Nato, Joschka Fischer

Joschka Fischer erwartet Ende der Nato als transatlantischem BĂŒndnis

Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 12:24 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWS

Ex-Außenminister Joschka Fischer rechnet mit einem Ende der Nato als transatlantischem BĂŒndnis und fordert ein militĂ€risch stĂ€rkeres Europa. Dabei warnt er vor der Aufgabe eines europĂ€ischen Verteidigungsverbunds.

Joschka Fischer erwartet Ende der Nato
Nato-Hauptquartier (Archiv) - Bild: via dts Nachrichtenagentur

Der frĂŒhere Bundesaußenminister Joschka Fischer erwartet ein Ende der Nato in ihrer bisherigen Form als transatlantisches SicherheitsbĂŒndnis. Zugleich plĂ€diert er fĂŒr ein starkes militĂ€risches BĂŒndnis Europas, das nach seiner Auffassung nicht aufgegeben werden dĂŒrfe.

Fischer zweifelt an Fortbestand der transatlantischen Nato

„Ich gehe nicht davon aus, dass die Nato ĂŒberlebt“, sagte Fischer der Wochenzeitung „Zeit“. Die Nato als transatlantisches SicherheitsbĂŒndnis werde aus seiner Sicht nicht bestehen bleiben. Er verwies darauf, dass die Allianz in ihrer bisherigen Gestalt auslaufen könnte.

Zugleich betonte der ehemalige Vizekanzler von BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen, ein militĂ€risches BĂŒndnis fĂŒr Europa sei weiterhin unverzichtbar. Ein Zusammenschluss mit europĂ€ischen Staaten, möglicherweise ergĂ€nzt um Kanada und Großbritannien, solle nicht infrage gestellt werden.

Warnung vor Aufgabe europÀischer Verteidigungsstrukturen

Fischer sprach sich klar dagegen aus, ein solches europĂ€isch geprĂ€gtes militĂ€risches BĂŒndnis aufzugeben. Dies wĂ€re nach seiner EinschĂ€tzung ein großer Fehler. Er machte deutlich, dass Europa auch defensive KĂ€mpfe fĂŒhren mĂŒsse – und zwar mit aller Kraft, wenn es die Lage erfordere.

Damit verknĂŒpft der frĂŒhere Außenminister seine Kritik am bisherigen transatlantischen Ansatz mit einem ausdrĂŒcklichen Bekenntnis zur militĂ€rischen Verteidigungsbereitschaft. Die FĂ€higkeit, im Ernstfall gemeinsam zu handeln, bleibt fĂŒr ihn Kernbestandteil europĂ€ischer Sicherheit.

Vertrauensverlust in der Trump-Ära als Wendepunkt

Als einen Auslöser seiner EinschĂ€tzung nannte Fischer den Vertrauensverlust in die transatlantischen Beziehungen wĂ€hrend der Amtszeit von US-PrĂ€sident Donald Trump. In dieser Phase hĂ€tten die europĂ€ischen Partner erfahren, wie brĂŒchig bisherige Sicherheiten sein können.

Aus dieser Erfahrung mĂŒsse Europa Konsequenzen ziehen, so Fischer. Wenn Europa stĂ€rker werde, auch machtpolitisch und militĂ€risch, entstehe seiner Ansicht nach ein anderes VerhĂ€ltnis zu den Vereinigten Staaten und zur Nato-Struktur insgesamt.

Europa soll eigene VerteidigungsfÀhigkeit ausbauen

Fischer sieht die Nachkriegsordnung mit einer „Hyperdominanz“ der USA im Nato-Raum als beendet an. Die Situation, in der Washington die zentrale Schutzmacht fĂŒr Europa war, sei aus seiner Sicht vorbei. Daraus leitet er die Forderung ab, dass Europa sich kĂŒnftig in der Lage sehen mĂŒsse, sich selbst zu verteidigen.

Die Kernaussage des frĂŒheren Außenministers fasst damit zwei Entwicklungen zusammen: den möglichen Bedeutungsverlust der transatlantischen Nato-Struktur und den gleichzeitigen Anspruch auf ein eigenstĂ€ndiges, militĂ€risch starkes Europa, das seine Sicherheit nicht mehr einseitig von den USA abhĂ€ngig macht.

Joschka Fischer gehört zu den prĂ€genden außenpolitischen Stimmen der Bundesrepublik der vergangenen Jahrzehnte. Dass ausgerechnet der frĂŒhere grĂŒne Außenminister nun vom möglichen Ende der Nato spricht, markiert eine Zuspitzung einer lĂ€nger laufenden Debatte ĂŒber die strategische EigenstĂ€ndigkeit Europas. Seine Aussage steht in der Tradition einer europĂ€ischen Sicherheitsdiskussion, die seit Jahren durch die Erfahrungen der Trump-PrĂ€sidentschaft und durch aktuelle Konflikte wie den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine geprĂ€gt ist.

Hintergrund: Erosion des Vertrauens in die USA

WĂ€hrend der Amtszeit von Donald Trump wurden zentrale SĂ€ulen des transatlantischen BĂŒndnisses infrage gestellt, darunter gegenseitige Beistandszusagen und der verlĂ€ssliche US-Schutzschirm fĂŒr Europa. Viele Regierungen diskutierten seither intensiver, wie sie eigene militĂ€rische FĂ€higkeiten ausbauen und Verteidigungsausgaben erhöhen können. Fischer knĂŒpft daran an, wenn er von einem Vertrauensverlust spricht und Europa zu mehr machtpolitischer und militĂ€rischer StĂ€rke aufruft. Damit greift er eine Linie auf, die in europĂ€ischen HauptstĂ€dten schon lĂ€nger verfolgt wird.

Bedeutung fĂŒr Europas Sicherheitspolitik

Mit seiner Erwartung eines Endes der Nato als transatlantisches SicherheitsbĂŒndnis, aber nicht als europĂ€isch geprĂ€gtes MilitĂ€rbĂŒndnis, strukturiert Fischer die Debatte neu. Er unterscheidet zwischen der politischen Klammer ĂŒber den Atlantik und einem militĂ€rischen BĂŒndnis, das sich stĂ€rker auf Europa und einzelne Partner wie Kanada und Großbritannien stĂŒtzen könnte. FĂŒr Leserinnen und Leser in Deutschland verweist dies auf eine mögliche Zukunft, in der die USA weniger sicherheitspolitische Verantwortung in Europa tragen und europĂ€ische Staaten deutlich mehr eigene Verteidigungslasten schultern mĂŒssen.

Ausblick: Mehr EigenstÀndigkeit, mehr Verantwortung

Fischers EinschĂ€tzung deutet darauf hin, dass Diskussionen ĂŒber eine gemeinsame europĂ€ische Verteidigungsstruktur, ĂŒber RĂŒstungskooperationen und ĂŒber die FĂ€higkeit zu eigenstĂ€ndigem Handeln noch an Dynamik gewinnen werden. FĂŒr Deutschland bedeutet dies wahrscheinlich anhaltende Debatten ĂŒber Bundeswehr-Ausstattung, Verteidigungshaushalt und internationale Engagements. Seine Warnung, ein europĂ€isches militĂ€risches BĂŒndnis aufzugeben, versteht sich als Appell, die bisherige Sicherheitsarchitektur nicht nur zu bewahren, sondern sie mit einem stĂ€rkeren europĂ€ischen Gewicht weiterzuentwickeln.

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