EU-Haushalt: Irischer Vorsitz legt sich mit Merz und Nettozahlern an
Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 14:36 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Der irische EU-Ratsvorsitz will den von der EU-Kommission vorgeschlagenen langfristigen Haushalt 2028 bis 2034 nur um rund 159 Milliarden Euro auf etwa 1,826 Billionen Euro kĂŒrzen und stöĂt damit auf Widerstand Deutschlands und weiterer Nettozahler.
Nettozahler verlangen gröĂere Einschnitte
Deutschland, die Niederlande, Schweden und Ăsterreich hatten eine KĂŒrzung um mehrere Hundert Milliarden Euro gefordert. Diese LĂ€nder zahlen unter dem Strich mehr in den EU-Haushalt ein, als sie daraus zurĂŒckerhalten.
Auch die Schwerpunktsetzung des irischen Vorschlags entspricht nicht den Vorstellungen der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU). GegenĂŒber dem Kommissionsentwurf sollen vor allem Mittel fĂŒr WettbewerbsfĂ€higkeit, Forschung, Verteidigung sowie AuĂen- und Entwicklungspolitik sinken.
Agrar- und Regionalpolitik weitgehend geschont
Die traditionellen groĂen Haushaltsposten fĂŒr Landwirtschaft und KohĂ€sionspolitik bleiben dagegen weitgehend unangetastet. Mit der KohĂ€sionspolitik sollen wirtschaftliche und soziale Unterschiede zwischen den Regionen der EU verringert werden; sie kommt vor allem Ă€rmeren Mitgliedstaaten zugute.
Auch die fĂŒr Migration, Grenzschutz und innere Sicherheit vorgesehenen Mittel fĂŒr die Mitgliedstaaten sollen weitgehend erhalten bleiben. Bei zusĂ€tzlichen Geldern fĂŒr diesen Bereich sowie bei Agenturen wie Frontex und Europol sieht der Vorschlag dagegen deutliche KĂŒrzungen vor.
Widerstand aus Ăsterreich und Schweden
Die österreichische Europaministerin Claudia Bauer erklĂ€rte, der Vorschlag sei weiterhin weit von einer Zustimmung Wiens entfernt. Ăsterreich stemme gemeinsam mit acht weiteren Nettozahlern bereits heute mehr als 60 Prozent des EU-Budgets; mehr sei den eigenen Steuerzahlern nicht zumutbar.
Die schwedische EU-Ministerin Jessica Rosencrantz bezeichnete den Vorschlag als nicht angemessen und verlangte ein deutlich kleineres Gesamtvolumen. Ein EU-Diplomat nannte ihn eine EnttĂ€uschung und kritisierte, er bevorzuge politische PrioritĂ€ten des 20. Jahrhunderts. Der irische Europastaatsminister Thomas Byrne verwies dagegen darauf, dass eine sehr groĂe Mehrheit der Mitgliedstaaten weitere KĂŒrzungen bei Landwirtschaft und KohĂ€sion ablehne.
Entscheidung beim Gipfel erwartet
Die Staats- und Regierungschefs sollen den Vorschlag beim EU-Gipfel am kommenden Donnerstag und Freitag in BrĂŒssel offen beraten. AnschlieĂend wird voraussichtlich der stĂ€ndige EU-RatsprĂ€sident AntĂłnio Costa die VerhandlungsfĂŒhrung ĂŒbernehmen.
Offen bleibt auch die Finanzierung. Im GesprĂ€ch sind unter anderem BeitrĂ€ge groĂer Unternehmen, Einnahmen aus dem Emissionshandel und dem CO2-Grenzausgleich sowie Abgaben auf Tabak und Elektroschrott. Eine Einigung auf diese neuen EU-Eigenmittel gibt es bislang nicht.
Deutschland gröĂter Nettozahler
Der gröĂte Teil des langfristigen EU-Haushalts wird auch kĂŒnftig ĂŒber BeitrĂ€ge der Mitgliedstaaten finanziert, die sich am Bruttonationaleinkommen orientieren. Deutschland zahlte 2025 rund 34,1 Milliarden Euro an die EU, darunter etwa 29,6 Milliarden Euro nationale BeitrĂ€ge und rund 4,4 Milliarden Euro Zölle. Den rund 12,2 Milliarden Euro EU-Ausgaben in Deutschland stand rechnerisch ein Netto-Beitrag von etwa 21,8 Milliarden Euro gegenĂŒber.
Inflationsbereinigt soll der Finanzrahmen nach dem irischen Konzept rund 1,622 Billionen Euro umfassen. Der Kommissionsvorschlag lag in Preisen von 2025 bei etwa 1,763 Billionen Euro. Real entspricht dies einer KĂŒrzung um rund 141 Milliarden Euro beziehungsweise acht Prozent.
Warum der Streit ĂŒber den EU-Haushalt grundsĂ€tzlicher ist
Der Vorschlag fĂ€llt in eine Phase, in der die EU zugleich ihre WettbewerbsfĂ€higkeit stĂ€rken, Verteidigungsausgaben erhöhen, Forschung finanzieren und Migration besser steuern will. Diese Ziele konkurrieren jedoch mit den traditionellen groĂen Haushaltsposten fĂŒr Landwirtschaft und regionale Entwicklung. Der irische Entwurf verschiebt das KrĂ€fteverhĂ€ltnis nicht grundlegend: Er schont jene Bereiche, von denen viele Mitgliedstaaten unmittelbar profitieren.
FĂŒr Deutschland ist die Debatte deshalb doppelt relevant. Die Bundesrepublik ist der gröĂte Beitragszahler, profitiert aber zugleich stark vom Binnenmarkt und von EU-Programmen. Eine rein nationale Betrachtung der Einzahlungen und RĂŒckflĂŒsse erfasst daher nicht den gesamten wirtschaftlichen Nutzen der Mitgliedschaft. Politisch erhöht der hohe deutsche Beitrag dennoch den Druck auf die Bundesregierung, auf eine Begrenzung der Ausgaben zu dringen.
Finanzierung bleibt der zweite groĂe Konflikt
Neben der Höhe des Haushalts ist offen, wie die EU ihre Aufgaben finanzieren soll. Neue Eigenmittel könnten die nationalen BeitrĂ€ge teilweise entlasten, wĂŒrden aber neue Verteilungskonflikte zwischen Mitgliedstaaten und Unternehmen auslösen. Zugleich mĂŒssen die EU-Staaten die RĂŒckzahlung gemeinsamer Schulden aus dem Corona-Aufbaufonds einplanen. Ein gröĂerer Haushalt ohne tragfĂ€hige Einnahmen wĂŒrde daher entweder höhere nationale BeitrĂ€ge, zusĂ€tzliche Kredite oder Einschnitte bei den politischen PrioritĂ€ten erfordern.
Was der Gipfel klÀren muss
Beim Gipfel steht zunĂ€chst eine politische Grundsatzentscheidung an: Soll die EU ihre neuen strategischen Ziele vor allem durch Umschichtungen finanzieren oder das Gesamtvolumen weitgehend sichern? Der irische Vorschlag macht sichtbar, dass dafĂŒr bislang keine gemeinsame Mehrheit existiert. Die Verhandlungen dĂŒrften deshalb nicht nur um MilliardenbetrĂ€ge, sondern auch um die Frage kreisen, welche Aufgaben die EU kĂŒnftig vorrangig ĂŒbernehmen soll.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Euronews: âEU-Schulden steigen bis 2027 auf 1 Billion Euro: PrĂŒfer sehen mehr Fehlerâ (08.10.2026)
Der Bericht ordne die Haushaltsverhandlungen in die Warnungen des EuropĂ€ischen Rechnungshofs vor steigenden EU-Schulden und fehlerhaften Ausgaben ein. Er hebe hervor, dass mehrere Nettozahler eine deutlich stĂ€rkere KĂŒrzung gegenĂŒber dem Kommissionsvorschlag verlangten, wĂ€hrend andere Staaten den Schutz von Agrar- und Regionalmitteln befĂŒrworteten. Damit bestĂ€tige der Beitrag den grundlegenden Verteilungskonflikt, setze den Schwerpunkt aber stĂ€rker auf Kontrolle, Verschuldung und die langfristige Finanzierung.
Der Bericht mache zudem deutlich, dass fehlende neue Einnahmen entweder höhere BeitrĂ€ge der Mitgliedstaaten oder geringere gemeinsame Ziele bedeuten könnten. Offen bleibe, wie die Staaten die RĂŒckzahlung der gemeinsamen Schulden und die neuen politischen PrioritĂ€ten miteinander vereinbaren wollten.
In der aktuellen Berichterstattung bestehe Einigkeit ĂŒber den Konflikt zwischen sparsamen Nettozahlern und LĂ€ndern, die traditionelle EU-Ausgaben schĂŒtzen wollten. Unterschiede gebe es vor allem bei der Gewichtung: WĂ€hrend der neue irische Vorschlag die konkrete Verteilung der KĂŒrzungen in den Mittelpunkt rĂŒcke, konzentriere sich der Euronews-Bericht auf Schulden, Ausgabenkontrolle und Finanzierungsrisiken.

