Erdogan gewinnt PrĂ€sidentschaftswahl in TĂŒrkei
28.05.2023 - 22:30:06Der tĂŒrkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan hat sich noch vor AuszĂ€hlung aller Stimmen zum Sieger der PrĂ€sidentenwahl erklĂ€rt. Er danke allen, die es ihm ermöglicht hĂ€tten, die nĂ€chsten fĂŒnf Jahre zu regieren, sagte Erdogan am Sonntag vor jubelnden AnhĂ€ngern in Istanbul.
Erdogan habe bislang rund 53,41 Prozent der Stimmen erhalten, sagte der Chef der Wahlbehörde Ahmet Yener am Sonntag in Ankara. Sein Herausforderer Kemal Kilicdaroglu komme auf 46,59 Prozent der Stimmen. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur kam der tĂŒrkische PrĂ€sident nach AuszĂ€hlung von knapp 99 Prozent der Stimmen auf 52 Prozent, sein Herausforderer Kemal Kilicdaroglu auf 48 Prozent. Die oppositionsnahe Agentur Anka verzeichnete fast gleiche Werte.
Erdogan fĂŒhrt die TĂŒrkei seit 20 Jahren. Am Sonntagabend erklĂ€rte er, er werde «bis ans Grab» bei seinen AnhĂ€ngern bleiben. Seit EinfĂŒhrung eines PrĂ€sidialsystems 2018 hat er so viel Macht wie nie zuvor. BefĂŒrchtet wird deshalb, dass er nun noch autoritĂ€rer regiert. International bedeutet eine Wiederwahl Erdogans weitere fĂŒnf Jahre mit einem eigenwilligen Partner.
Sieg in der zweiten Runde
Erdogan ging als Favorit in die zweite Runde, nachdem er vor zwei Wochen die absolute Mehrheit knapp verpasst hatte. Die Wahl galt dennoch als der hĂ€rteste Test in Erdogans politischer Karriere bisher. Das Land steckt in einer Wirtschaftskrise, die WĂ€hrung hat massive Verluste verzeichnet, die Inflation im Land liegt bei rund 44 Prozent. Der SĂŒdosten des Landes kĂ€mpft zudem mit den verheerenden Folgen der Erdbeben im Februar.
Dass eine Mehrheit der Krise zum Trotz fĂŒr Erdogan stimmte, liegt Beobachtern zufolge auch an der Kontrolle der Regierung ĂŒber die Medien. In einem Interview kurz vor der Wahl etwa erklĂ€rte Erdogan, wirtschaftliche Probleme seien eine MĂ€r der Opposition. Diese Aussage wurde nicht hinterfragt. Den Herausforderer Kilicdaroglu versuchte er mit dem Vorwurf der Verbindungen zu Terroristen auszustechen. Die Wahl fand unter groĂer Anspannung im Land statt. WĂ€hrend der Abstimmung selbst wurde immer wieder von Angriffen auf Wahlbeobachter berichtet.
Auch Wahlgeschenke in den Wochen vor der Wahl dĂŒrften einen Einfluss gehabt haben. «Die Regierung hat Geld ausgegeben als gĂ€be es kein Morgen. Den Leuten geht es dadurch deutlich besser als noch im letzten Jahr», sagte der politische Analyst Salim Cevik der Deutschen Presse-Agentur.
Weitere Repressalien befĂŒrchtet
Im Wahlkampf ging Erdogan die Opposition sowie lesbische, schwule und queere Menschen scharf an. Bei seiner ersten Rede nach der Wahl war auch das eines seiner ersten Themen. Damit dĂŒrfte er den Ton fĂŒr seine erneute Amtszeit setzen.
Den Sieg hat er auch neuen islamistischen Partnern zu verdanken. Die islamischen Hardliner-Parteien werden die kĂŒnftige Agenda mitprĂ€gen. BefĂŒrchtet wird, dass sie einen weiteren RĂŒckschritt fĂŒr die Frauen im Land anstoĂen könnten.
Erdogan regiert ohnehin mit harter Hand. Die Justiz gilt als stark politisiert, etliche Regierungskritiker sitzen im GefĂ€ngnis. Beobachter erwarten, dass Erdogan seinen autoritĂ€ren Kurs fortsetzen wird. In der ersten Wahlrunde hatte Erdogans BĂŒndnis bereits die Mehrheit im Parlament gewonnen. Die Opposition wird ihm auch dort nicht gefĂ€hrlich werden können.
Internationale Bedeutung der Wiederwahl
Die TĂŒrkei ist Nato-Mitglied, pflegt enge Beziehungen zu Russland ebenso zur Ukraine, ist Akteurin im syrischen BĂŒrgerkrieg und in vielerlei Hinsicht mit der EU verbunden - kurzum: Wer die TĂŒrkei regiert, mischt unmittelbar in der Weltpolitik mit.
Erdogan gilt als schwieriger und unzuverlĂ€ssiger Partner, der hĂ€ufig opportunistisch agiert. Die Beziehungen zu den USA sind seit Jahren von Konflikten geprĂ€gt, den Wahlkampf hat Erdogan mit anti-westlichen Parolen gefĂŒhrt. Die Beziehungen zur EU sind unter anderem wegen zahlreicher Menschenrechtsverletzungen und Spannungen beim Thema Migration belastet. Eine neue PrĂ€sidentschaft Erdogans verspricht keine Kehrtwende.
Niederlage Opposition
Cevik gibt auch der Opposition selbst schuld an ihrer Niederlage: Kilicdaroglu sei nicht frĂŒh genug aufgestellt worden. Er hĂ€tte auch nicht ausreichend die Propaganda der Regierung entgegengehalten
Der Herausforderer galt vor der ersten Abstimmung am 14. Mai noch als Favorit. Er war Kandidat einer historisch einmaligen Parteien-Allianz und sicherte sich die UnterstĂŒtzung der prokurdischen HDP. Kilicdaroglu versprach eine Demokratisierung des Landes. Nach der Niederlage in der ersten Runde buhlte er mit deutlich verschĂ€rfter FlĂŒchtlingsrhetorik um Stimmen aus dem ultranationalistischen Lager. Den Abstand zu Erdogan, der mit der UnterstĂŒtzung des Drittplatzierten RechtsauĂenkandidaten Sinan Ogan antrat, konnte er nur gering verringern.
Versprechen an die WĂ€hler und Herausforderungen
Erdogan will auch weiter nicht von der umstrittenen Niedrigzinspolitik abkehren, die laut Experten mitverantwortlich fĂŒr die WĂ€hrungskrise ist. Die Inflation will er auf eine einstellige Zahl reduzieren. Zudem verspricht er GroĂinvestitionen in RĂŒstungs- und Infrastrukturprojekte.
Zentrales Thema im Wahlkampf war auch die FlĂŒchtlingspolitik. Erdogans AKP hat ihre Rhetorik unter dem Druck einer zunehmend feindlichen Stimmung im Land verschĂ€rft, verspricht RĂŒckfĂŒhrungen und will dazu in Verhandlungen mit dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad treten. Den Menschen im Erdbebengebiet verspricht er, innerhalb eines Jahres neue HĂ€user fĂŒr sie gebaut zu haben.









