UN-Organisationen, Kinder

UN-Organisationen: Kinder verhungern im Gazastreifen

04.03.2024 - 18:25:19 | dpa.de

Etwa ein Viertel der Bevölkerung im Gazastreifen steht laut UN-Organisationen kurz vor einer Hungersnot. WĂ€hrenddessen verhandeln Israel und die Hamas weiter ĂŒber einen Geisel-Deal. Der Überblick.

  • US-VizeprĂ€sidentin Harris bezeichnet die Bedingungen fĂŒr die Menschen im Gazastreifen als unmenschlich und spricht von einer humanitĂ€ren Katastrophe. - Foto: Hatem Ali/AP
    US-VizeprĂ€sidentin Harris bezeichnet die Bedingungen fĂŒr die Menschen im Gazastreifen als unmenschlich und spricht von einer humanitĂ€ren Katastrophe. - Foto: Hatem Ali/AP
  • PalĂ€stinenser stehen wĂ€hrend der israelischen Luft- und Bodenoffensive fĂŒr die kostenlose Verteilung von Lebensmitteln an. - Foto: Hatem Ali/AP/dpa
    PalĂ€stinenser stehen wĂ€hrend der israelischen Luft- und Bodenoffensive fĂŒr die kostenlose Verteilung von Lebensmitteln an. - Foto: Hatem Ali/AP/dpa
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Nach monatelangem Krieg und blockierter humanitĂ€rer Hilfe verhungern UN-Angaben zufolge im Gazastreifen Kinder. WĂ€hrend eines Besuchs im weitgehend von Hilfe abgeschnittenen Norden der Region hĂ€tten UN-Mitarbeiter Erkenntnisse zu schwerer UnterernĂ€hrung und zu verhungernden Kindern gesammelt, teilte der Chef der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Ghebreyesus, auf der Plattform X (frĂŒher Twitter) mit.

Das UN-NothilfebĂŒro Ocha berichtete derweil unter Berufung auf die örtliche von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde, dass bis Sonntag 15 Kinder an UnterernĂ€hrung gestorben seien. UnabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen ließen sich diese Angaben zunĂ€chst nicht.

Der palÀstinensische UN-Botschafter Riad Mansur hielt in einer Rede vor der UN-Vollversammlung ein Foto hoch. Dies sollte einen Jungen zeigen, der am selben Tag in einem Krankenhaus im Gazastreifen an MangelernÀhrung gestorben sein soll. «Er wurde von Israel getötet, indem es Hunger als Waffe einsetzte», behauptete Mansur.

UN: Hilfe aus Luft fĂŒr Gazastreifen reicht nicht

Nach dem Start amerikanischer Hilfslieferungen aus der Luft fĂŒr den Gazastreifen haben die Vereinten Nationen indes die humanitĂ€ren GĂŒter als unzureichend bezeichnet. Zwar helfe jede Lieferung, sagte Sprecher Stephane Dujarric in New York. «Aber es entspricht weder der GrĂ¶ĂŸe noch dem Umfang dessen, was wir brauchen.» Es seien Hilfslieferungen mit Lastwagen ĂŒber den Landweg nötig.

Die USA hatten angesichts der humanitĂ€ren Katastrophe im Gazastreifen am Wochenende damit begonnen, die Zivilbevölkerung dort aus der Luft mit HilfsgĂŒtern zu versorgen - auch andere LĂ€nder werfen dort humanitĂ€re Hilfe aus Flugzeugen ab.

Einigung auf Feuerpause in Gaza auf der Kippe

Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu verlangt derweil vor weiteren Verhandlungen ĂŒber eine Feuerpause und die Freilassung weiterer Geiseln im Gaza-Krieg ein Einlenken der Hamas. Erst mĂŒsse die Islamisten-Organisationen wie gefordert eine Liste mit den Namen der noch lebenden Geiseln in ihrer Gewalt vorlegen, sagte der rechte Regierungschef am Sonntagabend in einer Ansprache in Tel Aviv.

Am selben Tag trafen Delegationen der Hamas und der Vermittlerstaaten USA und Katar in Kairo zu einer weiteren GesprĂ€chsrunde ein. Israel dagegen hat vorerst keine Delegation entsandt. Dass derweil Benny Gantz, Minister in Israels Kriegskabinett, ohne Netanjahus Zustimmung zu GesprĂ€chen nach Washington reiste, sorgte laut israelischen Medien intern fĂŒr scharfe Kritik.

Gantz drÀngt auf ein Abkommen und hat erklÀrt, die Freilassung der Geiseln sei dringlicher und wichtiger als die von Netanjahu zum Ziel erklÀrte Zerschlagung der Hamas.

Netanjahu: Werden vor Forderungen nicht kapitulieren

Es sei zu frĂŒh zu sagen, ob es in den nĂ€chsten Tagen ein Konzept fĂŒr einen Deal geben werde, sagte Netanjahu. «Wir unternehmen große Anstrengungen, um erfolgreich zu sein, aber eines ist Ihnen klar - wir werden vor den wahnhaften Forderungen der Hamas nicht kapitulieren», bekrĂ€ftigte der innenpolitisch in der Geiselfrage unter Druck stehende Regierungschef.

Israels rechtsextremer Polizeiminister Itamar Ben-Gvir fordert einem israelischen Medienbericht zufolge sogar ein Ende der Verhandlungen ĂŒber die Freilassung der noch immer im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln. Seine Partei halte es fĂŒr erforderlich, die Einstellung der GesprĂ€che, in denen es auch um eine befristete Feuerpause im Gaza-Krieg geht, anzuordnen, sagte der Politiker nach Angaben der Zeitung «Haaretz» am Montag bei einem Treffen seiner Partei. Es sei stattdessen notwendig, in «eine neue Phase intensiver KĂ€mpfe» ĂŒberzugehen, zitierte das Blatt Ben-Gvir, der auch Minister fĂŒr nationale Sicherheit ist, weiter.

Örtlichen Medienberichten zufolge gibt es in israelischen Kreisen Zweifel, ob ein Abkommen ĂŒber eine Geisel-Freilassung und eine Feuerpause noch vor dem fĂŒr Muslime heiligen Fastenmonat Ramadan, der um den 10. MĂ€rz beginnt, zustande kommt. Der AnfĂŒhrer der Hamas im Gazastreifen, Jihia al-Sinwar, versuche absichtlich, die Verhandlungen zu sabotieren, um wĂ€hrend des Ramadan Unruhen im gesamten Nahen Osten zu provozieren, zitierte die israelische Nachrichtenseite «Ynet» einen ranghohen israelischen Beamten.

«Sinwar zieht es vor, die Spannungen im Nahen Osten zu verschĂ€rfen und wĂ€hrend des Ramadans Blutvergießen und Chaos im Gazastreifen zu verursachen, anstatt die Alternative einer sechswöchigen Waffenruhe und humanitĂ€rer Hilfe zu wĂ€hlen, die das Leiden der lokalen Bevölkerung im Gazastreifen erheblich lindern wĂŒrde», sagte der Beamte.

Ranghohe GesprÀche in Washington

Israels Verteidigungsminister Joav Galant hatte erst kĂŒrzlich gesagt, die Hamas wolle den Krieg vom Gazastreifen ins Westjordanland tragen. «Das Ziel der Hamas ist es, JudĂ€a und Samaria (hebrĂ€isch fĂŒr Westjordanland) anzuzĂŒnden, und wenn möglich auch noch den Tempelberg (in Jerusalem)». Laut Nachrichtenportal «Axios» drĂ€ngt US-PrĂ€sident Joe Biden Ägypten und Katar dazu, die Hamas noch vor dem Ramadan zu einer vorĂŒbergehenden Feuerpause zu bewegen.

Die drei Vermittlerstaaten seien sich einig, dass ein Zustandekommen einer Einigung derzeit an der Hamas hĂ€nge. Die Hamas fordert einen umfassenden Waffenstillstand. Der Vermittlervorschlag sieht nach US-Angaben lediglich eine sechswöchige Feuerpause vor. Ein namentlich nicht genannter israelischer Beamter wurde von «Axios» mit den Worten zitiert, er schĂ€tze die Chancen fĂŒr eine Einigung auf 50 zu 50.

Unterdessen traf Gantz, Mitglied im israelischen Kriegskabinett, in Washington ein, wo er heute US-VizeprĂ€sidentin Kamala Harris und den nationalen Sicherheitsberater Jake Sullivan treffen will. Gantz hatte im Januar gesagt: «Die dringendste Angelegenheit ist die RĂŒckfĂŒhrung der Geiseln, sie ist wichtiger als alle Elemente des Kampfes.»

Morgen will der israelische Politiker laut Medienberichten mit US-Außenminister Antony Blinken zusammentreffen. Am selben Tag wird «Axios» zufolge auch Katars MinisterprĂ€sident Mohammed bin Abdulrahman Al Thani in Washington erwartet.

UN sehen Vergewaltigungen durch Hamas-Terroristen als wahrscheinlich

Ein Bericht der Vereinten Nationen sieht sexualisierte Gewalt bei dem Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober in Israel als wahrscheinlich an. Es gebe «berechtigten Grund zur Annahme», dass es zu Vergewaltigungen und Gruppenvergewaltigungen an mindestens drei Orten gekommen sei, hieß es in dem Papier, das von der zustĂ€ndigen UN-Vertreterin Pramila Patten nach einem Besuch in Israel angefertigt wurde. 

Unter diesen Orten sei das GelĂ€nde eines Musikfestivals, das von den Terroristen am 7. Oktober ĂŒberfallen wurde. «Bei den meisten dieser VorfĂ€lle wurden Opfer einer Vergewaltigung anschließend getötet, und mindestens zwei VorfĂ€lle standen im Zusammenhang mit der Vergewaltigung von Frauenleichen», hieß es weiter.

Außerdem gebe es «klare und ĂŒberzeugende Informationen darĂŒber, dass sexuelle Gewalt, einschließlich Vergewaltigung, sexualisierte Folter, grausame, unmenschliche und erniedrigende Behandlung, gegen Geiseln verĂŒbt wurde». Diese könnte in der Gefangenschaft im Gazastreifen momentan weiter andauern.

Israels Armee meldet weitere Tote bei EinsÀtzen

Derweil setzt das israelische MilitĂ€r den Kampf gegen die Hamas fort und tötete nach eigenen Angaben nun ein fĂŒr die Rekrutierung von Terroristen zustĂ€ndiges prominentes Mitglied der Islamisten. Wie die Armee am Sonntagabend bekannt gab, sei Mahmoud Muhammad Abd Khad auch an der Beschaffung von Geldern fĂŒr den Terrorismus und zur UnterstĂŒtzung der militĂ€rischen AktivitĂ€ten der Hamas beteiligt gewesen.

Zuvor hatte die Armee mitgeteilt, dass im nördlichen Gaza «mehr als 100 Terroristen» getötet worden seien. Zudem seien 35 Einrichtungen der Hamas und des Islamischen Dschihad, darunter Waffenlager und Produktionsanlagen, zerstört worden. «Dutzende Terroristen» seien festgenommen worden. SĂ€mtliche Angaben des israelischen MilitĂ€rs konnten nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒft werden.

Israels MilitÀr: Wieder Hisbollah-Stellungen angegriffen

Unterdessen griff das israelische MilitĂ€r im SĂŒden Libanons nach eigenen Angaben erneut Stellungen der vom Iran unterstĂŒtzten Hisbollah-Miliz an. Kampfflugzeuge hĂ€tten eine MilitĂ€ranlage der Schiiten-Miliz in der Gegend von Aita asch-Scha'b und terroristische Infrastruktur in der Gegend des libanesischen Grenzortes Kfarkela getroffen, teilte die Armee mit.

Im Laufe des Tages habe es eine Reihe von RaketenabschĂŒssen aus dem Libanon in Richtung Nordisrael gegeben. Auch diese Angaben konnten nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒft werden. Seit Beginn des Gaza-Krieges kommt es in der israelisch-libanesischen Grenzregion immer wieder zu gegenseitigem Beschuss. Israels Verteidigungsminister Galant kĂŒndigte kĂŒrzlich an, den militĂ€rischen Druck auf die Hisbollah zu erhöhen, bis sich die Schiiten-Miliz von der Grenze zu Israel zurĂŒckgezogen habe.

Containerschiff vor der KĂŒste Jemens angegriffen und beschĂ€digt

Vor der KĂŒste Jemens ist erneut ein Containerschiff angegriffen und beschĂ€digt worden. Wie die Stelle der britischen Marine fĂŒr Handelsschifffahrt UKMTO mitteilte, gab es bei dem Vorfall sĂŒdöstlich der Hafenstadt Aden zwei Explosionen. Nachdem sich die Erste mit einigem Abstand zu dem Schiff ereignet habe, sei das Schiff durch die zweite beschĂ€digt worden. An Bord brach demnach ein Feuer aus. Der Fall werde von der westlichen Allianz zum Schutz der Handelsschifffahrt untersucht, so die Mitteilung weiter. Berichte ĂŒber Tote oder Verletzte gab es zunĂ€chst keine.

Dem Informationsdienst Ambrey zufolge soll es sich um ein Schiff handeln, das unter der Flagge Liberias fÀhrt und von Singapur nach Dschibuti unterwegs war. Demnach wurde das Schiff zumindest in der Vergangenheit von einer israelischen Reederei eingesetzt.

Wer hinter dem jĂŒngsten Angriff steckte, war zunĂ€chst nicht klar. In den vergangenen Wochen und Monaten hatte jedoch immer wieder die islamistische Huthi-Miliz im Jemen zivile Handelsschiffe ins Visier genommen.

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