EU-Sicherheitspolitik, Ursula von der Leyen

EuropĂ€ische Sicherheit: Von der Leyen fordert eigenen Artikel-4-Mechanismus und Sicherheitsrat fĂŒr die EU

Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 10:15 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen drĂ€ngt auf einen eigenen Krisenmechanismus der EuropĂ€ischen Union nach Vorbild von Artikel 4 des Nato-Vertrags und treibt zugleich die Idee eines EuropĂ€ischen Sicherheitsrats voran. Auslöser sind hybride Bedrohungen wie Cyberangriffe und der mutmaßliche Drohnenanschlag am Flughafen Leipzig/Halle.

  • Will die Idee eines EuropĂ€ischen Sicherheitsrates verwirklichen und auch Kanada einbeziehen: EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen (r), hier mit ParlamentsprĂ€sidentin Roberta Metsola und Kanadas Premierminister Mark Carney. - Bild: Justin Tang/Canadian Press via ZUMA Press/dpa
    Will die Idee eines EuropÀischen Sicherheitsrates verwirklichen und auch Kanada einbeziehen: EU-KommissionsprÀsidentin Ursula von der Leyen (r), hier mit ParlamentsprÀsidentin Roberta Metsola und Kanadas Premierminister Mark Carney. - Bild: Justin Tang/Canadian Press via ZUMA Press/dpa
  • Zuletzt sorgte die Entdeckung einer mutmaßlich russischen Sprengstoffdrohne am Flugplatz Leipzig/Halle fĂŒr Aufregung. (Archivbild) - Bild: Heiko Rebsch/dpa
    Zuletzt sorgte die Entdeckung einer mutmaßlich russischen Sprengstoffdrohne am Flugplatz Leipzig/Halle fĂŒr Aufregung. (Archivbild) - Bild: Heiko Rebsch/dpa
  • Der von Ursula von der Leyen als Vorbild fĂŒr einen EU-Mechanismus erwĂ€hnte Artikel 4 sieht Beratungen vor, wenn sich ein Nato-Staat von außen gefĂ€hrdet sieht. - Bild: Jean-Christophe Verhaegen/AFP/dpa
    Der von Ursula von der Leyen als Vorbild fĂŒr einen EU-Mechanismus erwĂ€hnte Artikel 4 sieht Beratungen vor, wenn sich ein Nato-Staat von außen gefĂ€hrdet sieht. - Bild: Jean-Christophe Verhaegen/AFP/dpa
Will die Idee eines EuropĂ€ischen Sicherheitsrates verwirklichen und auch Kanada einbeziehen: EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen (r), hier mit ParlamentsprĂ€sidentin Roberta Metsola und Kanadas Premierminister Mark Carney. - Bild: Justin Tang/Canadian Press via ZUMA Press/dpa Zuletzt sorgte die Entdeckung einer mutmaßlich russischen Sprengstoffdrohne am Flugplatz Leipzig/Halle fĂŒr Aufregung. (Archivbild) - Bild: Heiko Rebsch/dpa Der von Ursula von der Leyen als Vorbild fĂŒr einen EU-Mechanismus erwĂ€hnte Artikel 4 sieht Beratungen vor, wenn sich ein Nato-Staat von außen gefĂ€hrdet sieht. - Bild: Jean-Christophe Verhaegen/AFP/dpa

EU-KommissionsprÀsidentin Ursula von der Leyen hat eine weitreichende Reform der europÀischen Sicherheitspolitik vorgeschlagen und dringt auf einen eigenen Alarmmechanismus der EuropÀischen Union nach Vorbild von Artikel 4 des Nato-Vertrags.

Neuer Krisenmechanismus nach Nato-Vorbild

In ihrer diesjĂ€hrigen Rede zur Lage der EuropĂ€ischen Union vor dem EuropĂ€ischen Parlament in Straßburg forderte von der Leyen einen von der Nato unabhĂ€ngigen Mechanismus fĂŒr Sicherheitskrisen unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Angriffs. Sie sagte, die EU brauche ein Verfahren analog zu Artikel 4 des Nato-Vertrags, das vorsehe, dass alle Mitgliedstaaten zusammenkommen, sobald ein Staat den Mechanismus auslöse.

Ziel sei, gemeinsam eine europĂ€ische Antwort zu koordinieren, um weitere Eskalation abzuschrecken und die Auswirkungen von Angriffen und Störaktionen abzumildern. Zwar verfĂŒge die EU bereits ĂŒber zahlreiche Instrumente und vertiefe die Zusammenarbeit mit der Nato, doch hĂ€tten Doktrin, Institutionen und Entscheidungswege nicht mit der neuen RealitĂ€t Schritt gehalten.

Reaktion auf hybride Bedrohungen

Von der Leyen verwies auf eine Vielzahl von GefĂ€hrdungen, die unterhalb eines klassischen militĂ€rischen Angriffs liegen, aber dennoch die nationale Sicherheit bedrohen. Cyberangriffe, Sabotage, Brandstiftung und Drohnenangriffe gebe es nach ihren Worten inzwischen jeden Tag, weshalb Europas Abwehrbereitschaft wachsen mĂŒsse.

Als konkretes Beispiel nannte sie den Fall der am Flughafen Leipzig/Halle entdeckten Sprengstoffdrohne. Sie sprach von einem Angriff mit militĂ€rischem Material, durchgefĂŒhrt von russischen Agenten auf europĂ€ischem Boden, und betonte, solche Attacken dĂŒrften nicht hingenommen werden.

PlĂ€ne fĂŒr einen EuropĂ€ischen Sicherheitsrat

ZusĂ€tzlich kĂŒndigte von der Leyen ein Konzept fĂŒr einen EuropĂ€ischen Sicherheitsrat an. Mit Partnern wie Kanada, Norwegen, der Ukraine und Großbritannien sei lange ĂŒber ein Format der Staats- und Regierungschefs beraten worden, das sich mit der Sicherheit des Kontinents befassen solle. Angesichts Art und Ausmaß aktueller Bedrohungen sei dies nun noch dringlicher.

Sie kĂŒndigte an, die EU werde demnĂ€chst konkret darlegen, wie ein solcher EuropĂ€ischer Sicherheitsrat Wirklichkeit werden könne. Bereits 2018 hatte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel fĂŒr einen Sicherheitsrat geworben, der als kleineres, teilweise rotierend besetztes Gremium außen- und sicherheitspolitische Entscheidungen schneller vorbereiten sollte.

Debatte um Kompetenzen und Beteiligung kleiner Staaten

Das Vorhaben war damals unter anderem an ungeklĂ€rten ZustĂ€ndigkeiten und der Sorge kleinerer Mitgliedstaaten gescheitert, ein Sicherheitsrat könne zu einem Direktorium großer LĂ€nder werden. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs, zunehmender Unsicherheit ĂŒber die Rolle der USA und der stĂ€rkeren Bedeutung informeller Staatengruppen hat die Idee jedoch wieder an Dynamik gewonnen.

EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius schlug Anfang 2026 einen Rat mit etwa zehn bis zwölf Mitgliedern vor. GegenĂŒber frĂŒheren Modellen sieht der Vorstoß vor, wichtige Nicht-EU-Partner wie Großbritannien, Norwegen und die Ukraine in die Struktur einzubinden.

Artikel 4 der Nato als Vorbild

Artikel 4 des Nato-Vertrags, den von der Leyen als Vorbild nennt, regelt Konsultationen der BĂŒndnispartner, wenn ein Mitgliedstaat sich von außen gefĂ€hrdet sieht. Der Text des Vertrags betont, die Parteien wĂŒrden einander konsultieren, wenn nach Auffassung einer von ihnen die Unversehrtheit des Gebiets, die politische UnabhĂ€ngigkeit oder die Sicherheit einer Partei bedroht sei.

Seit GrĂŒndung des BĂŒndnisses 1949 ist Artikel 4 neun Mal aktiviert worden, zuletzt am 23. September 2025 auf Antrag Estlands nach der Verletzung seines Luftraums durch drei russische Kampfjets. Die Konsultationen gelten als politisches Signal der SolidaritĂ€t und können zu gemeinsamen Maßnahmen fĂŒhren, etwa zusĂ€tzlicher UnterstĂŒtzung bei Abschreckung und Verteidigung.

Neue Instrumente fĂŒr militĂ€rische SchlĂŒsselfĂ€higkeiten

Konkrete PlĂ€ne legte von der Leyen auch fĂŒr ein neues europĂ€isches Instrument zur Förderung bestimmter militĂ€rischer SchlĂŒsselfĂ€higkeiten vor. Solche FĂ€higkeiten sollen kĂŒnftig stĂ€rker gemeinsam beschafft und aufgebaut werden, um moderne StreitkrĂ€fte wirksamer einsetzen zu können.

Genannt wurden strategische Enabler wie Flugabwehr, strategischer Lufttransport, Luftbetankung sowie KapazitÀten im Weltraum und im Cyberbereich. Das neue Instrument solle nach ihren Worten vollstÀndig auf die Nato abgestimmt sein und damit die transatlantische Zusammenarbeit ergÀnzen, ohne Doppelstrukturen zu schaffen.

Strategische Neuausrichtung der EU-Sicherheitspolitik

Der Vorstoß von Ursula von der Leyen markiert eine weitere Verschiebung der europĂ€ischen Sicherheitspolitik hin zu mehr EigenstĂ€ndigkeit, ohne die Nato in Frage zu stellen. Schon seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wĂ€chst in vielen HauptstĂ€dten die Sorge, Europa sei zu abhĂ€ngig von sicherheitspolitischen Garantien aus Washington. Ein EU-Mechanismus nach Vorbild von Artikel 4 des Nato-Vertrags wĂŒrde die politische Konsultation auf EU-Ebene stĂ€rken und den Mitgliedstaaten ein schnelleres Instrument geben, um auf hybride Bedrohungen zu reagieren.

Hybride Angriffe und LĂŒcken im bisherigen Instrumentarium

Die von der Leyen genannten Beispiele – Cyberangriffe, Sabotage, Brandstiftung, Drohnenattacken – zeigen, dass klassische Verteidigungslogik mit klarer Kriegsschwelle solchen Szenarien oft nicht gerecht wird. Der Fall der Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig/Halle steht exemplarisch fĂŒr VorfĂ€lle, die nicht als bewaffneter Angriff im Sinne der Nato-Beistandsklausel gelten, aber gravierende sicherheitspolitische Folgen haben können. Bislang musste die EU in solchen Situationen auf informelle Krisenrunden, bestehende Ratsformate oder nationale AlleingĂ€nge zurĂŒckgreifen. Ein fest verankerter Konsultationsmechanismus könnte AblĂ€ufe standardisieren und die Erwartung klĂ€ren, dass Bedrohungen eines Mitgliedstaats gemeinschaftlich bewertet werden.

EuropĂ€ischer Sicherheitsrat und militĂ€rische SchlĂŒsselfĂ€higkeiten

Die erneute AnkĂŒndigung eines EuropĂ€ischen Sicherheitsrats knĂŒpft an frĂŒhere Ideen an, die aus politischen GrĂŒnden stecken geblieben sind. Vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs und der Debatte ĂŒber die kĂŒnftige Rolle der USA dĂŒrfte ein kleineres sicherheitspolitisches FĂŒhrungsgremium heute eher als Notwendigkeit denn als Machtprojekt der großen Staaten gesehen werden. Gleichzeitig verweist der Plan fĂŒr ein neues Instrument zur gemeinsamen Entwicklung strategischer Enabler – etwa Flugabwehr, Lufttransport und CyberfĂ€higkeiten – auf eine praktische Dimension: Die EU soll schneller handlungsfĂ€hig werden, wenn es um Schutz kritischer Infrastruktur, militĂ€rische UnterstĂŒtzung der Ukraine oder Abwehr weiterer hybrider Angriffe auf europĂ€ischem Boden geht.

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