Pistorius: Weitreichende US-Waffen stÀrken Abschreckung
11.07.2024 - 23:33:50 | dpa.deKanzler, Vizekanzler und Verteidigungsminister der Ampel-Regierung sind sich einig: Eine Stationierung weitreichender US-Waffen in Deutschland ist ein wirksamer Beitrag zur Abschreckung einer russischen Aggression.Â
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sagte beim Nato-Gipfel in Washington dem ZDF-«heute journal»: «Wir haben eine neue Bedrohungslage. Wladimir Putin hat gezeigt, wozu er bereit und in der Lage ist.»
Den ARD-«Tagesthemen» sagte der Minister, von einem neuen WettrĂŒsten könne keine Rede sein. «Russland hat diese Waffensysteme schon seit lĂ€ngerem unter anderem - wie wir vermuten - in Kaliningrad stationiert, das heiĂt in absoluter Reichweite zu Deutschland und anderen europĂ€ischen Nationen.»
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und sein Vize Robert Habeck (GrĂŒne) sehen in der AufrĂŒstung ebenfalls eine Notwendigkeit. «Wir wissen, dass es eine unglaubliche AufrĂŒstung in Russland gegeben hat, mit Waffen, die europĂ€isches Territorium bedrohen», sagte Scholz beim Gipfel zum 75-jĂ€hrigen Bestehen der Nato.
Habeck sagte der Zeitung «Neue WestfĂ€lische» (Freitagsausgabe)., die russische AufrĂŒstung bedrohe «offensichtlich auch die Nato-Ostflanke». «Russland ist also kein Friedenspartner im Moment.»
Russland - und auch China - ĂŒben heftige Kritik an den PlĂ€nen und zeigen dabei Geschlossenheit. Russlands AuĂenministerium drohte eine militĂ€rische Antwort an. China wies den Vorwurf der Allianz zurĂŒck, den russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin im Angriffskrieg gegen die Ukraine zu unterstĂŒtzen. Die ErklĂ€rung des JubilĂ€umsgipfels der Nato zu China sei voll von Kriegsrhetorik, Verleumdung und Provokationen.Â
Scharfe Worte fand die FĂŒhrung in Moskau auch zu den politischen und militĂ€rischen BeschlĂŒssen der Regierungschefs des BĂŒndnisses zur Ukraine. Dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj wurde UnterstĂŒtzung zugesagt, die eines Tages in einem Nato-Beitritt mĂŒnden soll. Mit Blick auf China nahmen auch Vertreter aus Indopazifik-Staaten an den Beratungen teil.
Scholz: Entscheidung der USA passt in unsere Strategie
Scholz sagte, man habe lange beraten, wie man auf Russlands AufrĂŒstung neben dem nuklearen Schutzschirm der Nato mit konventioneller Abschreckung reagieren könne. Die Stationierung weitreichender Waffen sei bereits vor einem Jahr in der ersten Nationalen Sicherheitsstrategie der Bundesrepublik festgeschrieben worden. «Deshalb passt die Entscheidung der Vereinigten Staaten genau in diese Strategie, die wir öffentlich diskutieren seit langer Zeit.»
Die USA wollen erstmals seit dem Kalten Krieg wieder Waffensysteme in Deutschland stationieren, die bis nach Russland reichen. Das hatten das WeiĂe Haus und die Bundesregierung am Mittwoch verkĂŒndet.
Moskau ist etwa 1600 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt. Von 2026 an sollen Marschflugkörper vom Typ Tomahawk mit einer Reichweite von bis zu 2500 Kilometern, Flugabwehrraketen vom Typ SM-6 und neu entwickelte Ăberschallwaffen fĂŒr einen besseren Schutz der Nato-VerbĂŒndeten in Europa sorgen.Â
Die Entscheidung lĂ€sst Erinnerungen an den Kalten Krieg wach werden. Scholz hatte Anfang der 80er Jahre selbst als junger Sozialdemokrat gegen den Nato-Doppelbeschluss protestiert, der unter anderem die Stationierung von Mittelstrecken-Raketen vom Typ Pershing II vorsah, die nach dem Ende des Kalten Krieges bis 1991 wieder abgezogen wurden.Â
Viel Geld an die Ukraine - Weg zum Beitritt unumkehrbar
In der GipfelerklĂ€rung wird der Ukraine versprochen, dass sie auch innerhalb des nĂ€chsten Jahres wieder MilitĂ€rhilfen im Wert von mindestens 40 Milliarden Euro erhĂ€lt. Das ist in etwa der Betrag, der auch im vergangenen Jahr mobilisiert werden konnte. Beim Streitthema Nato-Beitrittsperspektive gibt es einen Kompromiss. Das BĂŒndnis sichert der Ukraine zu, dass sie auf ihrem Weg in das VerteidigungsbĂŒndnis nicht mehr aufgehalten werden kann.Â
Moskau: Nato-PlÀne «Kettenglied im Eskalationskurs»
Zu der geplanten Stationierung von Waffensysteme in Deutschland fand man in Moskau deutliche Worte. Die russische Sicherheit werde durch die US-Waffen beeintrĂ€chtigt, sagte VizeauĂenminister Sergej Rjabkow der staatlichen Nachrichtenagentur Tass zufolge. Es handle sich um «ein Kettenglied im Eskalationskurs» der Nato und der USA gegenĂŒber Russland.Â
«Wir sind auf dem besten Weg zu einem Kalten Krieg. Das alles gab es schon einmal», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow dem russischen Staatsfernsehen. Er warf Deutschland, den USA, Frankreich und GroĂbritannien vor, direkt in den Konflikt um die Ukraine verwickelt zu sein. «Und alle Merkmale des Kalten Krieges kehren zurĂŒck - mit Konfrontation, mit direkter Auseinandersetzung zwischen Gegnern.»
Russland ĂŒberarbeitet Atomdoktrin
Die Nato-BeschlĂŒsse zur Ukraine nannte der Kreml eine Bedrohung der eigenen Sicherheit. Die Entscheidung, die Ukraine frĂŒher oder spĂ€ter in die Allianz aufzunehmen, verdeutliche das Hauptziel des BĂŒndnisses, Russland kleinzuhalten, sagte Peskow. Er bestĂ€tigte, dass an VerĂ€nderungen der Atomdoktrin gearbeitet werde. Das bisherige Leitprinzip lautet, dass Russland Atomwaffen nur als Reaktion auf einen Atomangriff oder einer existenziellen Gefahr fĂŒr das Land bei einem konventionellen Angriff einsetzen darf.
US-Wahlkampf beim Gipfel: Wie schlÀgt sich am Ende Joe Biden?
US-PrĂ€sident Joe Biden stand beim Nato-Treffen unter stĂ€ndiger Beobachtung, nachdem er bei einem TV-Duell gegen Trump Ende Juni Zweifel an seiner geistigen und körperlichen Fitness gesĂ€t hatte. Die ersten beiden Tage kam Biden als Gastgeber nahezu pannenfrei durch. Die gröĂten Schnitzer leistet sich Biden aber ohnehin in der Regel nicht, wenn er Reden vom Teleprompter abliest. Schwierig wird es fĂŒr den 81-JĂ€hrigen, wenn er frei spricht. Daher steht die eigentliche BewĂ€hrungsprobe fĂŒr den US-PrĂ€sidenten auch noch aus: In der Nacht zum Freitag will er zum Ende des Nato-Gipfels eine Pressekonferenz geben.Â
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