Gaza-Krieg: VerstöĂt Israel gegen das Völkerrecht?
06.12.2023 - 15:38:39Auf den ersten Blick scheint fĂŒr viele die Antwort einfach. Das Leid der Zivilisten im Gazastreifen ist so groĂ, dass Israel mit seinem Bombardement offenkundig gegen das humanitĂ€re Völkerrecht verstöĂt.
Auch die Vereinten Nationen (UN) sehen viele Anzeichen, dass ein solcher Vorwurf berechtigt ist. Völkerrechtlich unumstritten ist zugleich, dass Israel nach dem von der islamistischen Hamas organisierten blutigen TerrorĂŒberfall vom 7. Oktober ein Recht auf Selbstverteidigung hat. Ob dabei die Vorgaben des Völkerrechts eingehalten werden, hĂ€ngt von Informationen ab, die derzeit unabhĂ€ngig kaum zu bekommen sind.
Ist die Bombardierung des Gazastreifens mit Tausenden zivilen Opfern ein Verstoà gegen das humanitÀre Völkerrecht?
Die Antwort erfordert eine genaue Analyse. Aktuell erfolgt die Beurteilung der Lage vor allem nach Informationen durch die Kriegsparteien. GrundsĂ€tzlich schĂŒtzt das humanitĂ€re Völkerrecht Zivilisten und zivile Objekte. Beim militĂ€rischen Vorgehen mĂŒssen MilitĂ€rs unter anderem streng auf die VerhĂ€ltnismĂ€Ăigkeit der Mittel achten. Eine Formel, ab wann die VerhĂ€ltnismĂ€Ăigkeit zwischen Opfern unter Zivilisten und erreichtem militĂ€rischen Ziel verletzt wird, gibt es nicht. Der Versuch, die FĂŒhrungsriege der Hamas auszuschalten, rechtfertigt möglicherweise mehr zivile Opfer als ein Angriff auf einfache Soldaten.
Wie ist es bewerten, dass Israel nach eigenen Angaben durch Fluchtkorridore und Warnungen die Zahl der zivilen Opfer zu begrenzen versucht?
Es gibt völkerrechtlich eine Pflicht zur Warnung an Zivilisten, dass ein MilitĂ€rschlag droht. Das kann durch SMS oder FlugblĂ€tter oder andere Mittel geschehen. Sollten Zivilisten die Warnung und die Aufforderung, das Gebiet zu verlassen, nicht beachten, Ă€ndert das nicht ihren Status. Sie bleiben immer Zivilisten. Die EffektivitĂ€t von Warnungen und Fluchtangeboten und die Frage, ob sie den Anforderungen des humanitĂ€ren Völkerrechts genĂŒgen, ist derzeit Gegenstand von Kontroversen und Diskussionen unter Völkerrechtlern. Eine umfassende Beurteilung erfordert eine genaue Analyse der spezifischen UmstĂ€nde und des Verlaufs der MilitĂ€roperationen.
Wie ist der Einsatz menschlicher Schutzschilde zu bewerten?
Der Einsatz menschlicher Schutzschilde wird allgemein als schwerwiegender Verstoà gegen das humanitÀre Völkerrecht betrachtet. Die Verwendung von Zivilpersonen zum Schutz militÀrischer Ziele ist ein Kriegsverbrechen. Die Verurteilung des Einsatzes menschlicher Schutzschilde ist international weit verbreitet.
Gilt fĂŒr KrankenhĂ€user ein absoluter Schutz oder dĂŒrfen zivile Opfer in Kauf genommen werden, wenn sich dort militĂ€rische Gegner verschanzen?
Der Grundsatz des absoluten Schutzes von medizinischen Einrichtungen bedeutet, dass sie nicht angegriffen werden dĂŒrfen - es sei denn, sie werden fĂŒr feindliche Handlungen missbraucht. Ein Krankenhaus, aus dem KĂ€mpfer schieĂen oder Raketen abfeuern, kann zum militĂ€rischen Ziel werden. Wenn sich der Gegner im oder unter dem GebĂ€ude verschanze, dĂŒrfe es trotzdem nicht angegriffen werden, sagt die Grazer Völkerrechtlerin Yvonne Karimi-Schmidt. Der Schutz von Zivilisten und zivilen Einrichtungen habe Vorrang, und es werde erwartet, dass Konfliktparteien alles tun, um medizinische Einrichtungen und ihr Personal zu schĂŒtzen.
Wie ist aktuell die israelische Sicht?
Der frĂŒhere Generalstaatsanwalt Avichai Mandelblit verweist darauf, dass bei der Frage der VerhĂ€ltnismĂ€Ăigkeit von Angriffen jeder Angriff einzeln betrachtet werde, nicht die Zahl getöteter Zivilisten insgesamt. Er spricht von einem «asymmetrischen Krieg» mit der Hamas. Israel sei als demokratischer Staat den Regeln des Krieges verpflichtet, wĂ€hrend die Hamas gegen diese verstoĂe, etwa indem sie Zivilisten als Schutzschilde missbrauche oder Raketen auf israelische Bevölkerungszentren schieĂe. Bei Entscheidungen ĂŒber israelische Angriffe seien immer juristische Experten beteiligt, die Aussagen ĂŒber die VerhĂ€ltnismĂ€Ăigkeit treffen können. Die letzte Entscheidung treffe aber ein Kommandeur.
Wie sieht es mit der Lieferung von HilfsgĂŒtern aus?
Ob als Besatzungsmacht oder als Kriegspartei, muss Israel in jedem Fall die Lieferung von humanitĂ€ren HilfsgĂŒtern wie Nahrung, Wasser, Medikamente zulassen. Solche MaĂnahmen ersetzen jedoch nicht den grundlegenden Schutz und die Einhaltung der Menschenrechte. Die Zustimmung von Israel zur Lieferung von HilfsgĂŒtern sei ein positiver Schritt, um die humanitĂ€ren BedĂŒrfnisse der Bevölkerung im Gazastreifen zu erfĂŒllen, so Karimi-Schmidt.
Welche rechtlichen oder politischen Gefahren sieht Israel?
Mandelblit betont, das Töten von Zivilisten sei nicht in Israels Interesse, im Gegenteil, es spiele der Hamas in die HĂ€nde. Die Hamas ziehe daher einen Krieg in dicht besiedelten Wohngebieten einem Konflikt in offenem Gebiet vor. «Wenn man Zivilisten tötet, KrankenhĂ€user und Moscheen angreift, die einen besonderen Schutz genieĂen, muss man beweisen, dass sie militĂ€rische Ziele waren, wenn nicht, verliert man den Krieg, man verliert in den Medien und an der juristischen Front», sagt er. Wenn die LegitimitĂ€t des militĂ€rischen Vorgehens in Frage gestellt werde, «wird die Welt einen stoppen».







