UN-Gericht: Israels Besatzung ist illegal und muss enden
19.07.2024 - 18:43:20Israels Besatzung der palĂ€stinensischen Gebiete ist nach Auffassung des höchsten UN-Gerichts illegal und muss so schnell wie möglich beendet werden. Israel verstoĂe mit seiner fast 60 Jahre dauernden Besatzung gegen internationales Recht, stellt der Internationale Gerichtshof in Den Haag in einem Rechtsgutachten fest.Â
«Israels Anwesenheit in den besetzten palĂ€stinensischen Gebieten ist unrechtmĂ€Ăig», sagte GerichtsprĂ€sident Nawaf Salam. Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu wies das Gutachten zurĂŒck und gab zu verstehen, dass sich sein Land nicht daran halten werde.
Das Rechtsgutachten ist rechtlich nicht bindend. Dennoch hat es möglicherweise hohe Sprengkraft. Denn es wird erwartet, dass der internationale Druck auf Israel weiter steigt, die Angriffe im Gazastreifen zu beenden. Das Gutachten dĂŒrfte auch die propalĂ€stinensische Protestbewegung weltweit befeuern.
Netanjahu spricht von Fehlentscheidung in Den Haag
Israels MinisterprĂ€sident Netanjahu schrieb dagegen bei X: «Das jĂŒdische Volk ist kein Besatzer in seinem eigenen Land. Keine Fehlentscheidung in Den Haag wird die historische Wahrheit verfĂ€lschen, sowie die RechtmĂ€Ăigkeit der israelischen Siedlungen auf dem gesamten Gebiet unserer Heimat nicht angefochten werden kann.»Â
Die Siedlungspolitik Israels in den besetzten Gebieten ist laut Rechtsgutachten ungesetzlich. Der Gerichtshof sprach von einer «Annektierung» weiter Gebiete. Israel tue auch nichts, um Gewalt der Siedler gegen PalĂ€stinenser zu verhindern und zu bestrafen. Das Gericht fordert einen sofortigen Baustopp aller neuen Siedlungen.Â
Der Gerichtshof sah es auĂerdem als erwiesen an, dass Israel seine Besatzungsmacht missbraucht. PalĂ€stinenser wĂŒrden gezwungen, von ihnen bewirtschaftetes Land zu verlassen. Zudem werde ihnen der Zugang zu Wasser verwehrt.Â
PalÀstinenser nennen Gutachten Triumph der Justiz
PalĂ€stinenserprĂ€sident Mahmud Abbas begrĂŒĂte dagegen das Gutachten. Dieses sei «ein Triumph der Justiz, eine BestĂ€tigung dafĂŒr, dass die israelische Besatzung illegal ist». Abbas fordert die internationale Gemeinschaft dazu auf, «die Besatzungsmacht Israel dazu zu bringen, dass sie ihre Besatzung und ihr koloniales Projekt vollstĂ€ndig und unverzĂŒglich beendet, ohne Bedingungen und Ausnahmen». Das teilte das PrĂ€sidentschaftsamt in Ramallah mit.
Das Gutachten war von der UN-Vollversammlung bereits im Dezember 2022 in Auftrag gegeben worden, also lange vor Beginn des jetzigen Gaza-Krieges.Â
Urteil stĂ€rkt propalĂ€stinensische ProtestbewegungÂ
Nicht nur die internationale propalĂ€stinensische Protestbewegung wird sich in ihren Forderungen nach Sanktionen oder Boykotten gestĂ€rkt sehen. Auch mehr westliche Staaten könnten nun PalĂ€stina als Staat anerkennen. Das Gutachten könnte auch Einfluss haben auf westliche Waffenlieferungen an Israel.Â
Denn die Richter weisen sehr deutlich auch die UN-Mitgliedsstaaten auf ihre Verantwortung hin. Sie dĂŒrfen die Besatzungspolitik nicht unterstĂŒtzen oder den von Israel geschaffenen Status quo nicht akzeptieren.Â
Der Druck auch der westlichen VerbĂŒndeten hatte bereits wegen der andauernden Angriffe auf den Gazastreifen stark zugenommen. Der Terrorangriff der islamistischen Hamas Anfang Oktober mit hunderten Toten war Auslöser des Krieges. Doch inzwischen wurden auch Zehntausende Menschen getötet. Und das Leiden der Bevölkerung ist groĂ.
Besatzung geht auf Sechstagekrieg von 1967 zurĂŒck
Israel hatte das Westjordanland, den Gazastreifen und Ost-Jerusalem im Sechstagekrieg von 1967 besetzt. Die PalĂ€stinenser beanspruchen diese Gebiete aber fĂŒr einen eigenen Staat. 2005 hatte Israel Gaza wieder verlassen, aber kontrolliert weiter Grenzen zu Land, Wasser und in der Luft. Die PalĂ€stinenser haben ein Recht auf Selbstbestimmung, stellt der Gerichtshof fest. Doch das Recht werde ihnen von Israel vorenthalten.Â
Eine Lösung des Konflikts mĂŒsse von der internationalen Staatengemeinschaft kommen, betonen die Richter. Sie rufen die UN-Generalversammlung und den Sicherheitsrat auf, ihre Anstrengungen fĂŒr eine friedliche und dauerhafte Lösung zu verstĂ€rken.
Richter legten schon einmal Rechtsgutachten gegen Israel vor
Es ist das zweite Rechtsgutachten des Gerichtshofes zur Besatzungspolitik Israels. Vor 20 Jahren, im Juli 2004, hatten die Richter bereits erklĂ€rt, dass die von Israel im Westjordanland errichtete Mauer gegen internationales Recht verstoĂe und daher abgerissen werden mĂŒsse. Israel hielt sich aber nicht daran.
Das heute vorgestellte Gutachten ist unabhĂ€ngig von dem anderen Verfahren vor dem UN-Gericht. SĂŒdafrika hatte 2023 Israel vor den Gerichtshof gebracht und dem Land wegen der Angriffe auf den Gazastreifen Völkermord vorgehalten. Israel bestreitet diese VorwĂŒrfe. In zwei Zwischenentscheidungen hatte das Gericht Israel ermahnt, alles zu tun, um einen Völkermord zu verhindern.Â





