Fragen, Absturz

Viele offene Fragen nach Absturz von russischem Transporter

25.01.2024 - 12:45:24

Ein russisches MilitĂ€rflugzeug stĂŒrzt ab - angeblich mit Dutzenden ukrainischen Kriegsgefangenen an Bord. Russische Propaganda? Kiew hat keine Hinweise und will bei der AufklĂ€rung internationale Hilfe.

Die Ukraine verlangt nach dem Absturz eines russischen MilitÀrtransporters unter rÀtselhaften UmstÀnden eine internationale Untersuchung. Das sagte der ukrainische PrÀsident Wolodymyr Selenskyj in seiner Videoansprache vom Mittwochabend.

Auch der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez erhob am Donnerstag diese Forderung. Russland meldete seinerseits AufklÀrungsbedarf an, ohne auf die ukrainische Forderung einzugehen.

UnabhĂ€ngige Angaben, wen oder was die Maschine vom Typ Iljuschin Il-76 transportierte, gab es auch am Tag nach dem Absturz nicht. Doch nach Darstellung des russischen Verteidigungsministeriums saßen darin 65 ukrainische Kriegsgefangene, die angeblich zu einem geplanten Gefangenenaustausch geflogen wurden. Auch drei Mann Wachpersonal und sechs Mann Besatzung seien an Bord gewesen. Moskau wirft der Ukraine vor, die Maschine ĂŒber dem grenznahen russischen Gebiet Belgorod mit westlichen Flugabwehrraketen abgeschossen zu haben. Alle Menschen an Bord seien getötet worden. Der Vorfall ereignete sich am Mittwoch - 23 Monate nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine.

Ukraine hat keine Hinweise auf Gefangene in der Maschine

Lubinez sagte, die ukrainische Seite habe bisher keine Hinweise auf einen Transport von Kriegsgefangenen in der Maschine. «Wir haben keinerlei Anzeichen dessen gesehen, dass sich im Flugzeug eine große Anzahl von Menschen befand - ob nun BĂŒrger der Ukraine oder keine BĂŒrger der Ukraine», sagte er im Fernsehen.

«Es ist offensichtlich, dass die Russen mit dem Leben von ukrainischen Gefangenen, mit den GefĂŒhlen ihrer Angehörigen und mit den Emotionen unserer Gesellschaft spielen», sagte Selenskyj in seiner Ansprache. Er nennt die Heimholung Tausender Ukrainer aus russischer Gefangenschaft stets als vorrangiges Ziel.

Russland fordert seinerseits AufklÀrung

Auf russischer Seite wurden am Donnerstag die Namen der Besatzung auf der Iljuschin veröffentlicht. Die zwei Flugschreiber seien unversehrt gefunden worden und wĂŒrden zum Auslesen gebracht, meldete die Agentur Tass unter Berufung auf RettungskrĂ€fte. Demnach seien auch Raketenteile gefunden worden.

«Es ist noch nicht bis zum Ende geklĂ€rt, was passiert ist, gestern erst haben die Ermittler damit begonnen, die Überreste des Flugzeugs zu untersuchen», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Kremlchef Wladimir Putin sei vom MilitĂ€r informiert worden. Eine Reaktion werde es erst geben, wenn offene Fragen geklĂ€rt seien. Zu Selenskyjs Forderungen nach einer internationalen Untersuchung sagte Peskow: «Wenn er damit eine internationale Untersuchung zu den kriminellen Handlungen des Kiewer Regimes im Blick hat, dann ist das nötig.»

Der russische Dumaabgeordnete und Verteidigungspolitiker Andrej Kartapolow wies Kiewer Angaben zurĂŒck, wonach Russland nicht ĂŒber den Gefangenentransport mit dem Flugzeug informiert habe. «Die ukrainische Seite ist offiziell unterricht worden», sagte er. Kiews MilitĂ€rgeheimdienst habe die Flugabwehr aber nicht angewiesen, das Feuer einzustellen. ÜberprĂŒfbar waren diese Angaben nicht.

Kiew Ă€ußert sich nicht zu möglichem Abschuss

Nicht authentifizierte Bilder und Videos in sozialen Medien, die das Wrack zeigen sollen, könnten auf den Einschlag von Flugabwehrwaffen hinweisen. Sie liefern aber keine Hinweise, dass an der Absturzstelle viele Leichen lagen. Die Ukraine hat sich bisher nicht offiziell zu einem möglichen Abschuss geĂ€ußert. AnfĂ€ngliche Medienberichte darĂŒber wurden nach kurzer Zeit zurĂŒckgezogen. Nach unbestĂ€tigten ukrainischen MilitĂ€rangaben wurde in der Maschine Nachschub fĂŒr die russische Front vermutet. Der ukrainische Geheimdienst SBU nahm Ermittlungen wegen eines mutmaßlichen Kriegsverbrechens auf.

Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Lubinez betonte, gemĂ€ĂŸ der Genfer Konvention trage das Aufenthaltsland die gesamte Verantwortung fĂŒr Leben und Gesundheit der Kriegsgefangenen. «Das ist die Russische Föderation», unterstrich der Ombudsmann. Moskau sei vor dem Austausch verpflichtet gewesen, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz ĂŒber den Transportweg der Gefangenen zu informieren. Er warf Moskau eine gezielte und lang geplante Kampagne zur Verleumdung der Ukraine vor.

Vorfall wird fĂŒr Propaganda genutzt

Experten des US-Instituts fĂŒr Kriegsstudien (ISW) in Washington schrieben, dass weder die russischen noch die ukrainischen Angaben unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒft werden könnten. Nach ihrer EinschĂ€tzung instrumentalisiert aber die russische FĂŒhrung den Vorfall, um in der ukrainischen Gesellschaft Misstrauen zu sĂ€en gegen die Regierung in Kiew. Der Austausch von Kriegsgefangenen gelte fĂŒr Ukrainer und Russen gleichermaßen als sensibles Thema, das Emotionen auslöse. Zudem wollten russische FunktionĂ€re mit unbewiesenen Behauptungen, dass die Ukraine fĂŒr den mutmaßlichen Abschuss deutsche oder US-Raketen eingesetzt habe, die militĂ€rische UnterstĂŒtzung des Westens fĂŒr das Land schwĂ€chen.

@ dpa.de