Gaza, Jordanien

Klinik in Gaza getroffen - Jordanien sagt Biden-Treffen ab

18.10.2023 - 00:01:15 | dpa.de

Ein Krankenhaus im Gazastreifen soll getroffen worden sein - es werden Hunderte Tote und Verletzte beklagt. Die islamistische Hamas und Israels Armee weisen die Verantwortung dem jeweils anderen zu.

  • PalĂ€stinenser, einige mit auslĂ€ndischen PĂ€ssen, warten am GrenzĂŒbergang Rafah auf Hilfe und eine mögliche Einreise nach Ägypten. - Foto: Mohammed Talatene/dpa
    PalĂ€stinenser, einige mit auslĂ€ndischen PĂ€ssen, warten am GrenzĂŒbergang Rafah auf Hilfe und eine mögliche Einreise nach Ägypten. - Foto: Mohammed Talatene/dpa
  • Israelische MilitĂ€rfahrzeuge bewegen sich im SĂŒden Israels auf die Grenze zum Gazastreifen zu. - Foto: Ohad Zwigenberg/AP/dpa
    Israelische MilitĂ€rfahrzeuge bewegen sich im SĂŒden Israels auf die Grenze zum Gazastreifen zu. - Foto: Ohad Zwigenberg/AP/dpa
  • PalĂ€stinensische Frauen gehen in Nuseirat im Gazastreifen an GebĂ€uden vorbei, die bei israelischen Luftangriffen zerstört wurden. - Foto: Hatem Moussa/AP/dpa
    PalÀstinensische Frauen gehen in Nuseirat im Gazastreifen an GebÀuden vorbei, die bei israelischen Luftangriffen zerstört wurden. - Foto: Hatem Moussa/AP/dpa
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Nach einem Raketeneinschlag in einem Krankenhaus im Gazastreifen mit mutmaßlich zahlreichen Opfern hat Jordanien ein fĂŒr den heutigen Mittwoch geplantes Treffen zwischen König Abdullah II. und US-PrĂ€sident Joe Biden abgesagt. Das Treffen, an dem auch Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sisi teilnehmen sollte, werde erst stattfinden, wenn es eine Einigung gebe, den Krieg zu beenden und «diese Massaker» zu stoppen, sagte Außenminister Aiman al-Safadi dem jordanischen TV-Sender Al-Mamlaka.

Die von der islamistischen Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde machte die israelische Armee fĂŒr den Raketeneinschlag verantwortlich. Die israelische Armee hingegen gab einer militanten PalĂ€stinenserorganisation im Gazastreifen die Schuld. Die genaue Zahl der Todesopfer war unklar. UnabhĂ€ngig waren diese Informationen nicht zu ĂŒberprĂŒfen.

Das der islamistischen Hamas unterstellte Gesundheitsministerium im Gazastreifen teilte mit, in der Klinik seien Tausende FlĂŒchtlinge aus dem Norden der KĂŒstenenklave untergebracht. Die Ereignisse lösten spontane Proteste in der arabischen Welt aus. Saudi-Arabien verurteilte das «abscheuliche Verbrechen» aufs SchĂ€rfste. Das Land machte Israel fĂŒr den Angriff verantwortlich, wie aus einer ErklĂ€rung des saudischen Außenministeriums hervorging. Riad verurteile die «anhaltenden Angriffe der israelischen Besatzung» auf Zivilisten.

Israels MilitÀr: «Haben Krankenhaus nicht getroffen»

Israels MilitĂ€r wies die Verantwortung fĂŒr den Raketeneinschlag klar zurĂŒck. «Das Krankenhaus wurde durch eine fehlgeschlagene Rakete der Terrororganisation Islamischer Dschihad getroffen», teilte die Armee in der Nacht mit.

Zuvor hatte es noch vom MilitĂ€r genießen, alles «deute darauf hin», dass die militante PalĂ€stinenserorganisation verantwortlich sei. Eine zusĂ€tzliche ÜberprĂŒfung der operativen und nachrichtendienstlichen Systeme habe nun ergeben, «das israelische MilitĂ€r hat das Krankenhaus in Gaza nicht getroffen». MilitĂ€rsprecher Daniel Hagari kĂŒndigte an, Beweise fĂŒr die Annahme öffentlich machen zu wollen.

Frankreich verurteilt «Angriff auf Krankenhaus»

Der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron verurteilte den Raketeneinschlag im Gazastreifen. «Nichts kann einen Angriff auf ein Krankenhaus rechtfertigen», schrieb er auf der Plattform X (frĂŒher Twitter). «Nichts kann es rechtfertigen, Zivilisten ins Visier zu nehmen.»

Die UmstĂ€nde mĂŒssten in vollem Umfang aufgeklĂ€rt werden. Seine Gedanken seien bei den Opfern. Konkrete Schuldzuweisungen sprach er nicht aus. In einem weiteren Tweet forderte er, der Zugang fĂŒr humanitĂ€re Hilfe fĂŒr die Menschen im Gazastreifen mĂŒsse unverzĂŒglich wieder geöffnet werden.

Sitzung des UN-Sicherheitsrats zu Gaza

Der Weltsicherheitsrat soll sich heute mit dem Raketeneinschlag beschĂ€ftigen. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Russland beantragten gestern eine Dringlichkeitssitzung des mĂ€chtigsten UN-Gremiums fĂŒr Mittwochvormittag New Yorker Zeit, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Diplomatenkreisen erfuhr.

Brasilien, das dem Gremium momentan vorsitzt, bestĂ€tigte zudem, dass der Rat in der Sitzung ab 10 Uhr New Yorker Zeit (16 Uhr MESZ) ĂŒber einen vorliegenden Entwurf fĂŒr eine Nahostresolution abstimmen soll. Der Text auf Initiative Brasiliens verlangt neben dem Zugang fĂŒr humanitĂ€re Hilfe im Gazastreifen unter anderem, dass Israel - ohne das Land direkt zu nennen - seine Aufforderung zur Evakuierung der Zivilbevölkerung aus dem nördlichen Teil der KĂŒstenregion rĂŒckgĂ€ngig macht. Alle Konfliktparteien mĂŒssten sich zudem an internationales Recht halten.

In Vorbereitung einer möglichen Bodenoffensive gegen die Hamas nach dem verheerenden Terrorangriff auf Israel hatte das MilitĂ€r die Bevölkerung im nördlichen Gazastreifen wiederholt aufgefordert, das Gebiet Richtung SĂŒden zu verlassen. Nach UN-Angaben sind bisher rund eine Million Menschen in den SĂŒden geflohen, die israelische Armee spricht von rund 600.000 Menschen.

Krisendiplomatie: Scholz und Biden in Israel

Die Diplomatie zur EindÀmmung des Konflikts lief auf Hochtouren. Als einer der ersten Regierungschefs nach den Attacken besuchte Kanzler Olaf Scholz am heutigen Dienstag Tel Aviv - noch vor US-PrÀsident Joe Biden, der am Mittwoch in Israel erwartet wird.

Scholz versicherte Israel die volle SolidaritĂ€t Deutschlands. ««Unsere aus dem Holocaust erwachsene Verantwortung macht es zu unserer Aufgabe, fĂŒr die Existenz und die Sicherheit des Staates Israel einzustehen», sagte der SPD-Politiker bei einem Treffen mit MinisterprĂ€sident Netanjahu in Tel Aviv. Dieser verglich die Morde der Hamas mit den Massakern der Nazis: «Die Hamas sind die neuen Nazis.» Der Besuch wurde zweimal von Raketenalarm unterbrochen. Der Kanzler musste jeweils fĂŒr mehrere Minuten in einen Schutzraum.

SpĂ€ter am Abend musste Scholz' Delegation vor dem Abflug von Tel Aviv nach Kairo wegen eines erneuten Raketenalarms schlagartig das Flugzeug verlassen. Scholz wurde mit einem Auto in ein GebĂ€ude gefahren, die anderen Passagiere wurden aufgefordert, sich auf dem Flugfeld auf den Boden zu legen. Es wurden zwei Flugabwehrraketen abgefeuert, die auf dem Flugfeld deutlich zu hören waren. Nach wenigen Minuten konnten die Passagiere wieder in das Flugzeug steigen, die Maschine konnte schließlich starten.

Scholz bemĂŒht sich um Freilassung der Geiseln

Terroristen im Auftrag der Hamas hatten am Samstag vor einer Woche ein Massaker an israelischen Zivilisten in Grenzorten und auf einem Musikfestival angerichtet. Es war das schlimmste Blutbad der israelischen Geschichte. Mehr als 1400 Menschen kamen dabei und bei weiterem Blutvergießen in den folgenden Tagen ums Leben. Militante PalĂ€stinenser verschleppten zudem mindestens 199 Menschen, darunter auch deutsche StaatsbĂŒrger. In Scholz' GesprĂ€chen in Israel ging es auch darum, wie die Geiseln befreit werden können - Ă€hnlich wie am Mittwoch bei der nĂ€chsten Station seiner Nahost-Reise in Ägypten.

WĂ€hrend zehn Tage nach Beginn des Krieges weiter Raketen vom Gazastreifen auf Israel flogen, setzte die israelische Luftwaffe ihre Angriffe auf Ziele in dem dicht besiedelten KĂŒstenstreifen fort. Nach UN-Angaben sind bisher rund eine Million Menschen in den SĂŒden geflohen, die israelische Armee spricht von rund 600 000 Menschen. In Vorbereitung weiterer militĂ€rischer Schritte gegen die Hamas hatte Israels MilitĂ€r die Bevölkerung im nördlichen Gazastreifen aufgefordert, das Gebiet Richtung SĂŒden zu verlassen.

Zahl der Toten steigt

Nach den Worten eines Armeesprechers erwÀgt Israel auch Alternativen zu einer allgemein erwarteten Bodenoffensive. Das Land bereite sich im Gazastreifen auf «die nÀchsten Stufen des Krieges» gegen die dort herrschende PalÀstinenserorganisation Hamas vor. «Alle sprechen von einer Bodenoffensive, aber es könnte etwas anderes sein.»

Die Zahl der Toten durch die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen bezifferte das palÀstinensische Gesundheitsministerium auf 3000. Die Zahlen vom spÀteren Raketeneinschlag im Krankenhaus waren darin noch nicht enthalten.

Israel: Wieder fĂŒhrendes Hamas-Mitglied getötet

Ein Armeesprecher erklĂ€rt, das israelische MilitĂ€r attackiere weiter die Infrastruktur der Hamas und suche nach den Verstecken ihrer FĂŒhrungsleute. So wurde bei einem Luftangriff der Chef des Schura-Rats der Hamas, Osama Mazini, getötet, wie das MilitĂ€r bekanntgab. Dieser sei fĂŒr die Gefangenen der Hamas verantwortlich gewesen und habe terroristische AktivitĂ€ten angeleitet.

TĂŒrkei als Vermittler bei Geisel-Verhandlungen

Die TĂŒrkei bemĂŒht sich weiter um die Freilassung der Geiseln. «Bislang haben wir aus verschiedenen LĂ€ndern insbesondere bezĂŒglich der Freilassung ihrer StaatsbĂŒrger Anfragen erhalten. Daraufhin haben wir insbesondere mit dem politischen FlĂŒgel der Hamas Verhandlungen begonnen», sagte der tĂŒrkische Außenminister Hakan Fidan nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu in Beirut.

Derweil hat Israel seine StaatsbĂŒrger aus Angst vor VergeltungsschlĂ€gen zum Verlassen der TĂŒrkei aufgefordert. Die Alarmstufe fĂŒr das Land sei auf die höchste Warnstufe (hohe Bedrohung) erhöht worden, teilte der Nationale Sicherheitsrat mit.

Hamas veröffentlicht Video mit Geisel

Die Hamas veröffentlichte erstmals ein Video mit einer mutmaßlichen Geisel. In einem am Montag verbreiteten Video sieht man, wie einer jungen Frau eine Wunde am Arm verbunden wird, anschließend spricht sie direkt in die Kamera. «Ich bin 21 Jahre alt und komme aus Schoham», sagt die Frau. Sie sei in Gaza und dort in einem Krankenhaus behandelt worden. Medienberichten zufolge soll es sich um eine Israelin handeln, die auch die französische Staatsangehörigkeit hat. Das israelische MilitĂ€r teilte mit, sie sei entfĂŒhrt worden. Die Armee stehe in Kontakt mit der Familie.

Auch UN-GeneralsekretÀr Guterres reist in Region

In die diplomatischen BemĂŒhungen schaltet sich auch UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres ein. In Kairo will sich der Portugiese laut UN-Angaben ab Donnerstag mit Staatschef Abdel Fattah al-Sisi treffen, um eine Öffnung des geschlossenen GrenzĂŒbergangs Rafah von der Ă€gyptischen Sinai-Halbinsel in den Gazastreifen zu erwirken. Rafah gilt als einziger Weg, dringend benötigte Hilfe in den von Israel abgeriegelten KĂŒstenstreifen zu bringen.

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