EU und Kanada planen engere Partnerschaft beim Gipfel in Montreal
Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 03:39 Uhr | dpa, AD HOC NEWSMontreal setzt nächste Schritte
- Der Gipfel findet im kanadischen Montreal statt und endet nach zwei Tagen.
- Die Rohstoffimporte aus Kanada stiegen zwischen 2024 und 2025 um 62 Prozent.
- Bis zum nächsten Gipfel 2027 soll ein Konzept für eine engere Anbindung entstehen.
EU und Kanada planen engere Zusammenarbeit in Montreal
Die Europäische Union und Kanada wollen angesichts geopolitischer Spannungen ihre Zusammenarbeit deutlich vertiefen. Zum Abschluss des zweitägigen Gipfels in Montreal soll dazu eine Reihe von Vorhaben vereinbart werden.
Energie und Rohstoffe im Mittelpunkt
Geplant sind eine Machbarkeitsstudie für LNG-Exporte nach Europa und eine Modernisierung des Abkommens über die nukleare Zusammenarbeit zwischen Kanada und Euratom. Zudem sollen europäische Investitionen in kanadische Rohstoffvorkommen erleichtert werden.
Besonders wichtig sind kritische Rohstoffe wie seltene Erden, die für E-Auto-Motoren, Halbleiter, Batterien, Clean-Tech und die Verteidigungsindustrie benötigt werden. Nach EU-Angaben stiegen die Importe solcher Rohstoffe aus Kanada zwischen 2024 und 2025 um 62 Prozent.
Handel und Digitalwirtschaft wachsen
Beide Seiten wollen Handelshemmnisse abbauen, Investitionen fördern und ein Digitalhandelsabkommen voranbringen. Zwischen 2016 und 2025 nahm der Handel mit Waren und Dienstleistungen nach Angaben aus dem Gipfelumfeld um 80 Prozent zu.
Die EU und Kanada sind vor allem über das Freihandelsabkommen Ceta verbunden, das seit 2017 vorläufig angewendet wird. Es ist jedoch noch nicht endgültig in Kraft, weil mehrere EU-Staaten die Vereinbarung nicht ratifiziert haben.
Mehr Kooperation bei KI und Forschung
Die Partner wollen bei der Regulierung und Sicherheit Künstlicher Intelligenz zusammenarbeiten. Kanada soll Zugang zur europäischen Hochleistungsrecheninfrastruktur erhalten; zugleich sollen digitale Märkte für Cloud- und KI-Dienstleistungen stärker geöffnet werden.
Auch bei Erasmus+, der Anerkennung von Berufsqualifikationen sowie beim Austausch von Fachkräften und Forschenden ist eine engere Zusammenarbeit geplant.
Ukraine und Sicherheitspolitik
EU und Kanada wollen bei Verteidigung, Cyberabwehr und dem Schutz kritischer Infrastruktur kooperieren. Beide Seiten bekräftigen ihre Unterstützung für die Ukraine.
Kanada ist bereits am EU-Programm Safe für günstige Darlehen zur gemeinsamen Beschaffung von Rüstungsgütern beteiligt und soll sich auch am EU-Unterstützungskredit für die Ukraine beteiligen. Zudem wollen beide Seiten bei der Suche nach Lösungen für den Nahostkonflikt zusammenarbeiten.
Streit über die Bezeichnung
Bis zum nächsten Gipfel 2027 soll ein Konzept für eine engere Anbindung Kanadas an die EU entstehen, ohne eine Vollmitgliedschaft vorzusehen. Regelmäßige Treffen sollen die gemeinsame Interessenvertretung stärken.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hält an der Idee einer „assoziierten Mitgliedschaft“ fest und spricht von einer „Assoziierung ohne Beitritt“. Bundeskanzler Friedrich Merz lehnt den Begriff ab; aus Sicht der Bundesregierung hätte die Bezeichnung zuvor mit den EU-Staaten abgestimmt werden müssen.
Trump reagiert mit Drohung
US-Präsident Donald Trump bezeichnete den Vorstoß für eine assoziierte EU-Mitgliedschaft Kanadas als lächerlich. Sollte die Annäherung US-Interessen schaden und als feindseliger Akt bewertet werden, drohte er mit hohen Zöllen oder einer weitgehenden Einschränkung des Handels mit Europa.
Der Gipfel in Montreal steht für den Versuch, eine Partnerschaft strategisch breiter aufzustellen. Im Mittelpunkt stehen nicht nur politische Signale, sondern konkrete Felder, in denen beide Seiten Abhängigkeiten verringern wollen: Energie, kritische Rohstoffe, digitale Infrastruktur, Forschung und Sicherheit.
Wirtschaftlich knüpft die geplante Vertiefung an bestehende Verbindungen an. Das Freihandelsabkommen Ceta wird seit 2017 vorläufig angewendet und hat den Handel zwischen der EU und Kanada deutlich ausgeweitet. Die angekündigte Zusammenarbeit bei seltenen Erden und anderen Rohstoffen zielt zugleich auf Lieferketten, die für Batterien, Halbleiter, Energietechnik und die Verteidigungsindustrie relevant sind.
Partnerschaft ohne EU-Beitritt
Politisch bleibt die institutionelle Form der Zusammenarbeit der schwierigste Punkt. Der Begriff „assoziierte Mitgliedschaft“ wurde aus dem Entwurf der Gipfelerklärung gestrichen, während von der Leyen an einer besonders engen Anbindung ohne Vollmitgliedschaft festhält. Damit verbindet sich auch ein Zuständigkeitskonflikt innerhalb der EU: Die Kommission wirbt für ein neues Modell, mehrere Mitgliedstaaten pochen auf eine abgestimmte Linie.
Für Kanada bietet die Annäherung zusätzliche wirtschaftliche und sicherheitspolitische Optionen. Für die EU eröffnet sie einen engeren Zugang zu Energie und Rohstoffen sowie einen Partner in Nordamerika. Zugleich bleibt offen, wie verbindlich die angekündigten Vorhaben werden und welche EU-Staaten einer späteren institutionellen Lösung zustimmen. Der nächste Gipfel 2027 soll dafür ein Konzept liefern.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau: „EU-Kanada-Gipfel: Kanada wird vorerst kein "assoziiertes EU-Mitglied"“ (29.10.2026)
Der Beitrag bestätigt, dass die Bezeichnung „assoziierte Mitgliedschaft“ aus dem Entwurf gestrichen worden sei. Er legt den Schwerpunkt auf die inneren Zuständigkeiten der EU und die drei Bereiche Wirtschaft, Sicherheit und internationale Zusammenarbeit.
ZDFheute: „Zoll-Politik von Trump: Partnerschaft zwischen Kanada und EU“ (29.10.2026)
Der Beitrag betont, dass die Annäherung durch Trumps Zollpolitik beschleunigt werde, und stellt den Streit über die Bezeichnung in den Mittelpunkt. Zugleich beschreibt er geplante Kooperationen bei Handel, Verteidigung und Technologie sowie Kanadas pragmatische Haltung zur Namensfrage. Einigkeit besteht über die engere Zusammenarbeit, offen bleibt deren institutionelle Ausgestaltung.
