶ĂŸeren Angriff startet und die Explosionen sozusagen dazu nur der Auftakt waren. «Die Logik hinter der Explosion all dieser GerĂ€te besteht natĂŒrlich darin, dies als PrĂ€ventivschlag vor einer grĂ¶ĂŸeren MilitĂ€roperation zu tun», sagte Guterres in New York. 

@ dpa.de