Seniler, Senior

Seniler Senior? Bidens Wahlkampf-Desaster und ein Wutanfall

09.02.2024 - 04:47:36

Es gibt große Zweifel an der mentalen Fitness des US-PrĂ€sidenten. Ein Sonderermittler gibt ihm nun offiziell den Stempel eines senilen Greises. Mit seiner Reaktion tut sich Biden keinen Gefallen.

Joe Biden ist empört. «Ich weiß, was zum Teufel ich tue. Ich bin PrĂ€sident und ich habe dieses Land wieder auf die Beine gebracht», sagt der 81-JĂ€hrige sichtlich aufgebracht an einem Pult im Weißen Haus.

Extrem kurzfristig hat der Demokrat ein Statement in der Regierungszentrale anberaumt, um sich seine Wut von der Seele zu reden. Ja, er sei ein Ă€lterer Mann, aber sein GedĂ€chtnis sei völlig in Ordnung, wettert er da. Bidens Versuch, die Öffentlichkeit von seiner Eignung fĂŒr das höchste Amt im Staat zu ĂŒberzeugen, endet in einem turbulenten Schlagabtausch mit Journalisten - und mit einem weiteren Beleg, dass der Ă€lteste US-PrĂ€sident aller Zeiten tatsĂ€chlich vieles durcheinanderbringt.

300 Seiten ĂŒber den Zustand des US-PrĂ€sidenten

Was hat seine wĂŒtende Reaktion ausgelöst? Der brisante Abschlussbericht des Sonderermittlers Robert Hur zur Dokumenten-AffĂ€re, die Biden vor etwa einem Jahr in ErklĂ€rungsnot brachte.

In dem Bericht steckt eigentlich eine positive Nachricht fĂŒr Biden: Die Tatsache, dass er Jahre nach seinem Abschied aus dem US-VizeprĂ€sidentenamt vertrauliche Regierungsunterlagen privat aufbewahrte, hat fĂŒr den jetzigen PrĂ€sidenten kein juristisches Nachspiel. Das stellt Hur schon im ersten Satz seines Abschlussberichts klar.

Doch was auf den mehr als 300 Seiten danach folgt, ist vernichtend: Der mĂ€chtigste Mann der Welt wird darin in aller AusfĂŒhrlichkeit dargestellt als tattriger Greis, als «wohlmeinender Ă€lterer Mann mit einem schlechten GedĂ€chtnis», dem man schwerlich böse Absicht nachweisen könne. Mitten im Wahlkampf fĂŒr eine zweite Amtszeit ist das fĂŒr Biden politisch verheerend.  

Zweifel auch in den eigenen Reihen

Der Demokrat will bei der PrĂ€sidentenwahl im November erneut antreten, und sein Alter ist ohnehin das grĂ¶ĂŸte Problem seiner Wiederwahlkampagne. Selbst in seiner eigenen Partei stellen sich einige die Frage, ob Biden in seinem Alter die richtige Wahl fĂŒr einen der hĂ€rtesten Jobs der Welt ist.

Die Republikaner wiederum nutzen Bidens stĂ€ndige Patzer schon jetzt fĂŒr stetige politische Angriffe gegen ihn. Alle paar Tage liefert Biden neues Futter. Allein innerhalb einer Woche verwechselte Biden zuletzt Frankreichs PrĂ€sidenten Emmanuel Macron mit einem von dessen VorgĂ€ngern, François Mitterrand - und kurz darauf die frĂŒhere Kanzlerin Angela Merkel mit dem verstorbenen Ex-Regierungschef Helmut Kohl.

Das bittere Urteil

Und nun das: Ein Sonderermittler des Justizministeriums kommt nach einer 15-monatigen Untersuchung mit 173 Befragungen von 147 Zeugen und der Sichtung von Millionen Dokumenten zu dem hochoffiziellen Schluss, dass es um die mentale Fitness des US-PrÀsidenten schlecht bestellt ist.

Biden selbst stand den Ermittlern an zwei Tagen im vergangenen Oktober fĂŒnf Stunden lang Rede und Antwort. Ausgewertet wurden auch lange Mitschnitte von Unterhaltungen Bidens mit seinem Ghostwriter fĂŒr ein 2017 erschienenes Buch. Das Material hinterließ bei den Ermittlern ein desaströses Bild. 

In dem Bericht von Sonderermittler Hur heißt es, Bidens GedĂ€chtnis habe «erhebliche EinschrĂ€nkungen» offenbart und sei teils «verschwommen» gewesen. Die GesprĂ€che seien «oft quĂ€lend langsam» verlaufen. Biden habe MĂŒhe gehabt, sich an Ereignisse zu erinnern und mitunter sogar, eigene Notizen zu lesen und wiederzugeben.

«Er wusste nicht mehr, wann er VizeprĂ€sident war, vergaß am ersten Tag des GesprĂ€chs, wann seine Amtszeit endete und vergaß am zweiten Tag des GesprĂ€chs, wann seine Amtszeit begann.» Der PrĂ€sident habe sich auch nicht mehr erinnern können, wann sein Sohn Beau gestorben sei.

DarĂŒber echauffiert sich Biden bei seinem Auftritt ganz besonders. «Wie zur Hölle kann er es wagen, das aufzubringen», schimpft er ĂŒber den Sonderermittler. Der Tod seines Sohnes ist eine der offenen Wunden in Bidens Leben. Auch sonst weist er mehrere Anschuldigungen aus dem Bericht zurĂŒck - und all die Zweifel an seiner geistigen Verfassung. 

Die AffÀre

Doch worum ging es bei dem Bericht eigentlich? Vor etwa einem Jahr waren in mehreren Tranchen vertrauliche Dokumente aus Bidens VizeprÀsidenten-Zeit in PrivatrÀumen des Demokraten aufgetaucht - unter anderem in der Garage seines Hauses in Wilmington.

ZunĂ€chst waren Mitarbeiter in privaten BĂŒrorĂ€umen auf Dokumente gestoßen, spĂ€ter wurden Ermittler eingeschaltet, die bei Durchsuchungen RĂ€ume und HĂ€user an verschiedenen Orten durchkĂ€mmten. Justizminister Merrick Garland setzte schließlich den Sonderermittler ein, um die heiklen Anschuldigungen gegen seinen eigenen Chef untersuchen zu lassen.

Garland wĂ€hlte dabei - womöglich als Versuch, grĂ¶ĂŸtmögliche UnabhĂ€ngigkeit zu zeigen - als Sonderermittler einen frĂŒheren Staatsanwalt, der fĂŒr diese Position vom damaligen PrĂ€sidenten Donald Trump nominiert worden war. Und der lieferte nun einen Bericht ab, der sich in Teilen eher wie die Auswertung eines geistigen Kompetenztests liest. 

Der brisante Bericht

Sonderermittler Hur kommt darin zu dem Schluss, dass in der Dokumenten-AffĂ€re keine Anklage gegen Biden gerechtfertigt sei. Der Demokrat habe zwar als Privatperson «absichtlich geheime Materialien aufbewahrt» und mitunter auch mit seinem Ghostwriter geteilt. Dass dies dennoch keine juristischen Konsequenzen haben wird, begrĂŒndet Hur unter anderem mit Bidens geistigem Zustand.

«Wir haben auch bedacht, dass sich Herr Biden vor Gericht wahrscheinlich als sympathischer, wohlmeinender, Ă€lterer Mann mit schlechtem GedĂ€chtnis darstellen wĂŒrde, wie er es auch wĂ€hrend unserer Befragung tat.» Es wĂ€re wohl schwierig, Geschworene davon zu ĂŒberzeugen, dass sie Biden nach seiner Amtszeit - «einen dann ehemaligen PrĂ€sidenten weit ĂŒber 80» - einer Straftat fĂŒr schuldig befinden sollten, die «einen geistigen Zustand der VorsĂ€tzlichkeit» erfordere. Das sitzt.  

Ermittler fanden in Bidens Haus in Wilmington unter anderem als vertraulich eingestufte Dokumente zu Afghanistan - in einem ramponierten Papp-Karton, umgeben von allerlei HaushaltsgegenstĂ€nden, etwa einer Leiter, Blumentöpfen, Deko-Material. Fotos von diesem Fund und diversen anderen sind in dem Bericht enthalten. Das Weiße Haus hatte vorab die Möglichkeit, SchwĂ€rzungen des Berichtes zu verlangen, machte davon aber keinen Gebrauch. 

Die Munition fĂŒr Trump

Die Angelegenheit ist fĂŒr ihn auch deshalb politisch heikel, weil sein voraussichtlicher Herausforderer bei der PrĂ€sidentenwahl, sein republikanischer AmtsvorgĂ€nger Trump, wegen Ă€hnlicher VorwĂŒrfe ins Visier von Ermittlern geriet - und nicht ohne eine Anklage davon kam. Trumps Fall hat freilich ein ganz anderes Ausmaß:

Er lagerte nach seinem Abschied aus dem Weißen Haus in deutlich grĂ¶ĂŸerem Umfang Regierungsunterlagen in einem privaten Anwesen - darunter Dokumente mit höchster Geheimhaltungsstufe, etwa zu den nuklearen FĂ€higkeiten der USA. Vorgeworfen wird Trump außerdem, er habe die Ermittlungen bewusst behindert und mithilfe von Mitarbeiten versucht, Material verschwinden zu lassen. Er muss sich dafĂŒr ab Ende Mai vor Gericht verantworten.    

Trump wettert nun - erwartbar und wie schon zuvor - ĂŒber ein angebliches Zwei-Klassen-System in der US-Justiz. Bidens Fall sei schlimmer als seiner, und trotzdem werde der PrĂ€sident verschont. Diese Botschaft dĂŒrfte Trump weiter durch das Wahljahr tragen - und all die EinschĂ€tzungen zu Bidens geistiger Fitness fĂŒr seine Zwecke ausschlachten. Dabei bringt Trump selbst stĂ€ndig Namen durcheinander. 

Der nÀchste Fehler

Biden betont mehrfach, sein Fall sei in keiner Weise mit dem von Trump vergleichbar. Er habe umfassend kooperiert bei den Ermittlungen, anders als Trump. In seinem Fall gebe es auch keine Anklage.

Und dann passiert, was nicht hĂ€tte passieren dĂŒrfen: Biden ist eigentlich schon dabei, nach seinem Wut-Auftritt den Raum zu verlassen, da stoppt er - und kehrt zurĂŒck ans Pult, um noch eine Frage zum Konflikt im Nahen Osten zu beantworten. In seiner Replik macht er den Ă€gyptischen PrĂ€sidenten Abdel Fattah al-Sisi: zum Staatschef von Mexiko.

@ dpa.de