Russland: Kriegsgegner Nadeschdin bei Wahl nicht zugelassen
08.02.2024 - 15:25:42In Russland wird der liberale Oppositionelle und Kriegsgegner Boris Nadeschdin nicht als Kandidat zur PrĂ€sidentenwahl im MĂ€rz zugelassen. Die Wahlkommission unter Leiterin Ella Pamfilowa begrĂŒndete die erwartete Ablehnung in Moskau mit einer Vielzahl an fehlerhaften UnterstĂŒtzerunterschriften.
Damit treten neben Kremlchef Wladimir Putin, der zum fĂŒnften Mal PrĂ€sident werden will, drei weitere Kandidaten an. Sie gelten als aussichtslose Bewerber, die Putin entweder direkt unterstĂŒtzen oder kein eigenes politisches Profil haben.
Nadeschdin galt als Hoffnung der Opposition
Der 60 Jahre alte Nadeschdin galt als Hoffnung der Opposition auf eine Alternative zu Putin. «Sie lehnen nicht mich ab, sondern Dutzende Millionen Menschen, die auf VerĂ€nderungen hoffen», sagte Nadeschdin nach der Entscheidung. Der Politiker will den Entschluss der Wahlkommission vor dem Obersten Gericht anfechten. «Ich bin nicht einverstanden mit der Entscheidung der Wahlleitung.» Die Unterschriften fĂŒr ihn seien offen und ehrlich gesammelt worden. «Von meinen Absichten lasse ich nicht ab.» Er rechne mit Stimmen im zweistelligen Prozentbereich bei der Wahl, sagte Nadeschdin.
UnterstĂŒtzer hatten fĂŒr Nadeschdin, der fĂŒr die Partei BĂŒrgerinitiative antreten wollte, im Januar in Schlangen bei winterlichem Wetter angestanden, um ihre Unterschriften fĂŒr ihn als Kandidat bei der Wahl vom 15. bis 17. MĂ€rz abzugeben. Die Menschen hĂ€tten damit der ganzen Welt gezeigt, dass sie ein friedliches und freies Russland wollten. «Ich habe meine Landsleute nie so inspiriert, freudig und frei erlebt wie in unseren Warteschlangen», sagte Nadeschdin.
Es gilt als sicher, dass der vom Kreml kontrollierte Oberste Gerichtshof die Entscheidung der Wahlkommission bestÀtigen wird. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte zum Entschluss der Wahlleitung, dass diese den Regeln entsprechend gefallen sei.
Offizielle ErklÀrung der Wahlkommission
Bei der Sammlung fĂŒr Nadeschdin kamen deutlich mehr als die geforderten 100.000 Unterschriften zusammen. Aus einer Stichprobe von 60.000 Unterschriften wurden laut Wahlkommission nun 9147 fĂŒr ungĂŒltig erklĂ€rt. Enthalten waren auch elf Namen von Verstorbenen, hieĂ es. Das waren rund 15 Prozent ungĂŒltige Unterschriften bei einem zulĂ€ssigen Maximalwert von 5 Prozent.
Nadeschdin war der einzige Bewerber, der offen gegen Putins Angriffskrieg in der Ukraine auftritt. FĂŒr diese Anti-Kriegs-Haltung erntete der Oppositionspolitiker zum Ărger des Kreml von vielen Landsleuten groĂen Zuspruch. Politische Beobachter hatten die Kandidatur Nadeschdins deshalb praktisch ausgeschlossen. Der russische Politologe Andrej Perzew sagte, dass der Politiker von vornherein keine Chance gehabt habe auf eine Zulassung als Kandidat. Der Kreml wolle fĂŒr Putin eine möglichst ruhige Wahl organisieren - ohne Störungen.
«Unangenehme Ăberraschung» fĂŒr den Kreml
Schon die vielen Unterschriften fĂŒr Nadeschdin seien fĂŒr den Kreml eine «unangenehme Ăberraschung» gewesen, schrieb Perzew in einer Analyse fĂŒr das unabhĂ€ngige russische Portal «Meduza». Der Kreml habe auch nicht zulassen wollen, dass der Oppositionelle auf dem zweiten Platz nach Putin lande und damit besser dastehe als die Bewerber der im Parlament vertretenen Parteien.
Auf dem Wahlzettel werden auĂer Putin noch der Kommunist Nikolai Charitonow; der Chef der ultranationalistischen Partei LDPR, Leonid Sluzki, und Wladislaw Dawankow, ein Vertreter der Duma-Partei Neue Leute, stehen. Mit Ausnahme Sluzkis hatten die Chefs der insgesamt fĂŒnf Parlamentsparteien auf eine Teilnahme an der Wahl verzichtet. Die Regierungspartei Geeintes Russland und die kremlnahe Partei Gerechtes Russland unterstĂŒtzen Putin direkt.
Opposition ruft zu Protestwahl auf
Die Opposition um den inhaftierten Kremlgegner Alexej Nawalny, die Nadeschdin unterstĂŒtzt hatte, rief zur Protestwahl gegen Putin auf. «Im MĂ€rz wird ein Zirkus geplant, der nichts mit einer Wahl gemein hat», sagte Nawalnys Vertrauter Leonid Wolkow im Exil im Baltikum. Ziel des Kreml sei es, Putin mit einem hohen Ergebnis einen «Festtag» zu bescheren. Der Kreml habe es einmal mehr geschafft, die Menschen zu enttĂ€uschen und ein GefĂŒhl der Machtlosigkeit zu erzeugen.
Wolkow und auch der im Exil lebende Kremlgegner Michail Chodorkowski riefen die Menschen auf, um 12.00 Uhr am 17. MĂ€rz zu den Wahllokalen zu gehen und damit zu zeigen, dass sie gegen Putin seien. Chodorkowski meinte, dass sie als Zeichen ihrer Ablehnung von Putins Krieg gegen die Ukraine in blau-weiĂer Kleidung erscheinen sollten.
Amtsinhaber Putin hatte 2020 extra die russische Verfassung Ă€ndern lassen, um erneut als Kandidat antreten zu können. Seine Wiederwahl gilt als sicher. Nach sechs Jahren im Amt darf er laut aktuell gĂŒltiger Verfassung 2030 ein letztes Mal kandidieren.


