US-MilitÀrhilfe, Milliarden

US-MilitÀrhilfe: Was die Milliarden Kiew bringen

23.04.2024 - 10:13:37

Die von der Ukraine ersehnte und lange blockierte US-MilitĂ€rhilfe gegen Russlands Angriffskrieg ist nun zum Greifen nahe. Aber was bringt sie wirklich? Und wie antwortet Moskau darauf? Ein Überblick.

  • Eine ukrainische 152-mm-Panzerhaubitze Dana feuert auf russische Stellungen in der Region Donezk. - Foto: Roman Chop/AP/dpa

    Roman Chop/AP/dpa

  • US-PrĂ€sident Joe Biden (r) bei einem Treffen mit seinem ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj in Washington im September 2023. Die Ukraine ist angesichts der russischen Invasion auf Hilfen aus dem Westen, insbesondere den USA, angewiesen. - Foto: Evan Vucci/AP/dpa

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  • Ein Patriot-Flugabwehrraketensystem ist auf dem Flughafen Rzeszow-Jasionka in Polen zu sehen. Die Ukraine hofft auf zusĂ€tzliche Flugabwehrraketensysteme. - Foto: Evan Vucci/AP/dpa

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Eine ukrainische 152-mm-Panzerhaubitze Dana feuert auf russische Stellungen in der Region Donezk. - Foto: Roman Chop/AP/dpaUS-PrÀsident Joe Biden (r) bei einem Treffen mit seinem ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj in Washington im September 2023. Die Ukraine ist angesichts der russischen Invasion auf Hilfen aus dem Westen, insbesondere den USA, angewiesen. - Foto: Evan Vucci/AP/dpaEin Patriot-Flugabwehrraketensystem ist auf dem Flughafen Rzeszow-Jasionka in Polen zu sehen. Die Ukraine hofft auf zusÀtzliche Flugabwehrraketensysteme. - Foto: Evan Vucci/AP/dpa

Die lange Zeit blockierte neue US-MilitĂ€rhilfe fĂŒr den Abwehrkrieg der Ukraine gegen Russland soll nun bald ankommen. US-PrĂ€sident Joe Biden will das im US-ReprĂ€sentantenhaus schon bewilligte Paket ĂŒber 61 Milliarden US-Dollar (rund 57 Milliarden Euro) nach der absehbaren Zustimmung des US-Senats rasch absegnen. Bringt es eine neue Wende in dem Krieg? Die Fragen und Antworten im Überblick:

Was bringt der Ukraine diese lang ersehnte US-Hilfe?

Die Soldaten in der Ukraine erwarten nach Monaten rationierter Munition vor allem Artilleriegeschosse in einer GrĂ¶ĂŸe von 155-Millimetern. FĂŒr Angriffe in den von russischen Truppen besetzten Gebieten setzt Kiews MilitĂ€rfĂŒhrung zudem auf die weit reichenden ATACMS-Raketen. Der US-Senator Mark Warner sagte, dass diese schon kommende Woche in der Ukraine ankommen könnten. Er lobte auch die Erfolge der ukrainischen StreitkrĂ€fte bei der Vernichtung russischer Soldaten, Waffen und MilitĂ€rtechnik, «ohne den Verlust eines einzigen amerikanischen Soldaten».

Bisher hat Washington ATACMS mit einer Reichweite von 165 Kilometern geliefert. Die Ukraine wĂŒnscht sich aber welche, die Ziele in 300 Kilometern erreichen können. Entscheiden muss PrĂ€sident Biden. Pentagon-Sprecher Patrick Ryder sagte zudem, dass die USA auch die Entsendung von MilitĂ€rberatern nach Kiew in Betracht zögen.

Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj setzt vor allem auf mehr Flugabwehrsysteme und die dazugehörigen Raketen. Deutschland liefert zur Freude Kiews ein weiteres Flugabwehrsystem vom US-Typ Patriot. Die ukrainische FĂŒhrung will aber, dass per Monitoring ermittelt wird, wo noch solche Systeme stehen und an Kiew ĂŒbergeben werden können. Ziel Selenskyjs ist es, die Hoheit ĂŒber den Luftraum wiederzuerlangen. DafĂŒr erwartet das Land auch die in Aussicht gestellten Kampfjets vom US-Typ F16.

Ein Großteil der Gelder wird allerdings gar nicht fĂŒr den Bedarf der Ukraine selbst verwendet. Sie sind unter anderem fĂŒr das AuffĂŒllen der geleerten Arsenale der USA und ihrer VerbĂŒndeten vorgesehen. Trotz des neuen Pakets wird Kiew aber mit weniger als in den Vorjahren auskommen mĂŒssen. Und das in einer Situation, in der Kriegsgegner Russland seine eigene Produktion stĂ€ndig ausweitet und zudem auf die HerstellungskapazitĂ€ten im Iran und in Nordkorea zurĂŒckgreifen kann.

Wie schnell wird die Hilfe in der Ukraine ankommen?

Erwartet wird, dass die erste Munition schon in den nĂ€chsten Tagen geliefert werden kann, nachdem Biden das Gesetz unterzeichnet. Die Ukraine hat ihre Logistik nach EinschĂ€tzung von MilitĂ€rexperten verbessert, um die Waffen und Munition an die Frontabschnitte zu bringen. US-Beamte hatten zuletzt erklĂ€rt, dass Raketen und Artilleriegeschosse aus amerikanischen Lagern etwa in Europa ĂŒbergeben werden könnten. Trotzdem könnte es Wochen dauern, bis die Hilfe tatsĂ€chlich in der Ukraine spĂŒrbar wird.

Die Hilfe kommt trotzdem viel spĂ€ter als von Kiew erhofft - was bedeutet das fĂŒr den Krieg?

Die MilitĂ€rhilfe soll vor allem den russischen Vormarsch stoppen. Der ukrainische PrĂ€sident Selenskyj hat immer wieder erklĂ€rt, dass die westliche MilitĂ€rhilfe ĂŒberlebenswichtig sei fĂŒr das um seine UnabhĂ€ngigkeit kĂ€mpfende Land. Die neue Hilfe soll nicht nur die Lage stabilisieren im Land, sondern schĂŒrt die Hoffnung des Landes auf eine neue Offensive zur Befreiung ihrer von Russland besetzten Gebiete - und auf einen Sieg. Russland dĂŒrfte aber die aktuellen materiellen und personellen EinschrĂ€nkungen des ukrainischen MilitĂ€rs ausnutzen, bis die US-Hilfe tatsĂ€chlich eintreffe, hieß es in einer Analyse des US-Instituts fĂŒr Kriegsstudien (ISW) in Washington.

Wie ist die Lage an der Front?

Selenskyj spricht von einer schwierigen Lage, sie sei aber nicht so schlimm, dass sich das Land mit erhobenen HĂ€nden ergebe. Der Chef des ukrainischen MilitĂ€rgeheimdienstes HUR, Kyrylo Budanow, erwartet vor allem Mitte Mai, Anfang Juni Probleme an der Front, weil die Russen einen komplexen Ansatz wĂ€hlten. Die Situation sei aber «nicht katastrophal. Das Armageddon kommt nicht, wie vielleicht jetzt viele sagen», sagte er. Russland verkĂŒndet seit Monaten immer wieder GelĂ€ndegewinne, vor allem im Osten der Ukraine. Allerdings betonten die ISW-Experten in Washington, dass die Russen lediglich operative Erfolge verzeichneten - und keinen echten Durchbruch an der Frontlinie, der einem strategischen Erfolg gleichkĂ€me.

Um die Waffen zu bedienen, braucht es Soldaten - wie löst die Ukraine das personelle Problem?

Die Ukraine hat derzeit mehr als eine Million Frauen und MĂ€nner unter Waffen. Davon sind ĂŒber 800.000 direkt in der Armee, der Rest in Nationalgarde und Grenztruppen. Entlang der knapp 1000 Kilometer langen Frontlinie sollen dabei gut 300.000 Soldaten im direkten Fronteinsatz sein. FĂŒr den Ersatz von Verlusten an Toten und Verwundeten gehen SchĂ€tzungen davon aus, dass Kiew monatlich gut 20.000 neue Soldaten einziehen kann. Das kĂŒrzlich auf 25 Jahre herabgesetzte Mobilisierungsalter und ĂŒber ein neues Gesetz verschĂ€rfte Registrierungspflichten fĂŒr wehrpflichtige MĂ€nner sollen die Situation verbessern. Der Bedarf in diesem Jahr wird auf mehr als 300.000 Soldaten geschĂ€tzt.

Zugleich ist die Bereitschaft, in die Armee einzutreten, Ă€ußerst niedrig. Einer Umfrage zufolge können sich nur gut 20 Prozent der infrage kommenden 25- bis 59-JĂ€hrigen vorstellen, in der Armee zu kĂ€mpfen. TĂ€glich kursieren neue Videos in sozialen Netzwerken, die regelrechte Jagden auf Kriegsdienstpflichtige zeigen. Mehr als 700.000 wehrpflichtige Ukrainer sind zudem allein in der EU als FlĂŒchtlinge registriert. Sie dĂŒrften kaum vor Kriegsende in das Land zurĂŒckkehren.

Wie reagiert Russland auf die neuen Hilfen der USA und des Westens insgesamt?

Der Kreml betont, dass die US-Hilfe an der Lage im Krieg nichts Ă€ndern werde. Russland wirft den USA seit langem vor, Kriegspartei zu sein, einen Stellvertreterkrieg in der Ukraine zu fĂŒhren. Ziel Washingtons sei es, die Ukraine zu instrumentalisieren, um Russland zu zerstören. Kremlsprecher Peskow betont beinahe tĂ€glich, dass durch die Waffenlieferungen am Ende der Krieg in die LĂ€nge gezogen werde und immer mehr Ukrainer sterben - und das angegriffene Land dennoch Gebiete verliere. Russlands Staatsfernsehen zeigt in langen Reportagen aus RĂŒstungsbetrieben, wie Munition produziert wird und die Kriegswirtschaft auf Hochtouren lĂ€uft. PrĂ€sentiert werden etwa neuartige Roboter fĂŒr das Kampfgebiet oder Panzer mit neuen Abfangvorrichtungen, um sie vor Drohnenangriffen zu schĂŒtzen.

Was tun die EU-Staaten und die Nato, um die Ukraine zu unterstĂŒtzen und die US-Hilfe zu flankieren?

In Europa gibt es viele unterschiedliche Projekte, um der Ukraine dringende benötigte MilitĂ€rhilfen zur VerfĂŒgung zu stellen - einige der wichtigsten kamen zuletzt aber nur schleppend voran. So scheiterte die EU mit dem Plan, der Ukraine innerhalb eines Jahres eine Million Artilleriegeschosse zu liefern. Und auch eine Initiative der Bundesregierung zur Bereitstellung zusĂ€tzlicher Luftverteidigungssysteme brachte bis zu diesem Montag keine greifbaren Erfolge. Lediglich Deutschland selbst hat bisher eine feste Zusage fĂŒr ein zusĂ€tzliches Flugabwehrraketensystem Patriot gegeben. Eine tschechische Initiative zur Munitionsbeschaffung fĂŒr die Ukraine lĂ€uft etwas besser. Sie sammelte schon genĂŒgend Geld, um in Nicht-EU-Staaten 500.000 Schuss Artilleriemunition fĂŒr die Ukraine kaufen zu können. FĂŒr 300.000 weitere wurden zuletzt aber weiter Geldgeber gesucht.

Das MilitĂ€rhilfen-Engagement innerhalb der EU ist sehr unterschiedlich. WĂ€hrend nord- und osteuropĂ€ische LĂ€nder sowie auch Deutschland und die Niederlande vergleichsweise viel UnterstĂŒtzung leisten, sind andere wirtschaftsstarke Staaten wie Frankreich, Italien und Spanien sehr zurĂŒckhaltend. Auch deswegen hat zuletzt Nato-GeneralsekretĂ€r Jens Stoltenberg vorgeschlagen, der Ukraine fĂŒr die kommenden fĂŒnf Jahre militĂ€rische UnterstĂŒtzung im Wert von 100 Milliarden Euro zuzusagen. Daran mĂŒsste sich dann jeder Nato-Staat mit einem festgelegten Anteil beteiligen.

Wie lange wird der Krieg noch dauern - und gibt es auch Chancen fĂŒr Friedensverhandlungen?

Klar ist im Moment nur, dass ein Ende des Krieges nicht in Sicht ist. Er kann noch Jahre dauern. In Russland beteuern Kremlchef Wladimir Putin und der russische Außenminister Sergej Lawrow zwar immer wieder, dass Moskau zu Verhandlungen bereit sei. Sie verlangen aber, dass die Ukraine dafĂŒr neben dem Verzicht auf einen Nato-Beitritt auch Gebiete abtreten mĂŒsste. Das lehnt der ukrainische PrĂ€sident Selenskyj ebenso ab wie ein Einfrieren des Konflikts. Selenskyj hat einen eigenen Friedensplan vorgelegt, der als einen Kernpunkt festlegt, dass die russischen Truppen aus allen besetzten Gebieten abziehen. Russland lehnt das als «völlig realitĂ€tsfern» ab.

@ dpa.de