Biden, Israel

Biden in Israel: Raketeneinschlag in Gaza ĂŒberschattet Trip

18.10.2023 - 05:03:59

Eigentlich wollte Biden mit den wichtigsten Akteuren eine weitere Eskalation im Nahen Osten verhindern. Ein verheerender Raketeneinschlag im Gazastreifen wirft alles durcheinander - und birgt große Gefahr.

Inmitten einer schweren Krise im Nahen Osten ist US-PrĂ€sident Joe Biden zu einem Kurzbesuch in Israel eingetroffen. Bidens Regierungsmaschine landete am Mittwochvormittag in Tel Aviv, wie auf dem Livestream des BĂŒros des israelischen MinisterprĂ€sidenten zu sehen war.

Der 80-JĂ€hrige will dort Beistand zeigen nach dem verheerenden Massaker in Israel durch Terroristen der Hamas vor einigen Tagen. Biden werde den Israelis aber auch «harte Fragen» stellen zu ihrem weiteren Vorgehen in dem Konflikt, wie ein Regierungsvertreter vorab ankĂŒndigte. Überschattet wird Bidens Reise von einem verheerenden Raketeneinschlag in einem Krankenhaus im Gazastreifen mit mutmaßlich Hunderten Toten und Verletzten.

Der Vorfall verschĂ€rft die Spannungen in der Region dramatisch, befeuert Sorgen vor einer Eskalation und Ausweitung des Konflikts - und stĂŒrzte auch Bidens ReiseplĂ€ne ins Chaos. Eine Weiterreise nach Jordanien musste der US-PrĂ€sident in letzter Minute absagen.

UrsprĂŒnglich hatte Biden von Israel nach Jordanien weiterfliegen wollen, um dort den palĂ€stinensischen PrĂ€sidenten Mahmud Abbas, Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sisi und dem jordanischen König Abdullah II. zu treffen. Nach dem Raketeneinschlag in dem Krankenhaus in Gaza wurde das Treffen jedoch kurzfristig gestrichen.

Die Attacke im Gazastreifen

Durch den Raketeneinschlag in dem Krankenhaus im Gazastreifen sollen gestern Hunderte Menschen getötet und verletzt worden sein. Die von der islamistischen Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde machte die israelische Armee dafĂŒr verantwortlich. Israels Armee dagegen gab einer militanten PalĂ€stinenserorganisation in Gaza die Schuld. Die genaue Zahl der Toten ist noch unklar. UnabhĂ€ngig sind die Informationen noch nicht zu ĂŒberprĂŒfen. In mehreren muslimisch geprĂ€gten LĂ€ndern kam es noch gestern Abend zu spontanen Protesten.

Der US-PrĂ€sident zeigte sich in einer schriftlichen Stellungnahme bestĂŒrzt. Er sei «empört und zutiefst betrĂŒbt» ĂŒber die Explosion in dem Krankenhaus und den schrecklichen Verlust von Menschenleben, der dadurch verursacht worden sei. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Vorfalls habe er mit Jordaniens König Abdullah II. und Israels Premier Benjamin Netanjahu gesprochen und sein Team angewiesen, weitere Informationen ĂŒber den genauen Hergang zu sammeln.

Die durchkreuzten PlÀne

Als Reaktion auf den Raketeneinschlag brach PalĂ€stinenserprĂ€sident Abbas einen Besuch in Jordanien, wo er Biden heute hĂ€tte treffen sollen, vorzeitig ab. Kurz darauf strich Jordanien das Treffen mit dem US-PrĂ€sidenten komplett. Kirby betonte, die Beteiligten hĂ€tten gemeinsam entschieden, das Treffen zu verschieben. Es sei verstĂ€ndlich, dass Abbas angesichts der Tragödie fĂŒr mehrtĂ€gige Trauer in die Heimat habe zurĂŒckreisen wollen. Biden werde auf seinem RĂŒckflug aus Israel mit Abbas und al-Sisi telefonieren.

Die USA wollen eine Ausweitung des Konflikts in der Region unbedingt verhindern, und Biden ist ein Verfechter persönlicher GesprĂ€che anstelle von Telefonaten und Video-Schalten. Umso wichtiger wĂ€ren deshalb die GesprĂ€che mit Abbas, al-Sisi und König Abdullah II. in Jordanien gewesen. Auf die Frage, warum Biden angesichts des Vorfalles in dem Krankenhaus nicht den gesamten Trip verschoben habe, sagte ein US-Regierungsvertreter, Biden habe wichtige Treffen in Tel Aviv vor sich. Auch wenn das Treffen in Jordanien nicht stattfinde, negiere das nicht die BeweggrĂŒnde fĂŒr die Reise nach Israel.

Der Balanceakt des PrÀsidenten

In Tel Aviv will Biden unter anderem zu GesprÀchen mit Israels MinisterprÀsident Benjamin Netanjahu und dem israelischen PrÀsidenten Izchak Herzog zusammenkommen. Der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrates der US-Regierung, John Kirby, sagte auf dem Flug nach Tel Aviv, Biden wolle auch israelische RettungskrÀfte treffen und mit Familien sprechen, die Angehörige verloren hÀtten oder deren Familienmitglieder von der Hamas verschleppt worden seien. Biden plane wÀhrend seines Besuches auch ein öffentliches Statement.

Biden hat dabei einen schwierigen Spagat zu bewĂ€ltigen: Einerseits will er nach der brutalen Attacke der Hamas UnterstĂŒtzung fĂŒr Israel ausdrĂŒcken. Andererseits will er der israelischen Seite aber auch keinen Blankoscheck ausstellen, brutal und ohne RĂŒcksicht auf Zivilisten zurĂŒckzuschlagen. Kirby gab einen Vorgeschmack auf den Balanceakt des US-PrĂ€sidenten: Biden wolle von den Israelis ein GefĂŒhl fĂŒr die Situation vor Ort bekommen, mehr ĂŒber ihre Ziele in den kommenden Tagen und Wochen hören, «und er wird ihnen einige harte Fragen stellen». Biden wolle hören, «wo sie glauben, dass sie sind, wo sie glauben, dass sie hinwollen». Er werde die Fragen «als wahrer Freund Israels» stellen.

Kirby betonte, Biden wolle nicht, dass sich der Konflikt ausweite oder vertiefe. Der PrĂ€sident werde auch die humanitĂ€re Situation im Gazastreifen ansprechen - und «sehr, sehr deutlich» die Forderung der USA bekrĂ€ftigen, dass humanitĂ€re Hilfe in das Gebiet kommen mĂŒsse, «und zwar nicht nur einmalig, sondern dauerhaft».

Die Rolle der USA

Die USA verstehen sich als Schutzmacht Israels. Jedes Jahr unterstĂŒtzen sie das Land mit Milliarden, von denen ein beachtlicher Teil in die Abwehr von Raketen und MilitĂ€rtechnik geht. Das Raketenabwehrsystem «Iron Dome», das seit 2011 eingesetzt wird, haben die USA mitentwickelt. Es zerstört unter anderem Kurzstreckenraketen in der Luft. Kirby sagte, bei einem Treffen mit dem israelischen Kriegskabinett in Tel Aviv werde es auch darum gehen, welche weitere UnterstĂŒtzung Israel brauche. Die US-Regierung betont Israels Recht auf Selbstverteidigung und befĂŒrwortet auch eine Zerschlagung der vom Westen als Terrororganisation eingestuften Hamas.

Zugleich mahnt die US-Regierung den Schutz der Zivilbevölkerung in Gaza an. Auf die Frage, ob sich Israel an Regeln des Kriegsrechts halte, sagte Kirby, angesichts der dynamischen Lage wĂ€re es nicht angemessen, auf einzelne Ereignisse und Berichte in die eine oder andere Richtung zu reagieren. Er betonte aber: «Wir werden weiter mit den Israelis ĂŒber die absolute Notwendigkeit sprechen, unschuldiges ziviles Leben zu schĂŒtzen und die Gesetze des Krieges einzuhalten.»

@ dpa.de