Moldau, PrÀsidenten

Moldau hat ĂŒber PrĂ€sidenten und EU-Referendum abgestimmt

20.10.2024 - 20:11:53

Die zwischen der Ukraine und EU-Mitglied RumÀnien gelegene Ex-Sowjetrepublik Moldau hat richtungsweisende Entscheidungen getroffen. Stark bleibt der Einfluss prorussischer KrÀfte in dem Agrarstaat.

  • Der verarmte Agrarstaat ist traditionell hin- und hergerissen zwischen dem Westen und der EU. - Foto: Nicolae Dumitrache/AP

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  • Bei den PrĂ€sidentschaftswahlen in Moldau zeichnet sich eine höhere Wahlbeteiligung als vor vier Jahren ab. - Foto: Vadim Ghirda/AP

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  • Die Menschen in Moldau konnten nicht nur ĂŒber das PrĂ€sidentenamt abstimmen, sondern auch ĂŒber die Verankerung des EU-Kurses in der Verfassung. - Foto: Cristian Cristel/XinHua/dpa

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Der verarmte Agrarstaat ist traditionell hin- und hergerissen zwischen dem Westen und der EU. - Foto: Nicolae Dumitrache/APBei den PrĂ€sidentschaftswahlen in Moldau zeichnet sich eine höhere Wahlbeteiligung als vor vier Jahren ab. - Foto: Vadim Ghirda/APDie Menschen in Moldau konnten nicht nur ĂŒber das PrĂ€sidentenamt abstimmen, sondern auch ĂŒber die Verankerung des EU-Kurses in der Verfassung. - Foto: Cristian Cristel/XinHua/dpa

Die zwischen dem Westen und Russland hin- und hergerissene Republik Moldau hat bei einer PrĂ€sidentenwahl und einem EU-Referendum die Weichen fĂŒr ihre Zukunft gestellt. Nach einem ruhigen Verlauf und hoher Beteiligung schlossen die Wahllokale um 21.00 Uhr Ortszeit (20.00 Uhr MESZ). 

Nach Angaben der Wahlkommission in der Hauptstadt Chisinau begann die StimmenauszÀhlung in dem Land mit 2,5 Millionen Einwohnern, das wie die benachbarte Ukraine EU-Beitrittskandidat ist. Erste Ergebnisse werden am spÀten Abend erwartet. PrÀsidentin Maia Sandu hofft als Favoritin auf eine zweite Amtszeit Nachbarland von EU-Mitglied RumÀnien. Weil sie zehn Mitbewerber hat, gilt eine Stichwahl in zwei Wochen mit dem Zweitplatzierten als wahrscheinlich.

Moldau mĂŒsse seine Zukunft unter den Bedingungen von Frieden und Freiheit selbst bestimmen, sagte Sandu von der Partei Aktion und SolidaritĂ€t (PAS). «Ich habe gewĂ€hlt, weil die Moldauer ihr Schicksal selbst bestimmen sollten und nicht LĂŒgen und schmutziges Geld.» Die 52 Jahre alte Staatschefin lag in Umfragen vor der Wahl bei rund 36 Prozent Zustimmung. An zweiter Stelle folgte der frĂŒhere Generalstaatsanwalt Alexandru Stoianoglo als Kandidat der traditionell starken Sozialistischen Partei des prorussischen Ex-PrĂ€sidenten Igor Dodon. Beobachter rechneten rund zwei Drittel der Kandidaten dem von Russland unterstĂŒtzten Lager zu, das allerdings nicht geeint ist.

VorwĂŒrfe der Einflussnahme auf WĂ€hler

Moldauische Sicherheitsbehörden deckten vor den Abstimmungen FĂ€lle von prorussischer Desinformation und WĂ€hlerbestechung auf. Als wichtiger Akteur gilt der ins Ausland geflĂŒchtete moskautreue Oligarch Ilan Shor, der in seiner Heimat wegen GeldwĂ€sche und Betrug verurteilt wurde und gesucht wird.

Russland wiederum wirft der EU vor, mit Milliardenversprechen Einfluss auf die Abstimmung zu nehmen. EU-KommissionsprÀsidentin Ursula von der Leyen hatte bei einem Besuch in Chisinau und bei einem Treffen mit Sandu kurz vor der Abstimmung 1,8 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Finanziert werden sollen etwa ArbeitsplÀtze, Wachstum, Dienstleistungen und Infrastruktur.

PrĂ€sidentin Sandu hatte vor der Wahl angekĂŒndigt, ihren reformorientierten Kurs fortzusetzen. Die Menschen in Moldau waren auch zu einem Referendum aufgerufen, mit dem der EU-Kurs des Landes in der Verfassung als «unumkehrbar» verankert werden soll. Laut Volksabstimmung soll etwa dieser Satz kĂŒnftig in der Verfassung stehen: «Die Integration in die EuropĂ€ische Union wird als strategisches Ziel der Republik Moldau erklĂ€rt.» Umfragen zufolge ist eine stabile Mehrheit von 50 bis 60 Prozent der Moldauer fĂŒr einen EU-Kurs. 

Kritik am EU-Referendum

Auch am Wahlsonntag gab es teils scharfe Kritik daran, dass Sandu die PrĂ€sidentenwahl und das EU-Referendum verknĂŒpfte. Mehrere Politiker von Parteien aus dem russlandfreundlichen Lager boykottierten das EU-Referendum. Ex-PrĂ€sident Dodon von der Sozialistischen Partei sprach von einem «rechtswidrigen Prozess», weil es sich nicht um ein Referendum gehe, sondern um eine VerfassungsĂ€nderung.

«Die GesprĂ€che mit der EuropĂ€ischen Union sollen fortgesetzt werden, doch die Entscheidung ĂŒber eine Mitgliedschaft in der EU sollten erst nach dem Abschluss dieser Verhandlungen getroffen werden, wenn alle Bedingungen klar sind», unterstrich Dodon. Erst dann sei ein Referendum möglich.

Abstimmungen in Moskau und prorussischen Regionen

In der russischen Hauptstadt Moskau bildeten sich lange Schlangen vor der moldauischen Botschaft fĂŒr die Stimmabgabe. Zugleich gab es Beschwerden, dass die Zahl der Wahllokale in Russland gezielt klein gehalten werde und nicht genĂŒgend Stimmzettel vorhanden seien. Das Außenministerium in Chisinau bezeichnete die Schlangen laut Medien in Moldau als kĂŒnstliche Inszenierung.

Stark ist der russische Einfluss auch in der von Moldau abtrĂŒnnigen und von Moskau abhĂ€ngigen Region Transnistrien, die an die Ukraine grenzt, sowie in der moldauischen autonomen Provinz Gagausien, in der die regionale Regierungschefin Irina Vlah als Kandidatin «fĂŒr Frieden» antrat. 

Das Bewerberfeld dĂŒrfte auch deshalb so groß gewesen sein, weil viele Menschen mit Sandus Politik unzufrieden sind und seit ihrer Wahl 2020 zu wenig Fortschritte etwa im immer wieder angekĂŒndigten Kampf gegen Korruption in dem verarmten Agrarstaat sehen. Damals kam Sandu im ersten Wahlgang auf 36,2 Prozent und im zweiten Wahlgang auf 57,7 Prozent der Stimmen. Weil sie einen Verzicht auf russisches Gas durchsetzte, stiegen die Energiepreise, was viele Verbraucher Ă€rgert.

Um Reformen umzusetzen, ist Sandu auf eine Mehrheit im Parlament angewiesen, die sie derzeit hat. Der politische Machtkampf in Moldau wird nach EinschĂ€tzung von Beobachtern seinen Höhepunkt bei der Parlamentswahl im kommenden Sommer erreichen. «FĂŒr eine starke politikgestaltende Rolle als PrĂ€sidentin ist ein loyaler Premierminister und eine Mehrheit im Parlament notwendig», sagte die Moldau-Expertin Brigitta Triebel von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Chisinau der Deutschen Presse-Agentur. Sie erwartet nicht, dass Russland bei seinen Versuchen der Einflussnahme in dem Land nachlĂ€sst.

@ dpa.de